Nadine Kegele

 

Die Junge Literaturwerkstatt Wien.1
Gesprächsprotokoll2 mit Leerstellen

 

1
Weil Vereine gibt es in Wien en masse. Von der Katholischen Männerbewegung bis zu den Wiener Kleingärtnern, vom Lichtentaler Geselligkeitsverein bis zum Ameisenzüchterverband.


2
Semier Insayif sagt, in der Neulinggasse gäbe es einen ausgebauten Keller, Ludwig Hirsch hätte gesungen dort und in den Siebzigern.
Roland Mückstein sagt, den könnte man doch nutzen, diesen Keller, und etwas machen darin.
Und Semier Insayif sagt, lange wär's her, nicht wundern würde es ihn, müsste der Eingang erst frei gesprengt werden.
Malte Borsdorf sagt, und dahinter dann Ameisenzüchter, die Ameisen züchteten dort und keiner wusste.
Und Semier Insayif sagt: Ameisenzüchterverbände und andere Absonderlichkeiten und wer möchte lesen jetzt?


3
Elisabeth Klar sagt, kurz hinweisen wolle sie auf sich.
Und Semier Insayif sagt, worauf genau?
Und Elisabeth Klar sagt, auf die Lesung und sie wisse noch nicht was, aber sie wisse dass eine Dreiviertelstunde.
Und ich sage, zu wenig lang sei das, verdoppeln müsse sie, verdoppeln!
Auch Roland Mückstein sagt, zu kurz eine Dreiviertelstunde, viel zu kurz!
Und ich sage, eine Dreiviertelstunde vorne, eine Dreiviertelstunde hinten, dazwischen eine Konzentrationspause, das Publikum mache da schon mit.
Andi Pianka sagt, weil ganze drei Stunden hätt' ich gelesen zum Beispiel.
Und Roland Mückstein sagt, und Andi Pianka in der Arena ebenso Überlänge.
Und Elisabeth Klar sagt, vielleicht also doch eine ganze Stunde...
Und Roland Mückstein sagt, eine Apologie der Phrasenhaftigkeit trage er nun vor, nämlich über den einen, "der eine variationslose Liebe zu allgemeingängigen Ausdrücken hegte. Das Abgegriffene sei zugleich auch das, was von allen irrtumslos verstanden würde; die Menschen seien einander viel zu gleich, als daß eigenbrötlerisches Gehabe nicht unweigerlich lächerlich wirke."
Und Andi Pianka sagt, er habe Nikita eingeladen übrigens, vielleicht stoße sie später dazu.
Und Malte Borsdorf sagt, Nikita wäre ein Männername, weil doch Chruschtschow.
Und Roland Mückstein sagt, viele Frauen mit Namen Nikita kenne auch er nicht, an der Zahl eigentlich keine.
Und ich sage, Elton Johns Nikita und ob er die denn nicht kenne?
Und Roland Mückstein sagt: Nein.
Dann kommt Nadia.


4
Sabine Schönfellner sagt, ob sie etwas soll sagen dazu oder nicht, sie wisse aus Graz, dass besser nicht.
Und Semier Insayif sagt, Vorteile habe beides.
Und Sabine Schönfellner sagt, sie habe sich endlich Zeit genommen dafür nach den Prüfungen.
Und Semier Insayif sagt, nach welchen Prüfungen?
Und ich sage, nach Gottes harten Prüfungen.
Und Sabine Schönfellner sagt, nach den Semesterprüfungen, und "noch mehr würde mich eigentlich interessieren, wie man auf so was kommt, sagt der Redakteur".


5
Und Roland Mückstein sagt, dass Schriftsteller schwierig seien habe er daraus gelernt.
Und Nadia Baha sagt, sie sehe einen Film vor ihren Augen und wie in der Geschichte auch alles wirr hier.
Und Malte Borsdorf sagt, alles andere als wirr sei es in der Geschichte hier.
Und Elisabeth Klar sagt, sie sage jetzt etwas und vielleicht sage sie etwas Falsches, aber als Leser hätte sie das Recht immerhin, den Text falsch zu interpretieren.
Und Semier Insayif sagt: Ach so?
Und Sabine Schönfellner sagt, der Autor sei tot, der Tod des Autors.
Und Malte Borsdorf sagt, es werde aufgemacht und am Schluss wieder zu.
Und Elisabeth Klar sagt, auch ein Trick könne das sein von ihm, mit dem Leben umzugehen.
Und Semier Insayif sagt, dass am Anfang Irritation und Befürchtungen und die Figuren klischiert.
Dann kommt Nikita.


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Und Nikita sagt, Niki-ta und ruhig verhalte sie sich, weil gehört habe sie nichts.
Und Semier Insayif sagt, ihm bleibe das Unbehagen, immer unbehaglicher sei ihm geworden, und was alles auf eineinhalb Seiten passe, das verwundere ihn.
Und Malte Borsdorf sagt, Eineinhalbseitenroman.
Und Elisabeth Klar sagt, Jorge Louis Borges.
Und Semier Insayif sagt, kurz zwar, aber sein Interesse sei sukzessive gestiegen.
Und Malte Borsdorf sagt, die Sätze staccato und überall Kommas und Verzicht auf Konjunktionen (er geht zum Tisch, er nimmt sich zu trinken, er trinkt, er denkt: gut, dass ich das getrunken habe) und anaphorisch hieße das.
Und Roland Mückstein sagt: Asyndetisch.


7
Und Semier Insayif sagt, scheinbar etwas Lapidarisches bekomme es.
Und Malte Borsdorf sagt, unprätentiös.
Und Roland Mückstein sagt, eine Wortmeldung vorbereitet habe er.
Und Roland Mückstein sagt, ein Schriftsteller, der etwas von sich gegeben hat, und nun bereite ihm Probleme, was passiere damit.
Und Semier Insayif sagt, immer mehr habe er das Gefühl nicht zu wissen, worum es geht.
Und Andi Pianka sagt, aus der Diskussion heraus gehalten habe er sich bisher und der Text sei ihm wurscht mittlerweile, aber wissen wolle er nun endlich, was in dem im Text beschriebenen Buch drin stehe eigentlich.
Und Malte Borsdorf sagt: Darf ich eine dumme Frage stellen?
Und Sabine Schönfellner sagt: Er geht raus und dann geht's los!


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Und Elisabeth Klar sagt, Probleme mit den anschwellenden Cornflakesflocken habe sie.
Und Niki-ta sagt, die Sprache sei eben verdreht, Bedeutung wäre ihr verliehen.
Und Roland Mückstein sagt: Darf ich etwas kommentieren?
Und Semier Insayif sagt, Cornflakes seien Banalität und Alltagssituation.
Philipp Weiss schluckt Wasser und ich höre, dass er schluckt.
Und Roland Mückstein sagt, wie die ausufernde Diskussion heraus stelle, wäre alles von irgendjemand hier real erlebt worden bisher, nur das Anschwellen der Cornflakes nicht.
Und Elisabeth Klar sagt, aber Anschwellen passiere von innen her und die Milch käme von außen!
Und ich sage, aber wie wenn man sich wo stößt, verhalte sich das, oder gestochen wird von einer Biene.
Und Malte Borsdorf sagt, nur lang genug warten müsse man, dann.
Und Roland Mückstein sagt, gegen den Willen der Figur lesen wolle er diesen Text.
Und Andi Pianka sagt: Den Text umschreiben?
Und Elisabeth Klar sagt, nur um das Rezeptionsverhalten gehe es.
Und Roland Mückstein sagt, die Situation sei eine eingekrümmte, als säße man aufm Klo, und weil man da so säße vor sich hin, käme man zu sich.
Und Malte Borsdorf sagt, eine Stephen King-Verfilmung habe er einmal gesehen und Monster seien vorgekommen darin, die geklungen hätten wie Cornflakes, die anschwellen vor lauter.
Und Semier Insayif sagt: Wir sind hier, um Überlegungen anzustellen.


9
Und Sabine Schönfellner sagt, sie sage danke schön und staune, was es alles zu sagen gebe.
Und Elisabeth Klar sagt, unter welchen Umständen sie den Text geschrieben habe?
Und Sabine Schönfellner sagt, im Zugabteil und weil genervt sei sie gewesen von den anderen und wahrscheinlich müsse sie erst genervt werden, um schreiben zu können.
Und Semier Insayif sagt, jeder brauche seine eigenen Bedingungen für die Produktion.
Und Roland Mückstein sagt, jeder brauche seine eigenen Drogen für die Räusche.
Und Niki-ta sagt, eklatanter Schlafmangel und dass es sie stets überkomme, wenn es eigentlich gälte, weltliche Dinge zu erledigen.
Und Elisabeth Klar sagt: Weltliche Dinge...


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Und Semier Insayif sagt, was er so schreibe, wenn er?
Und Philipp Weiss sagt, Prosa vor allem und Dramen, für das Burgtheater zum Beispiel, also Kasino, und innerhalb eines Monats ein Stück und noch nie gegeben hätte es das bei ihm, und Lyrik erst wieder wenn sechzig.
Und Semier Insayif sagt: Wieso?
Und Philipp Weiss sagt, zu flau die Lyrik oder er zu flatterhaft, zu wenig Raum für Transporte jedenfalls.
Und Malte Borsdorf sagt, nicht genügend Referenzen für die Dramatikerwerkstätte.
Und Niki-ta sagt, wenn erst über Beziehungen...


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Und Roland Mückstein sagt, gehen müssten wir verfrüht und aber beim nächsten Mal gerne länger wieder.
Und Semier Insayif sagt, aufpassen, brav bleiben.
Und Roland Mückstein sagt, alles einerlei, Ruf und Seele habe er längst verspielt.
Und Niki-ta sagt: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert!3


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Dann Landstraße Wien Mitte S9 Liesing Buslinie 253 raus aus Wien und Wolfsgraben.
Am Land, wo Fuchs und Hase gute Nacht. Doch bis zum nächsten Morgen nur, und hallelujah! dann wieder. Mein dein Tag.


1 Monatliche Kritiker_innenrunde (selbst Schreibender) unter der Leitung von Semier Insayif.
2 Vom 8.2.2007.
3 An dieser Stelle bricht das Gesprächsprotokoll ab, gezwungenermaßen. Denn Mückstein und ich, wir müssen.