24.12. bis 6.1. im Jahre Schnee:
Weil eigentlich kamen die drei Weisen nur um Minuten zu spät. Weil was sind schon Tage, wenn die Welt bereits seit Jahrtausenden steht! Nein, sie hatten diese irdische Geburt des so unbefleckt, also unirdisch produzierten Knaben nicht um ganze Längen verpasst. Haarscharf war's gewesen, fast schon Haaresbreite, ein Häuchelchen. Eine wahnsinnig knappe Sache also. Schade, die Könige hatten sie verloren, diese knappe Sache, waren's aber trotzdem ganz zufrieden. Weil ich behaupte: Im Grunde wollten sie ja nur ankommen. Weil um's einfach nur Ankommen ist's ihnen gegangen und nicht um mehr. Dass es dann der 6. war und nicht der 24. das war Nebensache. Weil als nun Jesus geboren war in Betlehem in Judäa, in den Tagen des Königs Herodes, da kamen Weise aus dem Morgenland und sprachen: "Wo ist der neugeborene König der Juden? Denn wir haben seinen Stern im Morgenland gesehen und sind gekommen, um ihn anzubeten!" Um's Beten also ging's ihnen und weniger um's pünktlich sein dabei. Weil pünktlich sein das ist nicht der Könige Art, ein König hat Zeit und davon hat er viel. Und da brauchen Sie mir jetzt gar nicht zu kommen mit "Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige", weil der Herr Jesus, der war ja auch ein Herr König und er war pünktlich, überpünktlich, und was hat ihm seine Pünktlichkeit gebracht? ... Ja ja, mit der Pünktlichkeit ist es halt ein Kreuz.
24.12. 1644:
Weil wer braucht schon Weihnachten? In England wird's kurzerhand abgeschafft. Verboten die Feier, der Parlamentsbeschluss beschließt den Beschluss zu beschließen, dass beschlossen wird der bald schon beschlossene Beschluss, Weihnachten abzuschaffen und dann Weihnachten, Weihnachten, Weihnachten nimmer mehr. Weil die Puritaner wollen's und wenn die Puritaner was wollen, dann kriegen die Puritaner, was sie wollen, weil sie wollen halt, was sie wollen, weil sie's so richtig wirklich wollen wollen! Weil im 17. Jahrhundert hatte Weihnachten die Dimension eines Saufgelages angenommen. Komplett verrufen, also so richtig verschrien. Und wenn wir uns ehrlich sind, ein schlechter Ruf, das muss nicht sein. Weil nur der gute Ton macht die Musik. Aber die Zukunft hat anderes vor mit Weihnachten. Nein, mit Purismus ist nichts, den Purismus haben wir überlebt. Stattdessen nieder mit der Sittlichkeit, Weihnachten wird wieder eingeführt. Von und mit Charles II. nämlich, 1660, danach wieder Feiertag und kräftig feiern also. Weil 1660 erlangt Charles den englischen Thron zurück. Danach wieder Stuart. Weil Oliver Cromwell, der Lordprotektor, stirbt 1658. Und wen wundert's, frag ich? Weil wer sich so gern herumtreibt in fremden Gefilden mit seiner Armee, den kann schon mal ködern eine deftige Malaria und dann nicht mehr loslassen, niemals mehr. Ein Lordprotektor ist schließlich auch bloß ein Mensch. Und Charles also führt den Feiertag ein. Und heiratet. Heimlich nämlich. Eine Lady Anne Hyde. Und dann Kinder. Und von denen ganze acht Stück. Doch wurden nur zwei davon erwachsen, also so richtig groß ausgewachsen. Und eines wurde Königin. Der König ist tot, es lebe der König! Und Lordprotektor Oliver Cromwell?
Oliver Cromwell lay buried and dead
There grew an old apple-tree over his head
The apples were ripe and ready to fall
There came an old woman to gather them all
Oliver rose and gave her a drop
Which made the old woman go hippety hop
The saddle and bridle, they lie on the shelf
And if you want more you can sing it yourself
24.12. 1800:
Weil das Attentat, müssen Sie wissen, das ist missglückt. Sonst wär's ja gar nicht erst so weit gekommen. Dann hätte Westfalen nicht Marionette zu spielen gehabt, Frankreich wäre Frankreich geblieben auch ohne natürliche Grenzen, Belgien wäre nicht annektiert worden und Marie Louise von Habsburg-Lothringen von ihrem geschätzten Herrn Kaiser Vater nicht verkauft. Weil hätte die Höllenmaschine ihren Dienst getan, wäre es niemals so weit gekommen, hätte es nie einen gar so bürgerlichen Kaiser gegeben. Ein Kaiser ist immer ein Adel, das war immer so, das gehört sich so und wird sich auch in Zukunft so gehören. Am Weihnachtsabend war's und auf dem Weg in die Oper, als jemand die Höllenmaschine anwarf, eine Bombe mit Zeitzündung. Doch diese, ganz frech und so nicht geplant, hat ihren Dienst quittiert und ja, leider: Attentat missglückt. Weil wie wir aus der Geschichtsschreibung wissen, hat es ihm nichts getan, kein Haar hat's ihm gekrümmt und das obwohl Höllenmaschine. Da fragt man sich natürlich schon, ob der so marktschreierische Name diesem so unfähigen Gerät gerecht wird. Weil da war nichts mit Napoleon und in der Hölle. Da war er überirdisch noch viele Jahre danach, hat sich sein Krönchen selbst auf das Köpfchen gesetzt und den Großen markiert. Aber irgendwann hat auch der keckste Kauz ausgekeckt und abgedankt. Bei Napoleon, diesem niedrigen Bürgerkaiser, war's 21 Jahre nach dem Attentat (na immerhin), auf der Insel Helena und in der Verbannung noch dazu. Doch das Exil in Elba war ihm nicht ausreichend. Nein, weil da ist er wieder losgezogen und gewandelt über's Wasser und ans Festland, hat noch ganze 100 Tage einen drauf gemacht und bei Waterloo den großen Feldherrn gespielt. Und dann verloren. Weil ein Angriff kann ja nur erfolgreich sein, wenn der Gegner bereits geschwächt ist, würde Felix Elmar Kramer zitieren und damit logisch argumentieren, dass Napoleons Gegner eben alles andere als geschwächt, weil eben wahnsinnige Erholung während Elba und neuer Kampfesmut. Danach wie gesagt Helena und vor sich hinverbannt bis zum bitteren Ende. Und über dieses gibt es ja so einige Mutmaßungen: Arsen in Wein, Arsen in Medikamenten, an der Wand und in der Tapete zum Beispiel ist eine davon, doch die ist mittlerweile widerlegt und Mythos. Napoleons Vater starb an Magenkrebs und so wahrscheinlich auch der kleine Sohn. Ist irgendwie auch nahe liegend. Erbgut und so. Ja schön, eine Beschleunigung des napoleonischen Todes durch falsche ärztliche Betreuung ist auch nicht auszuschließen: Abführmittel und Einläufe rufen ein paar Herz-Rhythmus-Störungen hervor und ein bissl einen Kaliummangel, aber sonst war's schon hauptsächlich der Krebs. Im Grunde ist es eh unwichtig. Weil tot ist tot, und zwar so was von! Und apropos Napoleon, kennen Sie den: "Es ist mir egal, ob Sie Napoleon sind, nehmen Sie gefälligst Ihre Hand aus meiner Bluse!"
24.12. 1914:
Weil so ein Waffenstillstand der muss schon von ganz oben kommen. Also da kann nicht einfach der kleinste Soldat hergehen und in die Reihen brüllen: "Waaaaffenstiiiiillstand!" und das hat dann Gültigkeit. Nein, nein, da muss schon einer aus der Führeretage das letzte Wort haben. Aber einmal ist das passiert, so ganz ohne. Weil da ist der Waffenstillstand nicht von oben gekommen, sondern vereinbart worden zwischen den kämpfenden Truppen, und zwar einfache Soldaten, also nichts mit Befehlshaber. Ja, ja, da sagen Sie "Ausnahmesituation", von mir aus, aber wissen Sie, was ich sage? Ich sage: Weihnachten. Weil Weihnachten macht die Gemüter schon ein wenig friedlicher. Sie müssen sich denken: Der Christ ist geboren, also so richtig Erlöser. Das berührt schon und macht sensibler. Weil das passiert ja auch nicht alle Tage. Da möcht man sich schon ein bissl konzentrieren auf das Ereignis und sich hinsetzen und beten dabei. Weil an der Front, da sollte öfter mal gebetet werden. Beten bringt immer was. Wenn nicht unmittelbar, dann wenigstens vorsorglich. Schaden kann's nicht. Also haben sie sich hingesetzt, die Deutschen und die Briten, zu Weihnachten 1914 und haben die Hände gefaltet, mit der Spitze nach oben und vor die Brust, nicht dass Sie denken andersrum und Luzifer. Weil da hat mich schon mein Pfarrer gemahnt: Hände locker und baumelnd nach unten ist die falsche Anbetung, also des Falschen Anbetung, die Anbetung des Falschen. Und in diesem Krieg also so richtig gebetet, Handflächen klamm aneinander und spitzes Häubchen Himmelfahrt. Und das war schon eine Humanität, die war man nicht gewohnt in diesem Krieg. Überhaupt: Zu Weihnachten wollten sie ja eigentlich wieder daheim sein, die ganzen Freiwilligen, die da gingen in den Krieg hinein und nicht mehr heraus fanden. Weil so ein Krieg wird ja immer als kurz verkauft und lang geführt. Und dieser war länger als nur bis Weihnachten. Nämlich ganze vier Jahre. Aber jetzt eben Waffenstillstand und 1914. Eine Nacht ohne Kugelhagel. Weil wo die Waffen ruhten, da wurde gesungen. Und da ist es ganz egal, ob deutsch oder englisch, alles ist eins, alles ist Musik: "Stille Nacht, heilige Nacht", "Silent Night, holy night", die Melodie ist ja dieselbe und das macht schnell mal zu Brüdern im Geiste, diese Soldaten an zwei verschiedenen Fronten. Im Übrigen hatte der Papst diesen Wunsch auch und hatte diesen Wunsch - weil Päpste das so zu tun pflegen - öffentlich und großartig verkündet: "Ich wünsche mir, dass die Truppen zu Weihnachten ruhen", hatte er gesagt. Vielleicht auch so: "Für Weihnachten wünschte ich mir doch schon einen kleinen Stillstand in diesem Krieg, nichts lieber wünschte ich mir." Oder auch: "Zu Weihnachten wird nicht geschossen, verdammt noch mal!" Die kriegführenden Parteien - also die Befehlshaber, also die von ganz, ganz Oben - die hatten diesen päpstlichen Wunsch angehört und abgelehnt. Und da sieht man schon: So ein Papst der kriegt eben auch nicht alles. Beten hätt da womöglich geholfen, wer weiß, aber da hat er sich's zuerst gewünscht ganz dreist, der Benedikt XV., und vor lauter Wünschen auf's Beten vergessen. Nun ja, ist ja weiter nichts passiert, weil die Soldaten haben die Waffen ja doch Waffen sein lassen und sind stillgestanden. Die ganze Nacht lang. Bis zum Morgen. Dann hat einer von den vielen den ersten Schuss abgefeuert, vielleicht jemanden niedergestreckt damit, vielleicht auch nur verletzt, jedenfalls aber die Nacht beendet und dann wieder Tagesgeschäft.