Nadine Kegele

 

Weihnachtsgeschichte

 

Am Nikolaustag hätte es die Gemüter kalt gelassen, an Heilig Abend war die Sache knapp. Es war das Jesuskind abhanden gekommen, in jedem toten Winkel war gesucht worden nach ihm, doch es blieb abgängig wie ein ausgerissener Halbwüchsiger. Nun trifft sich alles per Befehl im Aufenthaltsraum. Die Weihnachtsbaumspitze kitzelt die Paneeldecke, der Portier montiert die Lichterkette und die Heimleitung meint es ernst. Liebe Gäste, unser Jesuskind, unauffindbar, verzweifelt vermisst, wer auch nur die geringste Ahnung, wer auch nur den kleinsten Hinweis, wohin das Kind, der möge sich unverzüglich bei der Heimleitung, den glücklichen Finder erwarte selbstverständlich, doch jetzt, jetzt müsse das Jesuskind aufgespürt, und zurück in die Krippe, denn ohne Jesus keine Weihnacht, ob das klar genug und sonst noch Fragen. Ein Raunen geht durch die Menge, ein Husten und Schnaufen, ein Rasseln auch, und der charmante Albert lacht und spricht, das gute Kind habe wohl Ausgang, habe es, Ausgang wohl, doch niemand hört hin, bloß ein Husten und Schnaufen und Rasseln auch. Nur die schnelle Trude hat ihre Ohren auf hab Acht und seit der Albertschen Wortmeldung einen bösen Verdacht. So kriecht sie fortan hinter dem charmanten Albert her wie sein Schatten, seine Polizeieskorte, denn er ist verdächtig und sie engagiert. Über die Gehhilfe hinweg grüßt er zitternd nach links, zitternd nach rechts, küss die Hand, habe die Ehre, wie geht's der gnäd'gen Frau, was macht die werte Galle, während er in seinem Rücken Gewitterwolken aufziehen spürt und Trudes böser Blick wie das Brenneisen eines australischen Viehbauern direkt auf seinen Hinterkopf führt.

Also Obacht jetzt, schon beschleunigt er seinen hinkenden Schritt, wirft die Zimmertür hinter sich zu und der Trude mitten drauf aufs aufdringliche Aug'. Die sieht rot erst und dann - eine Erscheinung fast mystischer Art, denn niemand geringerer als der Herr Jesus ist's, der jetzt zu ihr spricht: Fürchte dich nicht. Könnt sie knicksen, würd' sie es jetzt genau tun, doch stattdessen liegt sie darnieder mit blauem Auge und Publikum, denn als sie wieder zu sich kommt, steht eine Traube Schaulustiger aufgefädelt um sie herum. Die Altenpflegerin misst ihren Puls und den Albert reut: Dass es so ende, das wollte er nicht, doch vehement verfolgt habe sie ihn, nicht zu helfen gewusst habe er sich, und die Tür, die Tür aus der Hand gefallen, ganz klar ein Unfall, ach! aber auch ein Malheur. Und als die schnelle Trude gepackt wird und hochgehoben, fällt aus ihrer Rocktasche was? Das vermisste Krippenkind, sprich: Der charmante Albert war's eigentlich nicht. Alle schauen auf das Findelkind, nur die Trude ist noch nicht ganz bei sich. Aber als sie's entdeckt und fragt: Wo wurde denn dieses aufgetrieben jetzt?, schauen alle sie an und rufen einstimmig: Bei dir! Sie sieht das Kind und denkt verwirrt: Hat etwa der Albert es mir untergeschoben hier? Mit einem Mal kommt die Erinnerung in sie zurück und ihr dämmert: Geholt hat sie's, um es zu flicken, das arme Kind, doch zwischen zuckerfreiem Frühstück und Vollkornmenü hat sie ganz vergessen darauf und die Tour de force nahm von da weg ihren Lauf. Doch nun, nun lasst uns Weihnachten beginnen!, ruft der Albert charmant, lächelt nach links, lächelt nach rechts und reicht der Trude seine helfende Hand.