Watet Klee durch den Morast philosophiert er gerne über das eine oder andere und vor sich hin. Weil Morast, so Klee, hat etwas Philosophisches. Weil Morast ist nicht gefährlich, so wie Schlamm, sprich: Zeit zum Denken statt Versinken, aber Morast ist auch nicht so fest wie fester Boden, sprich raus aus der Realität und Gedankenriss. Klees Weg führt ihn an den Waldrand, den morastigen, durch den morastigen Waldrand hindurch und hinein in eine Lichtung, eine helle, weil dort, aber nicht ganz Lichtung, sondern an der Schattenseite daneben, geht Klee samstags morcheln.
[Anmerkung: "Morcheln" wird hier verwendet als Verb. Dieses Verb setzt sich zusammen aus der Morchel, dem Substantiv, und der Tätigkeit des Suchens, dem Tunwort, das im erfolgreichsten Fall auch ein Resultat nach sich zieht. Das im erfolgreichsten Fall Gefundene, das Resultat, ist in dieser Geschichte die Morchel, diese vielgestaltige Eigenart von Pilzen, und Morcheln suchen geht Herr Klee regelmäßig. Um nun den Sprachaufwand zu reduzieren, werden die Morchel und das Suchen zusammen gezogen. Und deshalb geht Herr Klee schlicht morcheln, nicht suchen. Das Ergebnis ist dasselbe. Die Suchintervalle auch.]
Es ist ein Samstag Mitte Mai und Klee morchelt. Nun klingt das ja nach Privatvergnügen, doch nicht so bei Klee, bei Klee Demütigungsverfahren. Die Morchel hat Saison von April bis Mai, keine lange Zeit. Und doch: Die letzten Wochen wie Jahre für Klee. Weil der bereits Mitte März morchelte, morcheln geschickt wurde, denn es könnten ja verfrüht. Doch nichts und Fehlanzeige. Bis zum 20. April. Die Saison begann spät, dann aber Stichtag. Seitdem jeden Samstag Morchelmittagstisch. Morcheln in der Suppe, Morchelcarpaccio mit Rucolasalat, Morcheln mit Sellerie-Maultaschen und Zitronenthymian, Morcheln mit Steinbutt in Champagnersoße, Rehrückenmedaillons im Morchel-Crêpe mit Preiselbeeren und Rotkraut. Morcheln jeden Samstag.
[Anmerkung: Die Morchel ist ein zur Klasse der Schlauchpilze gehörender Pilz. Ihr Fruchtkörper gliedert sich in einen hohlen Stiel und einen hohlen bräunlichen Hut. Als ausgesprochene Delikatesspilze gelten die Speisemorchel und die Spitzmorchel.
Herr Klee sammelt ausschließlich Speisemorcheln. Der Unterschied liegt in Größe als auch in Farbe. Der Speisemorchel Stiel ist hell bis gelbweiß, jener der Spitzmorchel weißgelb bis blassbraun. Durchaus Farbbereiche, die sich überschneiden, fand Herr Klee.]
Klee schätzte Morcheln, doch irgendwann auch einmal Sense, irgendwann zu viel des Guten. Aber alles Mittel zum Zweck, wusste Klee, alles nur Bestrafung. Weil Klee auf Pilzsuche von sieben bis elf, seine Frau auf Friseurbesuch von neun bis halb zwölf. Dann genug der Morcheln, genug des Dreiwettertafts, schweigen am Mittagstisch und stiller Vorwurf.
[Anmerkung: Die Speisemorchel ist nicht zu züchten, sie muss im Wald gesammelt werden.]
Klees Frau heiratete gegen den Willen ihrer Familie. Sie aus gutem Hause, Nähe zum Hochadel, er Mittelstand und Autowerkstatt. Sie liebte Klee ohne Erlaubnis. Ihr Erbe bekam sie dennoch. Sie war eine heitere Frau gewesen, das hatte Klee verführt und er liebte sie lange. Aber irgendwann nur Gegenteil. Angst vor Virginia Woolf und das ohne den treuen Tröster Alkohol und ohne Happy End. Wenn Klee an seine Frau dachte,
dann zärtlich an jene, die er geheiratet hatte, und mitleidig mit jener, als die sie sich heute gab. Beim Morcheln dachte Klee ständig an seine Frau.
[Anmerkung: Die wandelbare Speisemorchel ist leicht zu verwechseln mit giftigen Morchelarten wie der Stinkmorchel. Als Erkennungsmerkmal entscheidend ist der Hut: Während die Speisemorchel einen wabenartigen Hut besitzt, löst sich jener der Stinkmorchel in Längsstreifen auf.]
Watet Klee durch den Morast hindurch und zur Lichtung hinauf, denkt er immer an seine Frau. Am 20. April hatte er die ersten Morcheln gefunden. Am 20. April hatte seine Frau es ihm gesagt. Nun einen ganzen Monat her, hatte sich die Lage zugespitzt, dachte Klee. Er blickte auf seine Schuhe. Die schritten wie unabhängig von seinem Körper vor ihm her. Ein Fuß vor den anderen, regelmäßig und bedächtig, so stellte er sich Physiotherapie vor. Klee dachte daran und strauchelte. Zweifel schon seit langem und nun Zaghaftigkeit.
[Anmerkung: Die giftige Stinkmorchel gedeiht nicht selten auf Grabhügeln. Dies führte zu dem Aberglauben, dass, wo eine Stinkmorchel sprießt,
ein Toter läge, der mit einem ungesühnten Verbrechen gestorben sei. Herr Klee mag diesen Gedanken, er findet ihn so herrlich unbeweisbar.]
War Klee durch den Morast hindurch klopfte er sich am obeliskförmigen aber erheblich kleineren Stein seine Schuhe ab und weiter. Sieben Uhr dreißig und seit einer halben Stunde auf dem Weg. Kurz vor acht würde er auf den Rammsteiner treffen und dessen Hund. Jeden Samstag war's so gewesen. Rammsteiner war nach der Uhr gerichtet, nach der inneren Uhr seines Hundes. Mit einem Haustier geregeltes Leben also, dachte Klee und wie aufs Stichwort Vogelgesang. "Zwitschermaschine", dachte Klee, vier Vögel auf einem Ast, fast Seil, um ein Gestänge wie Spanferkelspieß zum Drehen, das Griffstück wie das eines Schürhakens, die Schnäbel weit offen, nach oben gestreckt, ein Tumult aus den Mündern und laut, von oben ein fliederfarbenes Öffnen der gräulichen Wolken und Lichteinfall, spiegelt sich am Boden wie in einer Glasplatte und schneidet die dickgraue Luft, aus den offenen Mündern spuckt Blut oder es schnappt die Zunge aus den Schnäbeln.
[Anmerkung: Aufgrund ihres Vorkommens auf Gräbern wird die Stinkmorchel auch Leichenfinger genannt.]
Klees Frau war allergisch auf Spitzmorcheln und Klee war gelernter Mechaniker. Aber seit vielen Jahren nun Büro statt Schmieröl und von Allergien keine Ahnung. Aus heiterem Himmel eine Pilzallergie, nein, aus heiterem Himmel eine bestimmte Pilzallergie. Fünfzig Jahre lang nichts, im März rote Pusteln an Oberkörper und Oberarmen. Klee hatte es nie gesehen.
[Anmerkung: Typisch für die Stinkmorchel ist der aasartige Geruch.]
Samstags fuhr Klee los um sechs Uhr vierzig, dann nur genug der Morcheln um pünktlich für das Mittagessen. Morcheln sind selten, die Suche danach ausgedehnt. Denn auf einen guten Pilz zehn schlechte. Dass der samstägige Mittagstisch ein Speisemorchelgericht beinhalten musste war kurz vor Ausbruch der Spitzmorchelallergie beschlossen worden. Seine Frau wollte es. Er sagte nichts, es war sein Gewissen.
[Anmerkung: Im 4. Jahrhundert vor Christus stellte Lais von Korinth Männern gegen ein hohes Verdienst ihre Konversation und ihren Charme zur Verfügung.
Lais war nicht nur ihrer Schönheit wegen berühmt, sondern auch wegen ihres beträchtlichen Preises. Einzig von dem Philosophen Diogenes nahm sie für keinen ihrer Dienste Geld an.]
Bei der Wegbiegung sah Klee auf die Uhr, kurz vor acht. Rammsteiner musste jeden Moment um die Kurve biegen. Zuerst der Hund, dann der Rammsteiner. Klee verminderte sein Tempo, ihm war nach einem freundlichen Gesicht. ästhetisch gesehen war Rammsteiners Gesicht ein nur wenig freundliches, er war mehr Fahndungsfoto als Foto eines Freundes. Doch im Gespräch immerzu Wohlwollen.
[Anmerkung: Lais von Korinth musste ihren Preis herabsetzen, als sie älter wurde. Der menschliche Körper verliert an Wert.]
Da war er, der Hund, und den Rammsteiner hörte Klee auch schon. Er blieb stehen und wartete. Der Hund rannte auf ihn zu, wirbelte herum um ihn und bellte und sprang an ihm hoch. Klee mochte dieses Gehabe nicht. Es war nett und zutraulich, doch ihm zu laut und aufgeregt. Der Rammsteiner hingegen die Ruhe vorneweg. Zuerst ein Lächeln, dann den ewigen ersten Satz. Ob er denn wieder auf Morchelmörder mache heut. Klee bejahte und schob ein Lachen hinterher,
als hörte er's zum ersten Mal. Rammsteiner mochte das. Der Rammsteiner war einer, der sein Leben eingeteilt hatte und zufrieden war mit sich in diesem zeitlichen Gefüge. Er schätzte die Regelmäßigkeit und das Fortdauern des Periodischen, mit überraschenden Wendungen musste dem Rammsteiner niemand kommen.
[Anmerkung: Lais' Grabmahl zeigt einen Widder, der von einer Löwin zerrissen wird.]
Ob er denn aus Wien wieder komme, so der Rammsteiner, und ja, das tue er, so Klee. Dass der Regen der letzten Nacht die Straße durch die Au aufgeweicht habe und jetzt, Klee solle schauen, keine Schuhe mehr, nur noch Dreck. Und aufs Nachhausekommen könne er sich schon freuen, weil da habe er alle Hände voll zu tun, den Hund erstmal abzuspritzen, bevor es ins Haus ginge. Dann ein paar Sätze über Licht und Schatten im Wienerwald und weg war er, der Rammsteiner. Klee blickte ihm hinterher, schüttelte den Kopf und schmunzelte. Eine bizarre alte Person, fand Klee, aber freundlich. Das dachte er jeden Samstag.
[Anmerkung: Nach einem
Regenguss sprießen die Pilze zuhauf aus dem Boden. Was aber durch die Erdoberfläche sprießt, ist einzig der Fruchtkörper. Unter der Erdoberfläche wächst der eigentliche Pilz: Das Myzel.]
Als der Rammsteiner nicht mehr zu sehen war, schlug sich Klee querfeldein und weg von der Straße. Nach der kurzen Rammsteinerunterhaltung und ohne das Hundegebell wurde er wieder auf die Stille des Waldes aufmerksam. Eine von Vogelrufen durchbrochene Stille. Am Morgen ähnliche Vogelrufe wie abends, doch nicht so während des Tages, fand Klee und dachte "Zwitschermaschine". Er kannte ihn nicht, bis Ursula ihm ein Buch gezeigt hatte mit Bildern. Bunt meist, doch auch Skizzen und Radierungen in schwarz und weiß und brauner Farbe. Der Strich von mathematisch korrekt über zittrig bis gar nicht vorhanden. Und doch ähnliche Elemente und wiedererkennbar. Klee hatte ihn oft betrachtet und er begann ihm zu gefallen. Geschehen wie über Nacht und wie so manch andere Überraschung. Seitdem Assoziationen. Bei Vogelgesang "Zwitschermaschine", bei einer umherstreifenden Katze "Götzenbild für Hauskatzen", im Winter
"Arktisches Tauwetter". "Für Byron ist mein Kopf noch nicht frei genug", schrieb Paul Klee 1904 an seine Verlobte Lily Stumpf und Klee dachte, für Ursula mein Kopf auch noch nicht frei genug. Doch klärte er sich immer mehr.
[Das Myzel ist ein feines, fadenförmiges Wurzelgeflecht, das einen Flächenbedarf von mehren hunderttausend Quadratmetern erreichen und viele hundert Tonnen wiegen kann. Der älteste Pilz wurde entdeckt in Amerika. Aus der Wachstumsgeschwindigkeit wurde ein Mindestalter von 1500 Jahren errechnet. Olympischer Boden, nennt es Herr Klee, den man hier betritt.]
[unvollständig und in Arbeit]