Nadine Kegele

 

Update. Eine Doppelconference

 

      Wenn der Philodendron trauert, weiß Schmidtchen, es ist Zeit für Kaspanaze Lorenz. Verwundert, dass es schon wieder so spät ist, holt er im nächsten Moment die Gießkanne unter seinem Kaktuszuchtglashäuschen hervor und gießt, bis sich die Blumenstöcke der südseitigen Fensterfront erregt dem Fensterglas dahinter zuneigen, dann lacht er kurz auf, freut sich und schüttelt dabei seinen Kopf. Danach schaut er auf sein Handgelenk, zählt die Sekunden, da klingelt in der Küche auch schon seine Eieruhr, er dreht sich um, geht, als wolle er zeigen, wer hier am längeren Hebel sitzt, demonstrativ ins Badezimmer, befüllt die Gießkanne mit Wasser, stellt sie wieder zurück unter sein Kaktuszuchtglashäuschen, blickt auf den Parkplatz hinunter, wo sich nichts Neues tut, und begibt sich nach erledigtem Trotzen und Ignorieren in die Küche. Dort nimmt er zwei Eierbecher aus dem Küchenschrank und eine Eierwärmermütze sowie zwei Kaffeelöffel aus der Bestecklade, nimmt die Eier aus dem sprudelnden Wasser, gibt je eines in je einen Eierbecher, stülpt dem einen Ei sein Häubchen über, blickt kurz auf die beleidigte Eieruhr hinunter und bringt sie dann zum Schweigen. Mit seiner Eierausrüstung auf einem Dessertteller geht er zurück in seinen Wintergarten, stellt den Dessertteller mit der Eierausrüstung auf den Glastisch neben die bereits gestopfte Bent, setzt sich in seinen Ohrensessel, legt die Hände in den Schoß und wartet.

      Als das Telefon klingelt, hebt er seine wartenden Hände, schlägt dem nackten Ei zärtlich das weiße Köpfchen ein und zwickt mit Daumen und Mittelfinger langsam die gebrochene Eierschale ab, bis der Kaffeelöffel bequem hinein- und herauspasst. Als das Klingeln des Telefons verstummt, beginnt er zu löffeln. Wenn das Eigelb zerbröselt und sich über seine Hose ergießt, blickt er unauffällig nach links und nach rechts, bevor er das verlorene Material heimlich wieder zwischen seinen Beinen hervorfischt. Während er das Ei feinsäuberlich auskratzt wie seine Blumenkisten für Frischsaat im Frühling, setzt das Klingeln des Telefons erneut ein. Er stellt den ersten Eierbecher auf den Glastisch, legt den nun gelbgestreiften Löffel neben den noch ungestreiften Löffel und nimmt vor dem letzten Läuten den Hörer ab.

      "Schmidt?"

      "Guten Morgen, Schmidtchen, dachte ich mir doch, dass Sie zuhause sind. Wie geht es Ihnen, ich hoffe gut, ich sage Ihnen, mir ist heute -- wie seit Neuestem jeden Morgen -- übel geworden, aber Sie wissen, mit einer Tablette habe ich mich schnell wieder im Griff, ich muss zu Doktor Beutler schauen, mein Blutdruck, er wird nicht besser, na da wird es einem wieder vor Augen geführt, nicht wahr: wir gehören doch bereits zu den reiferen Semestern, haben Sie schon gehört, der Supermarkt in Ihrem Haus wird von einer anderen Supermarktkette übernommen, ich habe es heute in der Zeitung gelesen, ich kann dazu nur sagen, es ist allerhöchste Zeit, dieser Ostblockcharme, wie soll ich es anders nennen, ist nicht mehr zeitgemäß, auch wenn die Produkte dieselben sind, und Qualitätsprodukte, zweifelsohne, es liegt mir fern, dies zu bestreiten, aber Schmidtchen, ich sage Ihnen, das Auge isst ja mit..."

      "Guten Tag, Herr Lorenz."

      "Schmidtchen, Sie hören sich heute aber salopp an, ich glaube, es geht Ihnen gut, scheint bei Ihnen drüben etwa schon die Sonne ins Zimmer, ja was frage ich, in ihrem Aussichtsturm wird Ihnen die Sonne Tag und Nacht ins Unterhöschen lachen, sie können sich ja denken, im Parterre erwarte ich sie erst um die Mittagszeit und ist die Suppe vom Tisch ist auch die Sonne wieder über alle Berge, aber ich beklage mich nicht, Sie wissen, ich gönne Ihnen Ihre Dachwohnung, wo Sie nur den kleinen Finger ausstrecken müssen, um dem lieben Gott die Hand zu schütteln, Schmidtchen, was sagen Sie, ist nicht ein herrlicher Tag heut, was haben Sie vor, ich werde ans Grab gehen, ich habe einen wetterfesten Kranz in Auftrag gegeben, ich sage Ihnen, Schmidtchen, sehr schön, meine Blumenbinderin sieht nicht nur keck aus, sie hat tatsächlich auch Talent, im Übrigen wie die Doktor Beutler, eine famose Frau, ich gebe zu, anfangs hatte ich ja meine Bedenken, Sie wissen, diese neuen Mediziner, aber Doktor Beutler: famos, ganz famos, wo wir schon davon sprechen, wie geht es denn Hosse, hat er sich erholt, vierundvierzig und schon einen Infarkt, Sie erinnern sich, ich hatte meinen ersten erst mit vierundfünfzig, es wird immer alles schneller, Schmidtchen, es sind harte Zeiten, womit ich nicht behaupte, die hatten wir nicht auch, wir hatten harte Zeiten, natürlich, wenn das einer weiß, Schmidtchen, dann doch wir beide, aber wir hatten Ruhe, nicht wahr, Schmidtchen, Gemächlichkeit, ein Fremdwort für die Jungen, und dabei sage ich doch immer: Eile, aber eile mit Weile."

      "Wieder blau-weiß?"

      "Was sagen Sie, Schmidtchen?"

      "Ihr Blumenkranz, wieder in blau-weiß?"

      "Ja, ja, aber das wissen sie doch, Schmidtchen, die Flagge von San Marino1, sie wollte ja immer ans Meer2, es ging sich halt nicht aus, wissen Sie, Schmidtchen, ich habe da eine grandiose Idee, fahren wir doch ans Meer, Sie und ich, im Sommer, wir beide, ich sehe mich schon am Strand stehen, die Wellen schäumen mir um die nackten Füße, der Wind weht mir durchs Haar..."

      "Sie haben doch kaum Haare, Herr Lorenz, die werden Ihnen im Wind nicht wehen."

      "Schmidtchen, unter uns: ich habe mich informiert, es ist eine siebzigprozentige Chance gegeben, wenn alles gut läuft, und ich bin guter Dinge, Schmidtchen, werden mir in zwei bis drei Monaten siebzig Prozent mehr Haare wachsen, immerhin, hören Sie her: 'Stoppt Haarausfall dauerhaft und stimuliert neuen Haarwuchs.' Schmidtchen, was sagen Sie dazu?"

      "Ich sage, dass Sie womöglich zu den dreißig Prozent gehören, bei denen sich nichts verändern wird."

      "Schmidtchen, Sie alter Miesmacher, welche Laus ist Ihnen über die Leber gelaufen? Hatten Sie heute nur noch ein Ei im Kühlschrank? Dann stellen Sie das Maulen gleich ein, mein lieber Freund, Hosse sagte Ihnen doch, dass Ihre Werte zu hoch sind, Sie stehen auf Messers Schneide, Schmidtchen, rutschen Sie nicht zu früh ab, ich mag es, mit Ihnen zu plaudern, es ist erfrischend, erinnert mich an früher."

      "Ich esse nur noch ein Ei täglich. Habe ich das noch nicht erwähnt?

      " Binden Sie mir keinen Bären auf, Schmidtchen, Sie waren noch nie gut im Lügen..."

      "Herr Lorenz, Sie schimpfen mich einen Lügner?"

      "Stimmt, Schmidtchen, wie unhöflich, ich möchte Ihnen die Lüge glauben, doch hören Sie auf mich: Jedes Ei könnte das Zünglein an der Waage sein, das alles zum Kippen bringt, sozusagen das Fass zum Überlaufen, aber bei Ihnen ist Hopfen und Malz verloren, eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr, als dass Sie einen Rat annehmen, Schmidtchen, es wäre schade, Sie sind doch ganz in Ordnung, Sie wissen, ich halte große Stücke auf Sie, und auch gesundheitlich, Sie sind doch in guter Verfassung, ich will ja nicht behaupten, dass dieser Kelch ausgerechnet an Ihnen vorüber gehen wird, aber Schmidtchen, man muss das Unglück nicht herausfordern... Ich kann Ihnen sagen, wenn meine Zeit gekommen ist: gestiefelt und gespornt werde ich stehen vor dem Himmelfahrtskommando, ich lasse mich nicht zwei Mal bitten, aber eben nicht, bevor ich auf Erden meine Schuldigkeit getan habe, alles zur rechten Zeit und am rechten Ort, Schmidtchen, aber ich halte Ihnen ja schon wieder eine Gardinenpredigt, dabei wissen Sie ja selbst am Besten, wie es um Sie bestellt ist, aber bei Ihnen redet man gegen eine Wand, Ihnen gehört einmal so richtig der Marsch geblasen, aber ich darf mir ihr Cholesterin nicht so zu Herzen nehmen, da spielt mein Blutdruck nicht mit, apropos Schmidtchen, meine kaputte Hüfte, ich kann Ihnen sagen und es ist nicht übertrieben: Elvis the pelvis, schade nur, dass Sie mich nicht sehen können, alles tadellos, die Beutler prophezeite mir ja bereits vor dem Eingriff eine fast völlige Wiederherstellung und ich muss sagen, diese Frau erstaunt mich doch immer wieder aufs Neue, famos, wirklich ganz famos, diese Frau kann was, Schmidtchen, wenn Hosse länger liegt, dann gehen Sie doch mal zu ihr, ich meine ja nicht richtig überwechseln, nur so zum Zeitvertreib, als Intermezzo sozusagen, schieben Sie es aber nicht auf die lange Bank, das Damoklesschwert hängt über Ihnen, bis Hosse wiederhergestellt ist, kann es schon zu spät sein, und wenn Sie Doktor Beutler auch nicht Ihrer labilen Gesundheit wegen aufsuchen, genießen sie doch wenigstens den Ausblick, denn wie es so schön heißt: Nomen est Omen, und ich sage nur zwei Worte zu meiner Beutler: Hütte und Holz, wenn Sie verstehen, was ich meine, mein Lieber, aber wir kommen ja vom Hundertsten ins Tausendste, übrigens Schmidtchen: die Familie, die unser Haus gekauft hat, ich habe es bei meinem letzten Spaziergang gesehen, ich sage Ihnen ganz ehrlich, mir ist kurz schwarz geworden vor Augen, dabei habe ich mich meistens ganz gut unter Kontrolle, jedenfalls, wenn ich die Tabletten nehme, die mir die Beutler..."

      "Die Familie, Herr Lorenz, ich habe nicht den ganzen Tag für Sie Zeit."

      "Ah ja natürlich, Schmidtchen, jedenfalls die Familie, die unser Haus gekauft hat, die hat seit Neuestem einen Hund, stellen Sie sich das mal vor, wahrscheinlich pädagogische Erwägungen, ein Vierbeiner für das Einzelkind, ich kann es nicht hören, wenn es heißt, die typische Durchschnittsfamilie bekommt 1,2 Kinder, das ist doch nicht normal, Schmidtchen, und statt einem zweiten Kind lieber einen Hund?, wo kommen wir denn da hin, im Übrigen, Sie wissen ja, ich mache aus meinem Herzen keine Mördergrube, wenn ich ein Tier verabscheue, dann den Hund, immer dreckig, immer hungrig, frisst einem geradezu die Haare vom Kopf, und ist unterwürfiger als der unterwürfigste Soldat, dafür liebe ich Katzen sehr, man kann mich also keinen Tierverächter nennen, nein, da täte man mir wirklich Unrecht, habe ich Ihnen erzählt, dass ich immer eine Katze wollte, aber ich scheiterte an meiner Frau, ja, hier hat die Ilse immer auf stur geschalten, sobald im Fernsehen Katzenfutter- oder Katzenstreuwerbung lief, hat sie das Programm gewechselt, dabei haben wir beide gern Werbefilme gesehen, denn darin kamen wir überein: Werbung ist Information, und wenn Sie mich fragen, Schmidtchen, man kann nicht informiert genug sein, selbst wenn ich keine Katze besitze, sollte ich doch wissen, wie sich Katzen ernähren, stellen Sie sich nur vor, mir läuft eine Katze zu, dann muss ich doch erst einmal für sie sorgen, aber dafür muss ich doch wissen, was so eine Katze essen möchte, aber da war meine Ilse eigen, wenn ihr partout etwas nicht ins Haus kam, dann war das eine Katze, schade eigentlich."

      "Ihnen wurde also schwarz vor Augen weil die Familie nur 1,2 Kinder hat und Sie Hunde aus Überzeugung ablehnen."

      "Nein, wo denken Sie hin, Schmidtchen, diese Familie kann Kinder bekommen so viele sie möchte, 1,2, 1,5, 1,7, und dass ich Hunde verabscheue tut hier bei Gott nichts zur Sache, aber es tut mir im Herzen weh, wenn ich daran denke, wie dieser Hund mit seinen Dreckspfoten den schönen Kirschholzboden zerkratzt, können Sie sich erinnern, ich habe doch den Boden eigenhändig gelegt, das war 77, als die Kinder aus dem Haus waren und wir endlich die Hypothek abbezahlt hatten, ich sage Ihnen offen und ehrlich, ich würde lügen, würde ich behaupten, das Geld wäre uns einfach so zur Verfügung gestanden, das schüttelt man sich nicht so leicht aus dem Ärmel, Kirsche, ein gutes Holz, wir haben damals ein Darlehen aufgenommen bei Ilses Bruder, zinsenfrei, er wollte kein Geld von seinem Schwager annehmen, ich höre es ihn noch sagen in seinem singenden Tonfall, dabei verlangt das doch jede Bank mit ihrem guten Recht, und ich will ja nichts geschenkt, nein, das läge mir nun also wirklich fern, Sie wissen ja, Schmidtchen, ich konnte ihn nie leiden, aber das ging nicht von mir aus, ich bin ja die Friedfertigkeit in Person, aber ich war ja angeblich nicht gut genug für seine Schwester, das hat er mich natürlich spüren lassen, dabei habe ich alles getan für meine Frau, bin für ihren Kirschholzboden sogar zu Kreuze gekrochen bei diesem Bruder, der mich zeitlebens nicht akzeptieren wollte, aber ich habe mich nie beschwert, Schmidtchen, ich habe es auf mich genommen, und wollen Sie wissen wieso?"

      "Wieso?"

      "Weil ich die Ilse geliebt habe, sie war die Beste, sie war besser als Sie und ich zusammen, Schmidtchen, und ich habe ihr nie das Meer gezeigt, obwohl das ihr größter Wunsch gewesen war, Ihnen kann ich es ja sagen, Schmidtchen, jetzt wo wir so offen zueinander sind, das Meer wünschte sie sich eigentlich noch mehr als den Kirschholzboden, aber Schmidtchen, ich habe es nicht übers Herz gebracht, um Geld zu betteln für einen Urlaub, da spielte ich lieber den mit wenig zufriedenen Familienvater, der keinen Urlaub braucht, um glücklich zu sein, ja der zuhause am Glücklichsten ist, und Schmidtchen, es war ja so, da lüge ich nicht das Blaue vom Himmel, ich war am Glücklichsten in meinem eigen kleinen Häuschen, in meinem eigenen kleinen Garten, aber die Ilse, sie hätte das Meer schon verdient, ich werde es mir nie verzeihen, dass ich es ihr nie gezeigt habe, seien wir ehrlich, Schmidtchen, ich hätte mir doch keinen Zacken aus der Krone gebrochen, ich hätte doch nur fragen müssen, das Geld hätte ich bekommen, und das Gerede hinter meinem Rücken hätte mich nicht weiter stören dürfen, denn ich sage Ihnen Schmidtchen: die Hunde bellen, aber die Karawane zieht weiter, doch ich stellte meinen eigenen Hochmut vor Ilses Glück, dabei wissen wir doch alle: Hochmut kommt vor dem Fall, ja und jetzt warte ich natürlich auf diesen Fall, jeden Morgen erwarte ich ihn, irgendwann wird der Tag kommen, und da wird nicht lange gefackelt, Schmidtchen, da wird man zur Rechenschaft gezogen, ich hoffe aber auf mildere Umstände, da ich den Fehler eingestanden habe, und dasselbe rate ich auch Ihnen, Schmidtchen, nehmen Sie Ihre dunklen Seiten an und reuen Sie, solange Sie noch reuen können, denn vor dem Jüngsten Gericht hat es sich ausgereut, da wird nur noch bestraft, und das nicht zu kurz..."

      "Wollen Sie mir unterstellen, ich hätte meine Frau unglücklich gemacht, Herr Lorenz, damit gehen Sie aber entschieden zu weit, ich habe meiner Frau alles..."

      "Ja jetzt setzen Sie sich aber wieder auf Ihre vier Buchstaben, Sie sind zu schnell aufgebracht, Schmidtchen, Sie können nicht immerzu so aus der Haut fahren wie von der Tarantel gestochen, das bekommt Ihnen nicht, Sie sehen ja, wie es dem alten Heinrich ergangen ist!"

      "Herr Heinrich starb an einer Blutvergiftung?!"

      "Ja ganz Recht, aber da hat er sich schon hineingesteigert in diese Blutvergiftung, da muss man aufpassen wie ein Schießhund, Ursache -- Wirkung, Schmidtchen, ein ganz einfaches Prinzip, aber jetzt stecken Sie mal nicht den Kopf in den Sand, der Zug ist noch nicht abgefahren, eine Kontrolle bei der Beutler und Sie reißen wieder Bäume aus, und zu Ihrem geistigen Seelenheil sage ich nur eines: jeder hat eine Leiche im Keller, oder wandeln Sie etwa über diese Erde wie ein zweiter kleiner Jesus, nein, nein, Schmidtchen, Sie sitzen da bequem in Ihrem Elfenbeinturm, waschen Ihre Hände in Unschuld und wähnen sich unfehlbar, aber ich warne Sie, selbst ein unbedachtes ruppiges Wort an ihren Briefträger ist ein unbedachtes ruppiges Wort zu viel, aber Schmidtchen: noch ist Polen nicht verloren, Sie müssen sich nur klar werden über Ihre Abgründe, diese annehmen und sie dann überwinden, und wenn Ihr letztes Stündchen geschlagen hat -- aber Gott möge verhüten -- werden Sie aufatmen, weil sie leichten Gewissens vor die Höllenteufel treten können, ja ins Fäustchen lachen werden Sie sich, weil Sie alles zu Lebzeiten gebüßt und nichts zum Bestrafen übrig gelassen haben, Sie müssen es sich nur richten, Schmidtchen, ich halte es ja mit dem Grundsatz: warum schwer, wenn es auch einfach geht, schreiben Sie sich das am Besten hinter die Ohren, mein lieber Freund, und Schmidtchen, Trübsal blasen hilft da nichts, nun lachen Sie aber mal ordentlich, tun Sie mir den Gefallen, ein richtig schönes homerisches Gelächter will ich hören von Ihnen, das öffnet wieder Herz und Seele, denn Schmidtchen, lachen ist besser als jede Therapie, das gibt Ihnen wieder frischen Lebensmut, ich sage Ihnen, da liegt bei vielen der Hund begraben, es wird einfach zu wenig gelacht, kein Grund sich zu schämen..."

      "Na Sie reden ja, als hätten Sie das Lachen erfunden!"

      "Nun legen Sie meine Worte nicht auf die goldene Waagschale, Schmidtchen, Sie wissen, wie ich es meine, ich möchte ja nur Ihr Bestes, ich sorge mich um Sie, heute ist es nur das Cholesterin und morgen dann Blutvergiftung, Schmidtchen, ich werde Ihnen etwas erzählen: Sie werden es kaum glauben, aber selbst ich bin nicht immer dieser Sonnenschein, als den Sie mich kennen, doch sobald ich Wolken aufziehen sehe am Firmament, sage ich zu mir: 'Reiß dich am Riemen, Kaspanaze, alles wird gut!' und ich halte mich daran, wissen Sie, ich brauche eine harte Hand, mich muss man fest an die Kandare nehmen, und seit meine Frau nicht mehr ist, hab ich sozusagen die Zügel selbst in der Hand, und, das können Sie mir ruhig glauben, Schmidtchen, ich bin mein größter Kritiker, aber streiten wir nicht um des Kaisers Bart, erfunden habe ich es natürlich nicht das Lachen, aber zunutze gemacht habe ich es mir, und das sollten Sie auch, Schmidtchen... [kurze Pause, dann ungläubig ermittelnd] Schmidtchen, was höre ich da, [aufgeregt, laut, außer sich] ja sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen, Schmidtchen, rauchen Sie etwa?"

      "Wie kommen Sie denn darauf, Herr Lorenz, Sie träumen wohl, Sie wissen , dass ich das Rauchen aufgegeben habe."

      "Schmidtchen, lügen Sie sich doch nicht selber in die Tasche, ich höre Sie doch ziehen an Ihrer Pfeife, denken Sie ich bin auf die Ohren gefallen!, das ist ja allerhand, das schlägt dem Fass nun aber wirklich den Boden aus, Schmidtchen, das setzt der Sache die Krone auf, ich hätte jetzt nicht übel Lust den Hörer in die Gabel zu werfen, Ihnen gehören ja einmal so richtig die Leviten gelesen, Schmidtchen... [beruhigt sich wieder] ich kann es Ihnen durch die Blume sagen oder auch ganz unverblümt: ich sehe keine Hoffnung mehr für Sie, ich möchte ja nicht den Teufel an die Wand malen, denn ich glaube nicht an die Unverbesserlichkeit des Menschen, ganz im Gegenteil, und noch ist nicht aller Tage Abend, aber darauf kann und will ich mir keinen Reim machen, nicht genug, dass Sie mir frech ins Gesicht lügen, Sie treten auch Ihre eigene Gesundheit mit Füßen, dabei haben Sie's doch auf der Lunge, Schmidtchen, Sie hätten doch letzten Winter fast das Zeitliche gesegnet und jetzt das!, ich glaube es nicht, schimpfen Sie mich ungerecht, aber das geht zu weit, Sie werfen Ihr Leben wie Perlen vor die Säue, dabei sind Sie doch stark, Schmidtchen, Sie haben es doch schon einmal bewiesen, Sie haben doch schon einmal aufgehört damit, wie lange?, 5 Jahre, 6 Jahre?, jedenfalls ein wirkliches Malheur, dass Sie diese Zeit so einfach wegwerfen, ja, ich weiß, da war Ihre Frau und alles, aber Schmidtchen, Sie dürfen Ihr Schicksal nicht herausfordern, habe ich nicht vorhin gesagt, es gibt für alles eine rechte Zeit, Schmidtchen, für Sie ist es noch nicht so weit, was Sie da treiben ist ja glatt Selbstmord, Sie stehen mit einem Fuß im Grab... Schmidtchen, Schmidtchen, Sie ungläubiger Thomas Sie, Doktor Hosse versteht sein Fach, wenn der Ihnen sagte, es steht schlecht um sie, dann nehmen Sie das nicht auf die leichte Schulter, und kanzeln Sie mich nicht ab, Schmidtchen, ich weiß, dass Sie das nicht gerne hören, aber es ist ernst um Sie bestellt, Sie spielen russisches Roulette, man muss einfach wissen, wann genug ist, und da können Sie jetzt natürlich ins Treffen führen, so schnell schießen die Preußen nicht, aber Schmidtchen, wenn Sie denken, ich lasse zu, dass Sie sich zu Tode rauchen, haben Sie sich geschnitten, mein lieber Freund, das ist ein Schlamassel, ich werde gleich morgen in die Apotheke marschieren und mich informieren, da gibt es diese Pflaster, Schmidtchen, oder Kaugummis, ich glaube, es gibt auch Kaugummis, na ja, Hauptsache es hilft, nicht wahr, Schmidtchen, Ihnen sitzt ja fürwahr der Schalk im Nacken, [ungläubig den Kopf schüttelnd] raucht Pfeife und spielt Komödie, ich sage Ihnen nur das eine, Schmidtchen: Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige und der größte König ist der Tod."

      "Sie sprechen ja wie mein Vormund -- dagegen möchte ich mich entschieden wehren! Wenn ich rauchen will, dann rauche ich auch ohne Ihre Erlaubnis, Herr Lorenz. Und bei dieser Gelegenheit möchte ich Sie darauf hinweisen, dass Sie von etwas sprechen, das Ihnen gänzlich fremd ist. Da Sie nie geraucht haben, können Sie nicht im Geringsten nachempfinden..."

      "Ja ja, Schmidtchen, ruhig Blut, Sie brauchen sich nicht zu verteidigen, Sie sind natürlich ihr eigener Chef, ich sprach nur im Namen Ihres Gewissens zu Ihnen, und ich verstehe schon, dass Sie dieses Gewissen nicht gerne hören, da es doch ein schlechtes ist, aber Schmidtchen, ich fühle mich Ihnen in gewisser Weise verpflichtet, und jetzt wo die Bombe geplatzt ist, kann ich es Ihnen ja sagen: der Blumenstock, den ich Ihnen letztes Jahr geschickt habe, filtert Schadstoffe aus der Luft, ich kaufte ihn also mit Rücksichtnahme auf Ihre mangelnde Willenskraft, denn ich hatte Sie seit längerem schon im Verdacht, dass sie wieder begonnen haben, und ich sagte zu mir: 'Kaspanaze', sagte ich, 'wenn er es schon nicht lassen kann, dann sorg du dafür, dass er nicht zudem noch in einer verpesteten Wohnung sitzt und sich unbemerkt zu Tode atmet', das ist diese Sache mit dem Passivrauchen, wissen Sie, wie geht es eigentlich dem Stock, den ich Ihnen letzten Winter geschickt habe, treibt er gut?, na ich glaube, in Ihrem Sonnenturm wird er sich schon auswachsen zu einer Schlange mit sieben Köpfen, aber Sie erinnern sich, Schmidtchen: tränken Sie ihn nicht zu oft, Philodendren brauchen kaum Wasser."

      "Ihr Philodendron gedeiht sehr schön, Herr Lorenz, eine sehr dankbare Pflanze."

      "Freut mich, Schmidtchen, freut mich, schicken sie mir mal einen Ableger... Aber wieso ich eigentlich anrufe, Schmidtchen: was haben Sie denn heut für mich?, Sie wissen ja: der Mensch lebt nicht vom Brot allein."

      "Je mehr es bekommt, desto hungriger wird es. Wenn es alles gefressen hat, dann stirbt es."

      "Warten Sie, warten Sie, nicht so schnell, Schmidtchen, ich schreibe ja mit: 'Je mehr es bekommt...' "

      "...desto hungriger wird es..."

      " '...desto hungriger wird es...' "

      "Wenn es alles gefressen hat..."

      " 'Wenn es alles gefressen hat...' "

      "...dann stirbt es."

      " 'dann stirbt es', ist notiert, Schmidtchen, ist notiert: 'Je mehr es bekommt, desto hungriger wird es und wenn es alles aufgefressen hat, stirbt es.', [grübelnd] sehr interessant, ich hoffe, ich komme auf einen grünen Zweig, denn das Letzte hat mich fast zur Verzweiflung gebracht, ich habe es versucht, ich habe es wirklich versucht, das müssen Sie mir glauben, Schmidtchen, aber es hat mich regelrecht zur Weißglut getrieben, einen kurzen gefährlichen Moment war mir danach die Gardinen niederzureißen, aber dann hab ich mir gesagt: 'Kaspanaze', habe ich gesagt, 'reiss dich zusammen, Kaspanaze, es ist nur ein Rätsel', aber nun sagen Sie's mir, Schmidtchen, was ist die Lösung?"

      "Die Sterne."

      "Sterne?! Nicht schlecht, Schmidtchen, wirklich nicht schlecht! Sterne, mein lieber Schwan..." [grübelt]

      "Was meinen Sie, Herr Lorenz, wie heißen wohl die Einwohner von San Marino?"

      "Schmidtchen, Schmidtchen, Sie sind heute aber sprunghaft... [überlegt] hm, San Marino?, ... San Mariner vielleicht, oder nein, nein, San Marinesen, ja San Marinesen womöglich, aber wie kommen Sie denn jetzt darauf, Schmidtchen, doch ... jetzt wo Sie's sagen, ich muss ja los, verflixt, ich wollte doch noch vor der Mittagszeit wieder zurück sein vom Friedhof, ich gehe heute zu Fuß, es ist warm, endlich, wenn Sie mich fragen, der Winter dauert ja schon viel zu lange, und auf dem Rückweg werde ich noch durch unsere alte Straße gehen, soll ich Ihre Tochter von Ihnen grüßen, Schmidtchen, das heißt, wenn sie bereits aus den Ferien zurück ist, sie erwähnte da etwas beim letzten Mal, na, ich sage Ihnen, Schmidtchen, Ihr gepflegter Garten ist ganz schön verwildert, Ihre Tochter hat sichtlich nicht Ihren grünen Daumen geerbt, aber ansonsten muss ich sagen, Ihr Haus ist gut in Schuss, unter uns: ich vermute ja, dass Ihr Schwiegersohn -- auch wenn man es ihm nicht ansieht, [Handbewegung] Anzugträger sind ja meist, na ja Sie wissen schon -- na jedenfalls ich vermute, er ist ein sehr tüchtiger Handwerker, da hat ihre Tochter tatsächlich einen guten Fang gemacht, besuchen Sie sie doch einmal, wenn sie aus den Ferien zurück ist, denn Schmidtchen, Sie wissen, ich bin kein Freund vieler Worte, deshalb sage ich Ihnen das nur einmal und der Rest ist Schweigen: Ihre Tochter fragt oft nach Ihnen, ich bin mir sicher, sie würde sich freuen, Sie wiederzusehen, also geben Sie sich einen Ruck, mein Freund, markieren Sie nicht den Barbaren, sie ist doch Ihr einziges Kind, [schaut kurz auf die Uhr, dann überrascht:] so, ich muss, Schmidtchen, ich muss, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag, hören wie uns wieder Donnerstags?"

      "Wenn ich zuhause bin."

      "Schmidtchen, wir hören uns. Und lassen Sie sich die Eier schmecken." Da war die Verbindung auch schon abgebrochen. Herr Schmidt hielt sich den Hörer noch immer ans Ohr, dann hängte er ein. Seine Hand fuhr langsam über den Kopf, einmal, zweimal, dann erhob er sich aus seinem Sessel, ging in die Küche, nahm den Kalender vom Nagel, ging wieder zurück in seinen Wintergarten, blätterte vor bis April, bis Mai, blätterte weiter bis August und notierte mit bedacht langsamen Bewegungen: 'San Marino'. Er lächelte, legte den Stift auf den Glastisch neben seine Pfeife, nahm ihn sofort wieder in die Hand und fügte ein dickes Rufzeichen hintan. Dann legte er den Kalender weg, nahm den Dessertteller auf die Knie und schlug dem zweiten Ei den Kopf ein.




1 Republik in Südeuropa, vollständig umgeben von Italien, zwischen Rimini und Pesaro. Nicht zu verwechseln mit Fräulein Elses Kurort San Martino, Trentino, Italien. (zurück)
2 Hier irrt Lorenz. Schmidt weiß dies. Schmidt weiß dies seit Jahren. Denn streng genommen liegt die Republik San Marino nicht am Meer, doch von der Festung La Guaita auf dem Felskamm Monte Titano sieht man hinunter auf die Adria. Immerhin. Schmidt lässt es gelten. Im Übrigen handelt es sich um den Urlaubstraum der verstorbenen Gattin. Da kann man schon ein Auge zudrücken und es nicht so streng nehmen mit der Geographie, findet Schmidt. (zurück)