Beim nach Hause Kommen und Betreten des Vorzimmers denkt er an bunte Blumen. An jene, die er vergaß mitzubringen, um sie glücklich zu machen, sie fröhlich zu manipulieren. Sie sei depressiv von Natur, das hat sie ihm am ersten Tag gesagt, sie wolle nur alleine sein oder mit ihm, das hat sie ihm am zehnten Tag gesagt, doch er will nicht mit ihr, nicht immer jedenfalls, das hat er ihr nie gesagt, und sie weiß es dennoch, will es bloß nicht ausgesprochen hören, das will niemand. Seinen Morgenspaziergang mag er alleine gehen, mit sich, mit niemandem sonst, sie versucht, es nicht persönlich zu nehmen, manchmal gelingt es ihr. Wenn er nach Hause kommt bringt er meist Blumen mit sich, bunte Blumen, weil Farben mag sie. Aus diesem Grund ist auch die schwarz gelackte Eingangstür, deren Flügel nach innen öffnen, übermalt, damit sie, wenn sie den Schlüssel in das Schloss steckt, dreht und öffnet, nicht jedes Mal die Angst überkommt, in ein Grab zu stürzen. So hat sie es ihm nach ihrem Einzug gesagt und er, er begann die Tür zu streichen als sie die Wohnung verließ und war fertig geworden, als sie wieder nach Hause kam, und als sie nach Hause kam, hat sie sich gefreut. Sie hat es nicht gesagt, doch an ihren Ohren, an ihren Ohren hat er es gesehen, die wackeln himmelwärts, wenn sie sich freut, das hat sie ihm am ersten Tag gesagt und am zehnten hat er es selbst gesehen, ein Körpertalent, für ihn so aufregend, als würde sie mit dem Hintern Bleistifte zerbrechen.
Und so lernten sie einander kennen, zehn, zweihundertachtunddreißig, eintausendneunhundertundfünfundsiebzig, elftausendeinhundertundsechzig, neunzehntausendfünfhundertundzwölf Tage lang und alle hat er sie aufgeschrieben auf den letzten, unbedruckten Seiten seiner dreißigbändigen Encyclopaedia Britannica, er hat sie alle notiert in seiner aquamarinblauen Tinte, damit die gemeinsamen Tage weder durch die Zeit noch durch seine Hand je zu löschen sein würden. Die Encyclopaedia Britannica, dieses Monster an Lexikon, erstand er an jenem Tag, als er sie zum ersten Mal sah, an jenem Tag, an dem er sich auf der Stelle in sie verschaute, an dem seine Augen von ihr angezogen wurden wie Blutegel von einer offenen Wunde, magisch. Geliebt hat er sie später erst, aufgehört hat er seither nie, wenn überhaupt, dann vereinzelte Tage nur, sieben vielleicht, oder acht, ansonsten aber immer, denn sie sind ein Langzeitprojekt, sie sind der Orient Express, sie sind ewig währende Kernfusion, sie sind das viertgrößte Liebespaar nach Romeo und Julia, nach Tristan und Isolde, Alexander und Dunja.
Die Encyclopaedia Britannica steht unter der Schirmherrschaft namhafter und berühmter Nobel- und Pulitzer-Preisträger und -Preisträgerinnen, unter der Schirmherrschaft von Albert Einstein, Sigmund Freud, Marie Curie oder George Bernard Shaw. Sie alle wurden für die Erarbeitung der Lemmata herangezogen, alle, alle haben sie mitgewirkt, hat er sich damals gedacht, und denkt es bis heute, ungebrochen, ihre Liebe steht unter der Schirmherrschaft der größten Köpfe, und auch wenn der Kopf nicht unbedingt da erste körperliche Synonym in der Liebessymbolik war, und auch wenn sie weder Englisch spricht noch versteht, seine dreißigbändige Encyclopaedia Britannica aber auf Englisch verfasst war, für ihn war es das Zeichen, dass alles gut werden würde mit ihr, und bisher, so denkt er sich jeden Tag, wenn er ganz Buchhalter der Liebe über den Rückseiten der Encyclopaedia Britannica bei seiner aquamarinblauen Additionsnotiz sitzt, hat er sich nicht geirrt. Das Zeichen hat bis heute Bestand, es ist nicht tot zu kriegen, wie die Alpen.
In Fünfergrüppchen von jeweils vier senkrechten Strichen und einem Querbalken sind die hinten leeren Lexikonseiten voll gekritzelt, Additionswürste bis auf den letzten Zentimeter, es sieht aus wie das Werk eines Psychopathen, würde sie es jemals zu Gesicht bekommen, sie würde sich fürchten ob seiner Obsession, ihre viertgrößte aller Lieben würde verkommen zu einer banalen Aversion, dabei meinte er seine Rechnerei romantisch, zu mehr Romantik wären selbst Hölderlin und Novalis nicht fähig gewesen, er gibt alles.
Und die neunzehntausendfünfhundertundzwölf Tage schließlich, die sind, ja schon, der einfachen Dezimalberechnung wegen in Fünfergrüppchen eingeteilt, doch schlussendlich ergibt so ein Fünfergrüppchen auch, und darin sieht er erneut ein Zeichen, die Beatles plus Yoko Ono. Denn 1966 hat John Lennon Yoko Ono zum ersten Mal gesehen, und 1966 hat Kaspar Köhnigstein Charlotte Beeran gesehen, auf dem Münchenkonzert der Beatles nämlich, nachdem er nachmittags die dreißigbändige Encyclopaedia Britannica in einem Antiquariat erstanden und unter Schweiß ins Auto gehievt hatte. Und er musste sich geradewegs in sie verschauen, ja ein Müssen war es gewesen, magisch war es gewesen, seine Augen waren angezogen worden von dieser Frau wie Blutegel von einer offenen Wunde, wie Kühlschrankmagnete von Eisenbahnschienen, wie gesteuert von einer, ja, höheren Macht. Und so, wie andere von Gotteslenkung sprechen, von Schicksal, so spricht er vom Münchenkonzert, alles magisch, ganz besonders Charlotte. Und John und Yoko? Die waren das fünftgrößte Liebespaar der Geschichte. Nach Romeo und Julia, Tristan und Isolde, Alexander und Dunja, Kaspar und Charlotte. Für Kaspar Köhnigstein waren diese Hinweise genug der Zeichen, mehr musste er nicht wissen, die Situation war eindeutig.
Und als 1980 die letzten Tage von Lennons Todesjahr vorüber gingen und Kaspar bei keiner Lesung am Lesetisch, bei keiner Buchpräsentation am Signiertisch oder ganz unglamourös vor seiner Haustür erschossen worden war, da wusste er, das mit ihm und Charlotte, das war Superkleber.