Am Land da laufen die Uhren anders. Da wird gut und gerne mal aus einer Stunde ein ganzer halber Tag. Weil mit Gewohnheit ist dem Land nicht beizukommen. Und ist man gewohnt und rechnet fest damit und unbeirrbar, dass eine Stunde so ziemlich genau mit sechzig Minuten aufzuwiegen ist, wird man dort, also am Land, eines viel Besseren belehrt. So geschehen mir. Schulmeisterliche Belehrung durch und durch. Dass ein Tag so lang sein kann wie er lang sein kann, wenn man ihn nur lang sein können lässt nämlich. Weil genau so läuft das. Also am Land. Da ziert man sich Jahr ein Jahr aus vor dem ins Haus stehenden Verwandtenbesuch, muss arbeiten immer und immer wieder, weil ja gute 94 % Selbstversorger, hat mittelhochdeutsche Grammatik zu lernen stundenlang bis in die Nacht und auch am Feiertag, weil ja gute 61 % Student, muss seine Zimmerpflanzen gießen, jaja aber sicher das gesamte verlängerte Wochenende über, weil heiß soll's werden, jaaa auch Böden wischen wieder mal ganz dringend, und Fenster sowieso, ahja die hypothetische Fütterung des hypothetischen Chamäleons des aber durchaus real verurlaubten Nachbarn auch nicht zu vergessen, also mit fingergroßen Heuschrecken so grün wie grüne Götterspeise, und nein nein, nicht nur Fütterung, auch konstante Zimmertemperatur, nämlich 30 Grad über Null und Chamäleons also doch Warmblütler. Es gibt immer was zu tun. Leicht hat man's eben nicht, so ganz als Selbstversorger, Student und Lügenbaron. Reist man dann doch aufs Land ist es nicht die Landluft, die einen ruft so klar und hell, sondern höchstwahrscheinlich ein Versprechen, ein unbedacht gegebenes, das dann beizeiten eingehalten werden muss, will man die verlogene Deckung der letzten Jahre nicht als Ausreden, Täuschungen, Blendwerke, ja Lügengeflecht auffliegen lassen und als billiger Münchhausen durchschaut werden. So also geschehen mir. Nationalfeiertag und Militäraufmarsch am Heldenplatz, ich aber Südbahn. Manchmal muss man eben dran glauben. Dann aber Augen zu und durch. Nützt ja alles nichts. Schuld bleibt Schuld bis man sie einlöst oder einen die Mafia um die Ecke bringt. In meinem Fall: Schuld eingelöst. Also Südbahn, Semmering und Kärnten. Wolf Haas würd sagen "Südbahn immer gut" und das war's dann ja auch, weil im Zug drin, Vorfreude draußen, also raus aus mir wie frischgeschwitzte Transpiration. Zugfahren ist was für Kinder und für mich. Dazu stehe ich mit meinem Namen. Also rein in den Sitz und Buch raus, aber dann doch nur schauen, nämlich zum Fenster hinaus und hinein in die fahrende Landschaft. Ein Zeremoniell der Langstrecken: Wien, Wiener Neustadt, Bruck an der Mur, Friesach in Kärnten, Endbahnhof. Für Peter Turrini beginnt ja Kärnten in Friesach. Eben dort auch regelmäßig Herzklopfen für eben diesen. Weil da beginnt er sich zu fürchten, der Turrini Peter, zu fürchten vor Kärnten, wenn er einfährt in Friesach und ins ganze unheimlich braune Land dahinter. Wo Turrini sich fürchtet, muss ich also raus. Na dann wollen wir mal. Draußen leerer Bahnsteig und volles Gepäck. In einem Film an dieser Stelle wilde Wiedersehensküsse im Dampf der Lokomotive, oder - anderes Extrem - ebenso wilde Schießereien, weil ein bisschen The Good, The Bad und Ugly, quasi Wilder Western auf dem Perron. Bei mir nur ... na ja, Bahnsteig und Gepäck. So ist das nämlich im wirklichen Leben. Zuerst Schuld und Sühne und dann das Gepäck selber schleppen. Na danke, das haben wir gern. Bitte mehr davon und bitte sofort.
Mein Bruder ist jünger um ganze zwei Jahre, dafür größer um ganze zehn Zentimeter. Ist doch auch was. Weil mein Bruder also hat sich ebenso hinein gewagt in dieses sonderbare Land und da steht er dann, dieser Vorarlberger Blutsverwandte, vor dem Bahnhof und schaut und wartet. Also nicht nur ins Blaue und nur so vor sich hin, er wartet auf jemand Bestimmten, er wartet auf mich. Und da komm ich auch schon um die Ecke getänzelt, nein gedrängelt, nein einfach nur gebogen mit meinem vollen Gepäck. Wiedersehen sind ja erfahrungsgemäß seltsame Begegnungen. Ungelenke Küsserei und ein bisschen Schulterklopfen. Das muss reichen. Weil genau so läuft das am Land, da ist man nämlich zurückhaltend bis reserviert. Jaaaaa, wahrscheinlich ist es schon sehr sippenabhängig, und ja ja ja, meine Sippe ist eine reservierte. In so einem Fall also auch die Vater-Tochter-Begrüßung nicht herzlicher als eh schon. Kann man nichts machen, man ist eben nicht der Typ für Zärtlichkeit. Jedenfalls tut man so als ob. Als ob eben nicht. Aber auf alle Fälle: Distanz das Zauberwort. Man muss schauen, wie man durch den Tag kommt. Und die Tage am Land sind ja bekanntlich die längeren. Weil da tut sich so gut wie ... sagen wir nichts. Am Morgen geht die Sonne auf, am Abend geht sie unter, dazwischen wird gegessen. Man macht auf Genießer. Und schlägt sich so die Zeit um die Ohren. Eine gewaltige Metapher, natürlich, aber dem Anlass durchaus angemessen. Weil so läuft das nämlich am Land, überall Gewalt: Gewaltiger Sonnenaufgang, gewaltiges Abendrot und dazwischen gewaltige Essgelage. Beständige Wiederholung die innere Sicherheit. Nein, da kommt man nicht umhin, da muss man sich schon fügen diesem Teufelskreis, also dem Lauf der Zeit, dem faden, weil gefangen im System. So läuft das nämlich. Und damit leben kann man nur, weil Aussicht auf Aufbruch nach den abgesessenen drei Tagen, die da noch so ungeniert phlegmatisch vor einem liegen. Aber danach guten Gewissens und frei von Schuld für die kommenden Jahre. Hallelujah!
Der nächste Tag bringt das Frühstück nach dem Sonnenaufgang, das Mittagessen nach dem Frühstück. In kulinarischer Hinsicht Schlaraffenland, da muss man schon ehrlich sein. Wolf Haas würd sagen: "So was von Schlaraffenland, das glaubst du gar nicht." Also essen wie die Könige und alles andere als zeitliche Hetze. Man nimmt's gemütlich und wie's kommt. Weil das weiß man am Land, dass man eh nichts tun kann gegen die Naturgewalten. Und die Zeit ist ja auch nichts anderes. Sieht man nicht, hört man nicht, plötzlich ist sie da in rauhen Mengen und man weiß nicht, wie abwenden die Katastrophe. Mit so was muss man ja erst umgehen können. Da muss man sitzen, ganz stoisch, und warten und essen und essen und warten und immer und immer wieder. Manchmal aber gibt es auch lichte Momente. So geschehen mir. Weil Flohmarkt in St. Salvator. Nun klingt ja Sankt Salvator auf etwas Verwegener wie San Salvador und sofort denkt man bei sich: "Mein lieber Schwan: Brasilien! Salsa! Immer was los!" Aber falsch gedacht. Weil erstens nicht Brasilien und zweitens auch nicht anders als Friesach und Umgebung. Weil so ist das am Land. Alles schön berechenbar. Mit exotischem Lebensstil muss man da niemandem kommen. Man nimmt, was man kriegen kann. Also Flohmarkt zu Sankt Salvator. Und dort heißt es: Augen auf! Weil auf Flohmärkten da muss man schnell sein und unerbittlich. So zumindest am Naschmarkt zu Wien. Aber Sankt Salvator? Da laufen die Uhren anders. Ja, das ist eine ganz eigene Welt. Dies macht sich schon bemerkbar auf dem Weg dorthin. Vorbei an einem gelben Schild "Holderdurchfahrt" und ich sofort Assoziation: "Dahinter Zauberwelt" und "Alles wird gut". Aber falsch gedacht. An der Holderdurchfahrt vorbei in einen Hinterhof in einen leer stehenden Stall. Hier also. Aha. Nun nur nicht voreilig abkanzeln, Städter sind ja tolerante Menschen und immerzu offen für Neues. Ich also rein in diesen Kuhstall. Und dann große Augen. Wolf Haas würd sagen: "Quasi Vollmond." Weil da tut sich so einiges in diesen heiligen Hallen. Ich also rein mit mir und gleich rechterhand das erste Stück, das es anzubeten galt: Ein orientalischer Spiegel lehnt an der Wand und am blanken Estrich, das Glas Tempelfenster, das Holz tausendundeine Nacht. Ich immer schon Zuneigung für den Orient und jetzt also Zeichen. Wolf Haas würd sagen: "Quasi Schicksal". Nun alles, aber nur nicht verrückt spielen. Denn gehe ich mit meiner Begeisterung so hollodrio hausieren, riecht die Marktfrau sofort Blut. Weil geht's um Körpersäfte sind sie am Land schnell einmal sensibel. Deshalb Desinteresse, ich schau nur... und zum rechten Zeitpunkt ein unverbindliches und wie zufällig hingeworfenes "Und was kost' der da?" Die Antwort verschlägt mir glatt den Atem und ich schnappe nach Luft und ringe um Fassung vollkommen verzweifelt und aus dem Häuschen. Ab diesem Zeitpunkt stehe ich auf Kriegsfuß. Das hätt' sie sich vorher überlegen sollen, die gute Frau, weil nicht mit mir, denke ich, stapfe beleidigt vorbei am Orient weiter hinein in den Stall und Schlachtplan. Wie es mir gefällt zusammen klauben, heißt meine jetzige Taktik, und dann vor zur Halsabschneiderin, so gesammelt ist eher was zu machen, da ist eher was möglich und zu schaffen weil voraussichtlich Mengenrabatt. Währenddessen höre ich Vater und Sohn zwischen Regalen flüstern und lachen im Dreivierteltakt. Ja, diese zwei Unschuldigen wissen noch nichts von diesem Drachen vor der Tür. Soll ich sie warnen? Ich sage nein. Ist ja jeder selbst für sich verantwortlich. Denn das lernt man in der Stadt. Da kann mir niemand was vormachen. Außerdem schwieriger Gemütszustand seitdem ich aus dem Zug und hinein nach Kärnten marschiert bin. Mit der Reiseeuphorie war's also nicht weit her, die hielt nur kurz, wie ein Sommerregen oder anderer Höhepunkt. Also Mund zu und still. Muss jeder selber schauen, wo er bleibt. Manchmal fragt man sich, ob man nicht vielleicht doch ein eher schlechterer Mensch ist. Aber nichts da, solange man sich darüber noch Gedanken macht, ist man eigentlich ganz in Ordnung. Oder? Halali! Los die Jagd! Weil ein Flohmarkt mein Mekka. Wolf Haas würd sagen: "Quasi Himmel auf Erden." Eine Apothekerflasche meine neue Sparbüchse, eine Blechdose mein neuer Blumentopf, eine Arabia-Kaffedose die neue Küchenzier, ein Schutzengelbild als Schutzengelbild, Doktor Schiwago und die Dschungelbücher für's Bücherregal, Emil und die Detektive plus englisch-deutschen Vokabeln gingen mir zwischen chinesischem Insektenpuder und müffelnden Lederhosen verloren für immer und dann, als wär's vom Himmel gefallen ... das beste Stück: Ein Gebet- und Gesangbuch der Diözese Gurk, aus dem heiligen Jahr 1950, herausgegeben im Auftrag des hochwürdigsten Herrn Fürstbischof Dr. Josef Köstner im Auftrag des Seelsorgeamtes Kärnten, Übertitel "Heiliges Volk", Untertitel "Kirchenbuch", gebunden in schwarzes Leder, mit gelb-, rot- und grünem Lesezeichen, ein bisschen Reggae, ein bisschen Lebenskunst. Alles in allem quasi Glücksgriff. Denn Mückstein, der zu diesem Zeitpunkt im Elternhaus in Wolfsgraben im Wienerwald sitzt und hoffentlich an mich denkt und niemanden sonst auf dieser großen weiten Welt, hat es mit der Religion. Aber eben auch mit Gurk verbindet ihn ein Erlebnis, das da wäre anzusiedeln in der Mariahilfer Kirche, wo er und seine Schwester einst ein Schild sahen. Auf diesem standen ein paar fromme Zeilen über die fromme Heilige Hemma von Gurk, Landesmutter und Schutzfrau von Kärnten, wird angerufen bei Augenkrankheiten und für eine glückliche Entbindung, und die Mückstein Gerlinde die las da fliflaflott über die Gedenktafel hinweg und also falsch, aber lustigcharmantes Ergebnis: "Heilige Hemma Gurk für uns." Seitdem Anekdote. Und eben die war auch mir bereits zu Ohren gekommen. Deshalb Kirchenbuch Glücksgriff in doppelter Hinsicht. Jetzt nur nicht unruhig werden, alles wird gut, alles Zauberwelt, da passiert einem nichts Böses, ich sage nur Oz! Das wichtigste ist die richtige Taktik, dann ist's meins. Und irgendwann auch seins - nach dieser Kärntenodyssee, wenn ich wieder in Wien und bei ihm. Jetzt erst mal Pokergesicht. Mhm, steht mir eh ganz gut, hat etwas wunderbar Kämpferisches und sofort zwanzig Zentimeter größer und erhabener, fühl mich wie eine Amazone, ach was, Amazonenkönigin! Also los und in den Kampf. Wäre ja gelacht. Aber so was von! "Das hier ist's und soll's werden, welchen Preis können Sie mir machen?" Da beginnt sie, die gute Frau, mit 10 Euro für meine neue Sparbüchse und 5 Euro für meinen neuen Blumentopf, 10 für meinen Schutzengel, 4 für Schiwago und Dschungelbuch, 5 Euro will sie für das Kirchenbuch, 3 für die Kaffeedose... Und während sie da so übertrieben auf Algebra macht, spüre ich meine Rechenschwäche hoch kriechen und mir wird schwarz vor Augen, dann plötzlich sehe ich rot und Goethes gesamte schöne Farbenlehre tut sich auf und mir wird schummrig. Da lache ich hysterisch und schreie: "Das ist ja kein Preis, das ist Wucher!" Und etwas kleinlauter kommt ein "Ich muss es mir überlegen" hinterher. Als Student muss man ja jeden Euro zwei Mal umdrehen. Zuerst für und wider abwägen, danach zuschlagen oder sein lassen. In diesem Fall hieß es größtenteils: Sein lassen. Besitz ist sowieso nur Belastung. Wenn man sich's lang genug einredet, glaubt man es sogar. So ist das mit der menschlichen Psyche. Die kann man so was von hinter's Licht führen. Und auch die menschliche Psyche ist es, die mir zu schaffen macht, als ich Doktor Schiwago durchblättere und teste auf seinen Gebrauchswert. Dafür spricht: Die auf alt getrimmte, bereits abgegriffene Ausgabe. Dagegen spricht: Schiwago steht schon bei mir zuhaus. Dafür spricht: Ein loses vierblättriges Kleeblatt zwischen den Seiten. Dagegen spricht: 4 Euro für ein Buch, das eben schon steht bei mir zuhaus. Kurz verzweifelt nachgedacht und dann Idee. Weil da ist man nicht blöd, sondern flink. Nämlich wie ein Wiesel, wie man sagt so schön - und ich meine, wird schon passen, begegnet ist mir ja noch keins von diesen Tieren, also ist wohl anzunehmen, dass die einen ganz schön steilen Zahn drauf haben. Es ist alles eine Frage von Tarnen und Täuschen, fast wie beim Militär: Jetzt also verstohlener Panoramablick, der Drache hat sein Aug grad anderswo und ich --- ja die äußeren Umstände sind es also, die mich zum Dieb machen, da kann man nichts machen, dagegen kommt man nicht an, sprich: höhere Gewalt und Macht von oben. Na dann, raus mit dem Klee aus dem Schiwago und rein ins Gurker Kirchenbuch. Jahaa, weil genau so läuft das am Land. Wer nicht schnell genug ist, schaut eben durch die Wäsche. In diesem Fall nicht ich. Auch ein schönes Gefühl. Aber Heilige Maria, Mutter Gottes! ... Nein, gesehen hat's niemand. Schiwago also weg bei optimaler Ausbeute. Auch die Sparbüchse weg, den Blumentopf, den Schutzengel, die Kaffeedose, weg, weg, weg alles und zurück ins Regal. Man sollte wissen, wann man sich geschlagen geben muss. Der Krieg ist aus. Verluste auf beiden Seiten. Würd die Frau wenigstens mit sich handeln lassen, hätten wir beide was davon. Aber da bleibt sie stur, da ist sie nicht wegzubewegen von ihrem Standpunkt, diesem trittfesten Platz. Alles Taktieren überflüssig, weil nein, diese Frau versteht nichts vom Geschäftemachen. Ihr Schaden. Ich entschließe mich, Kirchen- und Dschungelbuch zu ersteigern, dann aber fertig und Schluss und aus. Denn in mir große Verweigerung, diesen goldenen Rachen des Kapitalismus noch fetter zu füttern. Mit mir nicht, nein, nicht mit mir! Einen Fünfer das Kirchenbuch, zwei für den Dschungel. So kampflos aufgeben ist meine Sache nicht und also Versuch, den Preis zu drücken. "Mogli entgegnete nichts; und die Affen umschwärmten ihn zu Hunderten auf der Terrasse (...). 'Sehr richtig! Das ist ganz unsere Meinung.'" Na bitte, wer sagt's denn! So also ich zu ihr: "Sie wissen aber schon, dass dieses Kirchenbuch aus einer Kirche gestohlen wurde - so gesehen Sünde?" Es war der Versuch, an ihr Gewissen zu appellieren. Doch an dessen Stelle nur Kärntner Kaltherzigkeit: "Na ich hab's ja nicht gestohlen." Es war Hopfen und Malz verloren an dieser Frau, das erkannte ich sofort, mit dem Geschäfte machen hatte sie's nicht so. Obwohl, ganz im Unrecht war sie eh nicht. Wolf Haas würd wohl sagen: "Glücksklee quasi auch Diebesgut." Touché - weil wo er Recht hatte, hatte er Recht. "Herr, nimm von uns unsere Schuld. In Ewigkeit. Amen."
Beim Lindenwirt bei saurer Wurscht und Bier gestehen sich Vater, Tochter, Sohn die geschäftlichen Niederlagen ein. Gewinn und Verlust werden aufgezählt, sozusagen Karten auf den Tisch: Mein Vater eine Kiste altes, überteuertes Besteck für Metallskulpturen, also Gabel Vogelkralle und Löffel Hasenohren, dafür leidvoller Verzicht bei Kuhglocke und Lavour. Mein Bruder entsagte überteuerten Zahnrädern und Bravos aus den Sechzigern, erstand aber 15 Playboyhefte aus den Siebzigern. Weil da muss man sich schon entscheiden. Mein Vater gibt etwas zu spät jetzt, aber immerhin, den Tipp, alle Hefte Blatt für Blatt zu sichten, um nicht Gefahr zu laufen, dass sie nur bis Seite 3 zu blättern seien, weil Rest zusammengeklebt, quasi Körpersäfte. Aber Geschäft schon abgewickelt schon, Geld eingezogen und Ernte eingefahren, Ware über den Ladentisch gewandert und Mengenrabatt beansprucht bereits. Also Katze im Sack. Na ja, muss auch irgendwo leben dieses Tier. Nach den legalen, eher im Abseits zustande gekommenen Einkäufe. Aber nein, aber nein, wer wird denn gleich an stehlen denken, euphemistisch bis elegant heißt dieser Vorgang schlicht mitgehen lassen, nichts weiter, sozusagen passiv, weil auf eigenen Beinen. Bei mir war das nicht nur der Glücksklee - dessen glücksverheißende Wirkung einzig durch den Umstand seiner Mutation zum Diebesgut von mir in Frage gestellt wird - sondern auch eine vorgedruckte Postkarte, die mir zufällig, aber auch so etwas von unabsichtlich ins Dschungelbuch rutschte. "Wien, den 9. Mai 1935. Auf unser Ergebenes vom ... betreffend Frau Maier noch ohne Ihre geschätzte Antwort, bitten wir dringend um gefällige sofortige Erledigung, da eine Verzögerung für uns große Nachteile im Gefolge haben würde. Im voraus besten Dank. Hochachtungsvoll Wys Müller & Co." Solch schöne Worte darf man nicht versauern lassen auf dem Land in einem Stall, daher tarnen, täuschen, Panoramablick und eingesteckt. Und auch mein Bruder straffällig geworden, aber Verbrechen plus Strafe eben nur nach gelungener Beweisführung. Mein Bruder also hat sich ein Metallgewinde eingesteckt. Er weiß noch nicht, was er (erst mal zurück in Vorarlberg) tun soll damit, aber das war eher so eine Prinzipiensache, denn auch ihm hatte sie horrende Preise ins Ohr geflüstert, geflüstert und also nett zwar, aber eben doch Preise zum gleich Eingraben.
Nach Bestandsaufnahme, also Gesamtinventur, gibt sich mein Bruder noch alle erdenkliche Mühe, mir Geiz und Geilheit zu unterstellen, weil ich so fanatisch verhandelte für ein eigentlich lieb gemeintes Geschenk. Er meint es neckisch, dennoch nehmen wir's bitterernst. "Für Geschenke sollte man zahlen, was gezahlt werden will", sagt er. "In Wahrheit geht's hier ums Prinzip", sage ich. Was soll's! Der Schuss ging sowieso nach hinten los - mit Preisnachlass wegen Versündigung war nämlich nichts. Warum dann noch länger diskutieren? Deshalb ich jetzt mucksmäuschenstill und schwupps, die Diskussion unterbrochen, quasi im Keim erstickt. Weil so läuft das am Land. Wenn man nicht reden will, muss man nämlich nicht. Dann sitzt man bloß da stattdessen und schaut nur und isst stumm seine saure Wurscht in Essig und Öl. In Kärnten das alles am Besten mit gesenktem Kopf, will man nicht Gefahr laufen in Verlegenheit zu kommen. Nämlich in die Verlegenheit des Augenkontakts mit Einheimischen, richtigen Kärntnern. Denn ist der Augenkontakt erst hergestellt, ist ein Lächeln auch nicht weit. Und ist das Lächeln erst hergestellt, muss man ja irgendwie reagieren auf solches Regen und Bewegen am heimischen Gegenüber. Und dann hat man überhaupt den Scherben auf. Weil, will man einem Blaumann freundlich begegnen? Nein. Selbst dann nicht, wenn er eigentlich doch orange ist. Da fährt die Eisenbahn drüber! Und zwar tags darauf und zurück nach Wien.
Doch zuvor noch kalte Nacht und schwarze. Weil so ist das mit dem Land. Kalt und oft sehr schwarz und von Sippe zu Sippe entweder mehr oder ansonsten weniger zurückhaltend und reserviert. Die Zeit totzuschlagen nützt nichts mehr und da erinnere ich mich an meinen Mückstein, den von mir zurück gelassenen, und wünsche ihn mir an die Seite und ins Bett. Doch alles konzentrierte Wünschen nützt da nichts, nein, mit Konzentration allein ist da nichts zu bewegen von Ort zu Ort. Telekinese ein einziges verdammtes Ammenmärchen. Gerade begonnen, war ich auch schon wieder fertig mit der Parapsychologie. So schnell kann's gehen. Um Mückstein trotzdem nah zu sein, nehme ich den Roman, den von ihm niedergeschriebenen und mir zur Reiselektüre dargebotenen. "Bin gespannt auf deine Meinung", so er zu mir, damals in Wien - Jahre scheint es her. Also bei einem Lesetempo von 6.675 Wörtern in der Stunde schaffe ich den Roman mit 53.000 Wörtern in guten 7 Stunden dunkelster Nacht, plus 1 Stunde Zeitverschiebung, macht 8. Na dann, keine Zeit verlieren, los:
In Roland Mücksteins Lückengeschichte 'MÖRSER' [...] belehrt der Psychagoge Gregor Zoesser seinen Schüler TMP: 'Dein ganzes Suchen nach der idealen Gliederpuppe, nach der zarten und gebrechlichen Geliebten, der tuberkulösen, fast schon toten marionettenhaften, willenlosen Unfrau, nach der glatten, jungfräulichen Haut, die du beschreiben kannst, läßt sich zurückführen darauf, daß du seit deiner Niederlage in Brasilien Probleme damit hast, dich selbst als Mann zu akzeptieren', woraufhin der Schüler ihm ins Wort fällt mit der Frage, was für eine Niederlage in Brasilien er meint; an dieser Stelle merkt der Psychagoge, daß er sich verplappert hat ('Spanien' bessert er aus [...]).
Schöner Satz, lustiger Satz. Schöner Mückstein, lustiger Mückstein. Da fährt in mich so etwas wie Stolz, wohliges Gefühl und warmes, bin's ganz zufrieden, auch wenn es etwas anderes wäre, das ich mir einzufahren jetzt eigentlich wünschen würde. Nun ja, das Leben ist kein Wunschkonzert und mit der Parapsychologie hatte ich ja vorzeitig abgeschlossen. Deshalb weiter im Text.
Mir ist klar, daß ich in einer Weise, die in Wirklichkeit verrückt ist, nach einem Idealbild suche, das hinter meiner irdischen und unvollkommenen geliebten [...] [Amir] steht, [...] so was brauchen Sie mir nicht erzählen, weil ich das weiß. [...] Aber [...] ich habe fünfundzwanzig Tausend Jahre Zeit, um die Geschichte immer wieder zu erzählen, bis der Stern, das Idealbild, dem ein Ende setzt.
"Bin doch wirklich schon äußerst gespannt auf Ihre Meinung", hör ich aber nur in meinem Kopf, in meinem Kopf, in meinem Kopf, in meinem - und der wird rot. Weil die Wut kommt hoch in mir und ja, nennen wir es getrost Eifersucht. Denn was da steht, das lesen meine Augen gar nicht gern, und was gäbe ich jetzt für Ödipus' Sehkraft, meine Augäpfel vielleicht, ja meine Augäpfelchen, mein Vater hat ja unten jede Menge Löffel, alt zwar, aber erstanden ganz neu, vielleicht könnte man mit diesen zustechen, ein kleines bisschen stechen dumpf und dann erblinden... Ach was, ich übertreibe, und das wieder einmal maßlos. Es ist bloß ein Roman, da ist nichts dran und drin, was Entsprechung fände in dieser Welt, alles erstunken, erlogen wie auch hier. Deshalb also weiter im Text.
Roland sitzt im Park [...], die Knie am Steinboden, die Stirne auf der Bank, und heult sich drei Monate durchgedrehter Liebe von der Seele. Eine gute Fee reißt ihn ein bißchen an den Haaren und sagt, mach ruhig weiter bis zum Sonnenaufgang, aber morgen mußt du es vergessen haben. Das war Zweitausendeins.
"Bin so gespannt auf Ihre Meinung, Sie werden ihr blaues Wunder erleben, lesen Sie nur, lesen Sie...", höre ich aber in meinem Kopf und der wird knallrot, weil der Roman Zweitausendfünf, also doch ziemlich aktuell, weil wenn Kanon, dann auf jeden Fall Gegenwartsliteratur. Und da kommt sie hoch und immer höher die Wut und ja, wir nannten es Eifersucht. Weil was da steht, das geht auf keine Kuhhaut, würde meine Mutter sagen (womöglich auch Wolf Haas) und dabei den Kopf schütteln. Das tu ich jetzt auch, nämlich schütteln den Kopf. Aber Kuhhaut hab ich so auf die Schnelle keine zur Hand, um zu testen, ob diese meine Schmach da drauf ginge. Und deshalb also Überschäumen und nicht eben wenig Schaum vorm Mund und Aggressivität in mir und aus mir hinaus. Weil da steht, es ist nicht zu glauben, dass Roland, der Protagonist, verliebt sei seit Jahren und immer noch und immerewig. Weil da steht, und es ist kaum zu glauben, dass Arim, die Protagonistin, wär so schön und sternengleich, weil ihr Name ja ein einziger schöner Stern. Und Roland und Arim finden eine derart reale Entsprechung in meiner Welt, dass es mir die Haare aufstellt, bis ich sie mir wieder glatt streiche vor lauter Zorn und nur nicht zugeben, dass es mich tangiert. Also alle Charakterhinweise realastronomisch berechnet für diesen Roman. Ein bisschen sehr viel Entsprechung, quasi nicht eben wenig unauffällig. Wolf Haas würd sagen: "Ein bisschen ding ist das schon." Arim! Arim! (Rückwärts übrigens Mira. Auch ein schöner Name.) Aber da war ich auch schon fertig mit dieser Arim, bevor ich sie überhaupt kennen gelernt hatte. So schnell kann's gehen. Weil so ist das am Land. Da wird nicht lange gefackelt.
Ja von mir aus, von mir aus, dann ist sie halt schön, dann ist sie halt ein Stern, aber für dich ein vergangener, mein Lieber, vergangen! Sooo, jetzt heißt's aber aufpassen, weil jetzt wird's gemein, weil jetzt geht's so richtig ans Eingemachte und unter die Gürtellinie. Alles wird gut! Zauberwelt! Immer schön dran denken, Nadine! Nichts Böses kann passieren. Und wenn man sich's lang genug einredet, glaubt man es sogar. Deshalb also weiter im Text.
Aber dann doch nur kurz, weil ganz plötzlich und hübsch unerwartet Sicherung durchgeknallt. Aber so was von! Weil da fragt sie ihn so süßlich, diese Sternengleiche, ob er ein Zauberer sei - - und ich will nur rufen: "Das ist zu sehr Kätzchen, das ist zu sehr süße Verführung, das darfst du nicht fragen, nicht ihn, doch nicht ihn, nicht ihn, der jetzt zu mir gehört!" Ja, so ruf ich unerwartet schnulzig vor mich her in Gedanken und von diesem Rufen erwächst mir ein sagenhaftes Mitteilungsbedürfnis. Wolf Haas würd sagen: "Wasserfall nichts dagegen." Und da juckt sie auch schon, die Hand, und will ausrutschen mir, doch eben wohin.... Öh - Moment, Moment, Momentchen! Kurz hat sich da was eingeschaltet. Bekannt kommt's mir ja vor, aber so weit weit weg ist's und außerdem leise - dabei hör ich eh schon eher schlecht. Weil HNO und Saugpumpe stehen lang schon an, doch so ein Termin will terminisiert sein und an der Terminisierung hapert's halt gewaltig. Also hör ich nicht hin, wer da was zu sagen hat zu mir, und sei's auch mein Verstand, mein fehl gegangener. In solchen Momenten gibt man alles für eine Freundin. Doch die liegt in Wien, ganz ahnungslos und verschlafen - weil Angelika mein Nachtfalter, mein externes Gewissen, aber Öffnungszeiten eben ausbaufähig. Also Fachtnalter nicht da, deshalb nehm ich es auch schon zur Hand, das tückische Mobiltelefon und rede zu ihm, dem Schurken, der da liegt im elterlichen Wolfsgraben, so scheinbar unschuldig, und vielleicht träumt sogar von fernen Sternen. Und da hämmert man dann schon mal etwas wie "Duuuuuu lässt mich ins offene Messer springen!" in die Tasten. Und da bekommt man dann auch durchaus eine Antwort die da heißen könnte: "Ist doch schon ewig her...", mit einem ernsten bis versöhnlichen "Bin verkühlt und vermiss dich, aber damit kränkst mich!" hinterher. Aber so muss man mir nicht kommen in der wilden schwarzen Nacht, nein, so nicht, nicht mit Versöhnung, mit mir nicht, nicht mit mir - und da schreibt sie auch schon fast wie von selbst zurück, die Hand, die durchgedrehte, er soll sich schleichen gefälligst, und die Wunden selber lecken in seinem Wolfsgraben, in seinem einsamen. Deshalb auch nicht mehr weiter im Text. Und Antwort kommt auch keine retour! Und Antwort kommt auch keine retour!!! In einer Situation wie dieser hilft auch kein Augen ausstechen mehr, da kann man nur noch eine Nacht darüber schlafen. Na ja, es sind eben raue Töne, die man anschlägt auf dem Land. Weil so nämlich läuft das da. Mit Schönrederei ist da nichts. Da wird Tacheles geredet!
Am nächsten Morgen also Eisenbahn und Abreise. Mein Vater drückt mir jede Menge Zahlungsmittel in die Hand, ich zier mich und gebe schlussendlich doch nach. So läuft das. Und genau deshalb auch nur zu 94 % Selbstversorger. "Freu mich auf's nächste Mal" denke ich und vergesse kurzerhand alle Nachteile einer solchen Reise. Auf der Rückenlehne des Platzes vor mir in pubertärer Handschrift: "Tokio Hotel sind Krüppel und schwul!" Na sauber, denk ich bei mir, ein Weltbild wie ein Nazi dieser dumme Halbwüchsige. Behinderte und Homosexuelle weg, weg, weg da und Bahn frei für olympiadischen Wuchs und Topf zu Deckel. Meine Problemchen halb so schlimm, denk ich weiter, und da wag ich endlich den ersten Gedanken an meinen Mückstein. Das "Ha! Ha! Hab ich dich, du Schuft! Du liebst eine andere!"-Gefühl verflogen, steigt eine große Zärtlichkeit in mir hoch für den von mir Beschimpften, gefolgt von Angst vor den Folgen, vor allem Angst vor den Folgen. Und jetzt aber flott und Versöhnung, sonst wird der Tag zu lang und das war er bereits in Kärnten zu oft und zur Genüge. Und da sagt er zu mir, der so schändlich Beschimpfte, ich hätte durchgerüttelt ihn heut Nacht und Angst hätt' er gehabt --- und ich? Ich grinse wie die Grinsekatze aus Alice im Wunderland und mein Herz geht über und über sich hinaus.
Und irgendwann doch: Wieder Wien und wieder bei mir von diesem nächtlichen Gedächtnisschwund. Weil wie konnt' ich nur, wie konnt ich's nur vergessen, dass mein Muck nur mich mag, und zwar mich ganz allein, quasi sein Allerallerliebstes? Er, der von Schmetterwürmern und Lindlingen zu erzählen weiß, der eine besondere Beziehung hat zu meinem Rücken, was er als bloßen Zusatz nicht Ausschluss verstanden wissen will, er, der sagt, ich solle mich drauflegen auf ihn, sonst fliege er weg vor lauter... Und ich, immer noch neugierig - denn so schnell wird man's nicht los -, nehme jetzt den Astronomieatlas zur Hand und lese nach. Und der Atlas sagt: "Arim. Dieser Stern ist ein Doppelstern im Sternbild Walfisch, bestehend aus dem roten Riesen, genannt A, und dem weißen Zwerg, genannt B." Das also lese ich da in diesem Atlas und ich denke bei mir: "Aha! Also Riese? Also Zwerg? Keine Konkurrenz!"
Weil genau so läuft das mit dem Reisen und der Liebe. Ein kompliziertes Universum, alle beide. So sehr kompliziert nämlich, dass Wolf Haas wahrscheinlich sagen würd: "Quasi unheimlich." Und Turrini? Der würd sich fürchten.