Nadine Kegele

 

Kurze Arme, stilles Kind

 

Entschuldigen Sie, können Sie mir sagen, fragt eine einen Mann, der seinen Kopf in einem Mantel vergräbt. Ihre Haare sind eine wildrote Mähne, durchgestuft, des Volumens wegen. Auf ihren Lidern rauchgrauer Lidschatten, die Wimpern verlängert, auf den Lippen Lipgloss mit Namen Lady. Ihre Jeanshose liegt an wie eine zweite Haut. Der Anfang ihres Rückens ist zu sehen, die Haut gebräunt, in der Mitte eine Kuhle, in die mit einem Finger von unten nach oben gestrichen werden könnte. Ihre Schuhe Stöckel, damit sie größer wirkt und nicht so schnell gehen kann. Bis auf ihr Becken ist sie eine Frau. Als sie umdreht und geht, schaut ihr der Mann, den sie gefragt hat, hinterher, indem sein Kopf aus seinem Mantel schlüpft. Er schaut, als hätte er Hunger und komme nicht ran. Sie ist dreizehn, vierzehn höchstens. Zuerst steigt der Mann ein, als er dem Kind fertig nachgeschaut hat. Nach ihm steigt sie ein und

sie setzt sich auf den der Tür nächstliegenden Platz. Es sind zwei Mal zwei Sitze, einer davon besetzt. Sie setzt sich neben genau diesen, und sitzt neben einer jungen Frau nun, nicht älter als sie selbst. Erst als sie bereits sitzt, merkt sie, wie aufdringlich sie auf ihrer jetzigen Sitznachbarin klebt. Sie findet die Situation lustig, sie möchte der Frau ins Gesicht lachen und fragen, seltsam, das, jetzt, nicht? Und sagen, ich setze mich vielleicht doch lieber gegenüber. Und sie möchte, dass ihr die andere zurücklacht und antwortet, das stimmt, komisch, irgendwie. Dann zieht der Moment an ihnen vorbei und sie haben beide aufs Lachen verzichtet. Sie denkt, vielleicht denkt sie, ich bin aufdringlich, oder ich stehe auf sie. Danach denkt sie, vielleicht denkt sie auch, ich könne nur in Fahrtrichtung sitzen, so wie in Überlandzügen und bei Langstrecken. Bei der übernächsten Haltestelle steigt ihre Banknachbarin aus. Sie verzichten jetzt darauf, einander anzusehen. Danach nimmt sie die Pizza, die durch den Karton ihre Handfläche gewärmt hat bisher, und isst.

Ein junger Mann steigt ein. Seine Haare rot, Sommersprossen, hoch gewachsen, Schildkappe. Auf seinen Ohren Kopfhörer groß wie Ohrenschützer. Er wippt mit dem Kopf, setzt sich, ohne sich höflich zu vergewissern, ob der Platz frei ist. Der Platz ist frei, weil niemand auf ihm sitzt. Mit den Fingern dirigiert er ein Display. Der kleine Bildschirm leuchtet hell. Die Musik ist dumpf zu hören. Er nickt mit dem Kinn, seine Finger spielen mit etwas in seiner Hand. Im nächsten Moment werfen sie etwas auf den Boden. Die Frau ihm gegenüber dreht die Füße weg und schaut der Bewegung des jungen Mannes nach, schaut auf den holzgerippten Wagenboden. Demonstrativ. Er sieht ihr bei ihrer Demonstration nicht zu, hatte es aber auf die Demonstration angelegt. Die Frau spricht zu ihm. Er hört demonstrativ nicht zu. Nun tippt die Frau den jungen Mann an. Er schaut auf, zeigt auf seine Kopfhörer, seine Ohren, dann seinen Mund. Seine Lippen machen Bewegungen, heraus kommen Geräusche, die keine Worte sind. Die Frau sagt, das ist kein Grund dafür, Sachen durch die Gegend zu werfen.

Nun sitzt zu ihrer Linken eine in einer Duftwolke von Parfüm und sie möchte fragen, ob sie ihr heraushelfen darf. Doch sie isst ihre Pizza vom mittlerweile fettgespiegelten Papiertablett und hat den Mund voll, und die Frau wirkt nicht, als würde sie Hilfe brauchen. Also zieht sie den nächsten Bissen vom Pizzateig, es dehnen sich die Käsefäden zwischen Pizzastück und Mund, bis sie sie mit einem scharfen Biss durchtrennt. Essen und Parfüm passen nicht zusammen. Die Frau sieht sie an mit einem Blick, der wohl böse zu nennen ist, danach steht sie auf und geht.

Ein Maler steigt ein, Lehrling oder Hilfsarbeiter. Er ist jung und nicht von hier, oder von hier in dritter Generation. Seine eigentlich weißen Hosen sind verschmiert, seine Finger wulstig, kurz und rau. Er setzt sich neben sie. Seine Beine driften auseinander. Sie sitzt artig auf dem Innenplatz, zwischen Maler und Waggonwand. Dann schiebt sie die Beine auseinander, es berühren sich ihre Schenkel. Vielleicht ist es ihm unangenehm. Wie auch ihr. Aber sie will es aushalten. Er braucht mehr Platz als die eine Hälfte der Bank ihm zuweist. Sie braucht nun auch mehr Platz als die eine Hälfte der Bank ihr zuweist.

Weiter hinten sitzt ein Obdachloser. Er hat einen Plastiksack neben sich stehen, zwischen seinen Händen mit den dunklen Halbmonden an den Fingerenden eine Dose Bier. Sie sieht, dass alle ihn sehen und so tun, als würden sie es nicht. Bei der nächsten Station steigt eine junge Frau ein, mit Mann und Hund, sie macht fahrige Bewegungen. Sie geht am Obdachlosen vorbei und sagt mit einem Ton in der Stimme: Such dir eine Arbeit! Der Obdachlose schaut. Niemand im Abteil erwidert etwas. Seine Hosen sind zerrissen, sein Bart ist lang und sein Gesicht ist so alt, wie ein Mensch nicht alt sein kann. Eine Frau, die aussieht, als würde sie aus dem Theater kommen oder einer Oper, flüstert ihrer Begleiterin zu, aber wo schläft er heute Nacht, es ist doch so kalt. Ihre Begleitung winkt ab. Der Straßenbahnfahrer löst seine Tür aus dem Haken, kommt nach hinten und sagt zu dem Mann, geh! Als der Mann nicht reagiert, packt der Fahrer seinen Plastiksack und stellt ihn auf den Bahnsteig. Dann hilft er dem Obdachlosen auf, indem er ihn hinten im Nacken an seiner Jacke packt und ihn nach vorne schiebt. Der Obdachlose kann nicht so schnell gehen wie er geschoben wird.

Ein Kind steigt ein, Volksschule, auch erste Klasse Gymnasium oder Hauptschule. Es setzt sich auf einen freien Platz, vor sich seinen Scooter. Eine Frau mit Kinderwagen steigt ein, lässt sich von einer anderen Frau, die bei der Tür sitzt, helfen. Sie stellt sich und den Wagen an den Haltegriff, ohne sich nach einem Platz umzusehen. Ein Mann, weiße Haare schon, bewegt sich durch den Waggon. Er baut sich vor dem Schüler auf und herrscht ihn an, ob er keine Augen im Kopf habe, da wolle sich eine Frau setzen, die den Platz brauche, und dann sei er, das Kind, so ohne Manieren, ob ihm seine Mutter nicht beigebracht habe, höflich zu sein und so weiter. Das Kind schaut dem Mann ins Gesicht, nicht nur verdutzt, dann steht es auf, während es den Kopf einzieht, und setzt sich zwei Plätze weiter hinten wieder auf einen freien Platz. Erwidert hat es nichts. Die Frau mit dem Kinderwagen lächelt den Mann freundlich an und bleibt am Haltegriff stehen. Auf dem weißen Kopf des Mannes eine bunte Clownsmütze, die so gar nicht zu seinem Auftritt passt.

Dann setzt sich ein Mann neben sie, bullig in Höhe und Breite. Der Kopf steckt ohne Hals auf den Schultern, den Schritt langsam und bedächtig. Der Mann nimmt Bedacht darauf, dass seine Signale ankommen bei den anderen Fahrgästen. Stark, mächtig und zur Gewalt bereit signalisiert er, denkt sie. Und als sie das denkt, wendet er seinen Kopf und sieht eine Frau. Er blinzelt mit dem einen Auge, einmal, macht ein Kussgeräusch, schnell hintereinander und drei Mal. Sie dreht sich weg, rutscht ein Stück auf die Seite und schiebt ihren Oberkörper in die Höhe und ihren Unterkörper nach. Wie das Kind zuvor sagt auch die Frau kein Wort. Auf der Straße plätschert das Regenwasser in die Kanalisation und alles ist trostlos.

Als sie wieder aufsieht sitzt vor ihr ein Mann, eine Frau und ein Kind. Die drei gehören zusammen, denkt sie, das verrät ihre Art, die wohl lethargisch zu nennen ist, bei der Mutter ganz besonders. Das Kind hat auf dem Rücken eine Schultasche, die ihm die Mutter viel zu langsam abnimmt, nicht ohne daran herum zu zerren, weil sich die kurzen Arme des stillen Kindes in den Trägern verfangen haben. Der Frau fällt die Schultasche aus der Hand und auf die Füße einer anderen Frau, die alt ist. Sie gibt dem Kind die Schuld und ihre Hand klatscht ein Mal über seine Wange. Mein Kind kann ich schlagen, wann ich will, antwortet sie auf den erschrockenen Blick der Alten, der Mann lallt. Das Kind ist immer noch still.

Zwei Männer steigen ein und bleiben bei der Tür stehen. Sie lehnen sich an die Halterungen und meinen das lässig. Der eine spricht zum anderen, dass er bisher jede seiner Freundinnen betrogen habe, wirklich jede. Der andere lächelt den einen im Einverständnis an. Dann sieht er eine junge Frau vor sich sitzen mit einer nach oben angefüllten Baumarkttasche zwischen den Beinen, ein paar Lagen Holz, Leim, auch Schmirgelpapier. Er nickt seinem Freund zu und sagt, Emanzen erkennt man auf den ersten Blick. Der eine hält seine offene Handfläche in die Höhe, der andere schlägt ein.

Die Männer machen Platz, weil eine Gruppe Frauen kommt und in der Überzahl ist. Die Frauen sind in verschiedenen Schattierungen schwarz und tragen Gewänder aus wallenden Stoffen mit bunten Drucken. Auf ihren Köpfen kunstvolle Haargestecke oder offene Haarkränze wie Heiligenscheine durch Haarreifen gezähmt. Eine trägt eine Stoffbahn um die Frisur gewickelt, im selben Muster wie ihr Kastenkleid. Sie sprechen miteinander, schnell und laut und fröhlich. Sie sieht, dass alle sie sehen und auch so tun, als würden sie es. Die Gruppe Frauen geht durch das Waggongelenk hindurch in den rückwärtigen Teil des Wagens. Eine Frau, die im Gelenk steht und im Weg, macht keinen Platz. Sie sagt, Asylanten, als die Gruppe Frauen an ihr vorüber gezogen ist und sich im hinteren Wagenteil niederlässt. Sie sagt es zu sich selbst und in ihren Schal hinein, den sie dabei fester schnürt.

Zwei Mädchen steigen ein, indem sie einen alten Mann anrempeln, der aussteigt. Der Mann schimpft ihnen hinterher und macht eine Handbewegung. Er schüttelt seinen Kopf und findet gar nicht raus aus dem Schütteln. Das Schütteln ist mehr ein Zittern, in welchem er hängen geblieben ist. Die Mädchen lachen und sind übermütig oder glücklich. Sie tragen Haarspangen in gefärbten Haaren und eine Weinflasche zwischen Fingern, von denen dunkler Lack abblättert. Die Weinflasche ist halbvoll und wird weitergereicht und zurück. Zwei Frauen, die ihre Mütter sein könnten, sitzen hinter ihnen und sagen, betrunkene Mädchen sind ganz besonders hässlich, ja, das ist wahr.

Vor Gersthof verlässt sie die Straßenbahn.

Auch der Fahrer steigt aus aus seiner Fahrerkabine, indem er die graue Hartplastikabtrennung aus der Halterung im Boden zieht, in die sie eingeschnappt ist und klackt beim Aushebeln. Er hängt sich seine schwarze Tasche um, aus welcher ein roter Kugelschreiber herausschaut, und tippt seinen Finger an eine Seite der Stirn, da seine Ablöse eintrifft. Es ist eine Frau mit balkenförmigen Brauen und warmen Augen. Sie nimmt in der Kabine Platz, indem sie die graue Hartplastikabtrennung in der Halterung im Boden einschnappen lässt, die kurz klackt. Hinter der Kabine sitzen zwei und tuscheln. Die Fahrerin trägt Kopftuch.

Der Regen hat nachgelassen. Nun bläst der Wind stärker und trommelt ihr auf den Rücken. Sie steht schief, schiebt sich nach hinten, während sie auf das Ampelzeichen wartet, um nicht auf die Gleise zu fallen.