Nadine Kegele

 

Fuge

 

Solomon Todorov war einer der Besten. Einerseits wusste er dies und genoss es, andererseits war es ihm lästig -- die Menschen waren neugierig, waren aufdringlich, er hatte ihnen nichts zu sagen. Winters gab das Balkonfenster seines Arbeitszimmers den Blick auf den jüdischen Friedhof frei. Von oben wirkten die Grabmäler wie geometrisch angeordnet, waren jedoch nur Chaos, verwachsene, nicht mehr aufgesuchte Gräber, vom Windbruch zerstörte Grabsteine und vom Wurzeltrieb verschobene. Mit Geometrie war diesem Ort nicht beizukommen. Sommers war der Friedhof verschwunden, verschluckt von Blutbuchen und Eichen, die in Blüte standen. Solomon Todorov mochte den Winter und er wünschte die Sommer vorbei -- der Friedhof strahlte Ruhe aus, immerhin waren die Bewohner tot, so war es ihm am liebsten, nicht, dass alle tot waren, aber alle ihn in Ruhe ließen. Wenn vor seinem Haus Journalisten lagerten, wurde seine Dachgeschoßwohnung zum Bunker und er aß tagelang Konserven und Dauerwurst -- Solomon Todorov hatte den längeren Atem. Wenn vor seinem Haus Journalisten lagerten, bedeutete dies, dass sich ein Geburtstag jährte oder ein Todestag, jedenfalls ein Jubiläum, und dazu hatte er nichts zu sagen. Sein Arbeitszimmer war der von ihm meistfrequentierte Raum der Wohnung, gefolgt von der Speisekammer und dem Schlafzimmer, wenn er müde war. Er war selten müde. Auf dem Friedhofsgelände wurden in regelmäßigen Abständen Bäume geschlägert. Dann öffnete er das Fenster und hörte die Kettensäge und Arbeiter, die - so schien es ihm - mit ihren bloßen Händen Bäume zu Fall brachten. Nicht, dass es ihm von Wichtigkeit gewesen wäre, Bäume zu stürzen, alte, morsche mussten beseitigt werden, doch er bewunderte es, wenn jemand mit seiner Hände Arbeit etwas verrichtete, etwas schuf -- oder eben für die nötige Friedhofsordnung sorgte. Er bewunderte Bäcker, Maurer, selbst Fleischhauer bewunderte er und Bauarbeiter rührten ihn.
An manchen Stellen glich der Friedhof einem verlassenen Steinbruch, von Efeu überwucherte Grabplatten, steinerne Schrifttafeln und Obelisken in Kindergröße wuchsen in Schieflage einander zu. Solomon Todorov dachte an Steinklopfer und bewunderte erneut. Früh morgens schien ihm die Sonne direkt auf die Klaviatur, wanderte bis zur Mittagszeit durch den Raum und verschwand nachmittags im Esszimmer. Dass sich das Klavier unter der Wärme allmählich verzog, war ihm einerlei, Solomon Todorov war ein Verweigerer und das Klavier ein Stück Holz -- Holzarbeiter, dachte er. Während auf christlichen Friedhöfen Grabfelder geräumt wurden, um Platz zu schaffen, war die jüdische Totenruhe unantastbar, diese Beständigkeit imponierte ihm, bei Platzmangel wurde eine neue Erdschicht über das Grab gelegt, um einen anderen Toten zu bestatten, doch das Feld räumen musste niemand. Wenn früh morgens die Sonne ins Zimmer schien, wurde nicht nur das Licht von den weißen Tasten der Klaviatur reflektiert, auch wurde das darauf befindliche Artischockenglas zum Leuchten gebracht wie ein am schwarzen Lack des Klaviers steil nach oben wachsender Stalagmit. Das mit Alkohol statt Artischocken angefüllte Glas spiegelte weiße Punkte auf die gelbe Wand, für gelb hatte sich seine Frau entschieden, doch Solomon Todorov sah es nicht, er spielte mit geschlossenen Augen, denn sobald er seine Augen öffnete, war er versucht, auf die Finger zu blicken, zu kontrollieren, was seine Konzentration aushebelte, und er unterließ es. Ebenso sah er nicht, dass im Sonnenlicht der weißgoldene Ring am Finger im Glas dem silbernen Kerzenhalter glich, der daneben stand, der keine acht Kerzen trug und bei dem auch die neunte fehlte. Von Artischocken wurde ihm schwindlig, von Zucker bekam er Hautausschlag und der Krebs hatte seine Frau getötet, im Dezember jährte sich ihr Todestag erneut, das Glas auf dem Klavier war das letzte Glas eingelegter Artischockenherzen, das seine Frau gegessen hatte. Das war vor dem Krebs gewesen.

Auf dem jüdischen Friedhof gab es keine Blumen, die Hinterbliebenen legten kleine Steine auf die Grabplatten, er suchte die Steine auf dem Weg in den dem Friedhof angeschlossenen Park, er suchte nach platten Steinen mit Struktur, meistens wurde er fündig. Ihr Grab war bereits den vierten Sommer mit Gras überwachsen gewesen, von seinem Platz am Klavier aus konnte er es nur im Winter sehen. Es war Winter und Solomon Todorov saß am Klavier, im Kopf eine Tonfolge, eine Spiegelung, doch er brachte es nicht zu Papier, es lag an der Transkription, die Transkription war schuld daran, er hörte, doch er sah es nicht und die Fuge ließ auf sich warten. Daran hätte auch der zehnte Finger nichts zu ändern vermocht, selbst wenn sich die Presse aufgrund seines Rückzugs aus der Öffentlichkeit in verschiedenste Vermutungen verrannte, war die wohl unwahrscheinlichste der Verlust seines zehnten Fingers, seines Ringfingers, des Fingers, an dem er den Ring getragen hatte, den er nie mehr abzulegen versprochen hatte, er trug den Ring noch immer, nur seit dem Unfall nicht mehr am eigenen Körper. Dass der Verlust des zehnten Fingers eine Pianistenkrise ausgelöst hatte, war die mediale Meinung, nicht jedoch die Wahrheit, die Wahrheit war: Auch ein neunfingriger Klavierspieler war ein guter und Solomon Todorov war einer der Besten, doch brauchte er dies der Welt nicht länger zu beweisen, auf die Welt war er nicht mehr angewiesen. Wenn vor seinem Haus Journalisten lagerten, saß er die Sache aus. Dann blickte er auf den jüdischen Friedhof, auf das Grab und ignorierte die Belagerung. Er hatte nichts zu sagen zu seinem Geburtstag, er hatte nichts zu sagen zum Todestag seiner Frau, er saß am Klavier und schrieb, die Fuge ließ auf sich warten und daran hätte der zehnte Finger auch nichts zu ändern vermocht. Annähen war nicht mehr möglich gewesen und Solomon Todorov war es gleichgültig, denn einerseits versprachen zehn Finger zwar eine gewisse Virtuosität, andererseits gab es einen ebenso erfolgreichen einhändigen Pianisten, für welchen nicht weniger virtuose Stücke geschrieben wurden -- was war schon ein Finger bei einer ganzen Hand, bloß nicht zu viel der Sentimentalität wegen eines einzelnen Fingers, fand Solomon Todorov, schließlich war das kein Musical und er kein tragischer Held! Solomon Todorov war keiner jener Klavierspieler, die einen Handschlag verweigerten aus Angst, sich bei zu festem Gegendruck die Pianistenhand zu verletzen. Als Gitarrist hätte er trotz lang gewachsener Fingernägel die ihm zugeworfenen Schlüssel mit der Hand gefangen, als Opernsänger hätte er Kette geraucht -- er war ein Verweigerer, war er immer gewesen.

Die Fuge ließ auf sich warten. In seinem Kopf hörte er sie, er hörte diese eine Tonfolge, deren Spiegelung, er hörte die fünf Stimmen, doch war es ihm nicht möglich, die Kopfmusik zu Papier zu bringen. Klavier zu spielen und Klavierstücke zu schreiben waren zweierlei und die Kunst der Fuge keine einfache, dachte er, Fugen schreiben können heißt komponieren können, er wusste, dass er das konnte, bloß wann? Seine Frau hatte immer daran geglaubt, jetzt saß er vor dem leeren Notenpapier, den Bleistift reglos zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Die Fuge war das Meisterstück des Barock gewesen, seine Frau hatte immerzu Barockmusik gehört, sie mochte die Vielstimmigkeit. In fünf Stimmen sollte sich die fallende Non spiegeln, dachte Solomon Todorov, und der Höhepunkt ein Spiegelkrebs -- Ironie.
Auf dem Fensterbrett lag Neuschnee und auf dem Friedhof wusch ein Mann die Schmiererei von einem Grabstein. Er war am Morgen schon einmal da gewesen, war gegangen, war wieder gekommen mit einem Eimer in der Hand, Solomon Todorov hatte ihn beobachtet, es war das Grab vor jenem seiner Frau, er kannte den Mann nicht. Auf dem Fensterbrett lag Neuschnee und eine Krähe pickte nach den Sonnenblumenkernen, die er verstreut hatte, manchmal streute er auch Brotkrumen, er mochte es, wenn Vögel sein Fensterbrett anflogen. Über der Beobachtung des Mannes auf dem Friedhof, des Vogels auf dem Fensterbrett, vergaß er ganz auf die Fuge, das Notenpapier war noch immer leer, er drehte es um und schrieb:

"ein Mann putzt ein Grab
ein Vogel vor dem Fenster"

Die Krähe pickte die letzten Kerne aus dem Schnee und flog davon, trotz geschlossenem Fenster vernahm er den Flügelschlag. Dann erhob er sich vom Hocker, legte den Bleistift neben den Kerzenhalter und ging in die Speisekammer, er nahm eine Gemüsekonserve in die eine Hand, seit Anfang der Woche war er nicht mehr einkaufen gewesen, nahm die Sonnenblumenkerne in die andere, ging in die Küche, öffnete über dem Abwaschbecken die Konserve, ließ durch den frei gewordenen Metallspalt das Wasser abtropfen, zog den Metalldeckel ab, nahm eine Gabel und ging zurück ins Arbeitszimmer. Die Konserve stellte er auf das Klavier neben den Bleistift neben dem Kerzenhalter, öffnete das Fenster, der Wind blies ihm den neuen, noch nicht festgefrorenen Schnee ins Gesicht, er schüttete Sonnenblumenkerne aus dem Plastik auf das Fensterbrett, schloss das Fenster, setzte sich auf den Klavierhocker und aß die eingelegten Karotten. Dann nahm er den Bleistift zur Hand, wendete das Notenpapier erneut und schrieb:

"Appetit"

Die Liste erstreckte sich bereits über eine halbe Seite. Kein Wunder, dacht er:

"das Grab beschmiert
die Wanduhr tickt zu laut
Stimmen im Treppenhaus
rollende Straßenbahn
Gasgeben eines Motorrads
es schneit
Vogel auf dem Fensterbrett
Telefax
das Holz verzogen
Autohupen
ein Mann putzt ein Grab
ein Vogel vor dem Fenster
Appetit"

Er öffnete die Augen und blickte auf seinen Ringfinger im Artischockenglas.

"der Ring glänzt wie die Menorah", schrieb er auf die Rückseite des Notenpapiers und auf die Vorderseite notierte er: "Acht Tage!" Dann steckte er sich den Bleistift hinter das Ohr, erhob sich vom Hocker und warf die leere Konserve in den Müll in der Küche. Der Mann auf dem Friedhof kniete noch immer im Schnee und reinigte den Grabstein von den Beschmierungen der letzten Nacht. Solomon Todorov langte mit seinen neun Fingern unter die Abwasch, holte Spiritus und Stahlwollekissen hervor, griff nach seinem schwarzen Hut und verschwand im Treppenhaus. Wenn er zurückkam, würde es dunkel sein, er würde acht Kerzen in die Menorah stecken, die erste Kerze an der mittleren Kerze entzünden und den Kerzenhalter ans Balkonfenster stellen, er würde Rosinenbrot und Schwarztee vor seine Haustür stellen, denn an der Haustür würde es läuten, er würde nicht öffnen, denn zu sagen hatte er nichts. Dann würde er die Fuge schreiben für ihren Todestag.

Und auf dem Weg würde er im Schnee einen Stein finden.