winnetou : "Ich glaube an den Heiland. Winnetou ist ein Christ. Leb wohl!" : III. bd -- konversion also karl may am herzen lag, jedenf. die zum christentum
auch joseph addison, engl. schriftsteller, ist es ein anliegen, die vorteile dieser weltrelig. zus. zu fassen : "See in what a peace a Christian can die." -- so gesehen nur dem christl. schriftsteller möglich, friedlich zu sterben = argument
in gleichem maße andächtig, bloß weniger fromm : bogart, das alphatier der s/w-film-chauvis : "I should never have switched from Scotch to Martinis."
Gertrude Schwitzert saß im Schaukelstuhl vor dem französischen Fenster, die gelbe Frühstückskaffeetasse in der einen Hand, die Zigarette in der anderen, in den Haaren Lockenwickler, auf dem Gesicht Weizenkleie mit Minze, denn Minze wirkte beruhigend. Die Maske würde sie in sieben Minuten von ihrem Gesicht waschen, das Gesicht würde gerötet sein, doch nur die erste Zeit. Hernach würde sie sich in ihren haselnussbraunen Hausanzug werfen (noch saß sie im Nachthemd) und den Computer hochfahren. Während dessen würde sie sich im Wasserkocher Wasser erhitzen, dieses in eine Thermosflasche füllen und sich - der Computer würde mittlerweile hochgefahren sein - an den Schreibtisch setzen. Sie würde das Textprogramm öffnen, einen Schluck des heißen Wassers trinken, auf das leere Blatt auf dem Bildschirm starren und wieder trinken.
james buchanan eads, amerik. ing., keine zeit zum sterben : "I cannot die. I have not finished my work."
hingegen für george eastman, amerik. unternehmer, höchste zeit : "My work is done. Why wait?"
william etty, engl. maler, entzückt über die vorstellung, fand sichtlich gefallen daran : "Wonderful! Wonderful this death!"
Heißes Wasser, so Gertrude Schwitzert, schwemmte aus. Besser als Tee, bei dem man nur allzu leicht etwas falsch machen konnte - einmal zog er zu lang, dann zu kurz, einmal machte er schläfrig, dann wieder wie auf Drogen und Herzrhythmusstörungen. Gertrude Schwitzert war das zu viel der Kniffe, sie bevorzugte es simpel und also Wasser, am liebsten heiß und Giftschleuder, denn heiß schwemmte Schlacken aus dem Körper und danach wie neugeboren, zumindest jedoch der Eindruck. Allzu Flüssiges direkt neben der Computertastatur barg selbstverständlich auch Gefahren in sich, quasi Arbeitsunfall, doch war kaltes Wasser nicht zwingend ungefährlicher als heißes, dachte Gertrude Schwitzert, und blieb dabei, trotz Zwischenfällen.
van gogh, verkannt zu seinen lebzeiten u. auf dem hungertuch, hoch gelobt nach seinem tod : "La tristesse durera toujours." -- die trauer wird ewig dauern oder noch dramatischer : die Trauer wird eine ewige sein
in gleicher weise hochgemut, ja übermütig im voraus (vermessen?) der frz. philosoph august comte : "Welch ein unvergleichlicher Verlust!"
um einiges bodenständiger wilhelm III. von england, der nämlich fragte seinen arzt : "Can this last long?" -- der könig hatte einen schlüsselbeinbruch u. keine übung im sterben
wenig lyrizismus entgg. den erwartungen von friedensaktivist u. sängergott john lennon : "I'm shot! I'm shot!" -- schöne zusammenfassung, inhaltl. nichts auszusetzen
Sie brauchte einen ersten Satz, dachte sie, einen ersten Satz nur, dann war der Bann gebrochen und ein Wort ergäbe das andere. Der erste Satz sollte, so hatte sie sich überlegt, der letzte sein, der vermeintlich letzte Satz eines alten Mannes, der im Sterben lag, der im Sterben lag und doch nicht starb. Mit dieser Szene sollte er beginnen, ihr erster Roman.
alter mann (name?) in seinem schlafzimmer, sterbezimmer, um ihn herum leute, verwandte, bekannte, nachbarn, mittlerweile auch das fernsehen (?), neugier, der tod zeichnet sich bereits ab, seit wochen, doch der mann noch immer am leben, neue intelligente, verwirrende, ja weise letzte worte immer u. immer wieder, doch der tod lässt auf sich warten, immer größere neugier, immer einfallsloser aber der mann, eine traube von menschen, gesetzt den fall, es passiere nun doch, jeder will dabei sein, eine einzige warterei das, in der luft spannung, totengeruch auch, kommt noch ein letzter satz?, od. war's das?, der schriftführer (denn einen muss es ja geben, der die letzten sätze protokolliert) den bleistift gespitzt u. im anschlag, der mann die augen zu jetzt, doch : noch immer nicht tot, usw. usf.
Jemanden zu töten, das wusste Gertrude Schwitzert, war ein heikles Thema. Und sei es auch nur auf dem Papier. Man brauchte gute Gründe. Alt zu sein war Grund genug, fand sie, am Besten sehr alt.
viell. 94, oder bereits > 100, deshalb auch das fernsehinteresse, mediales ereignis also, vielleicht sogar der held der stadt? ja! über 100 u. nicht tot zu kriegen!
Für einen Roman unerlässlich: Eine pompöse Eröffnung, seltsam, verwirrend vielleicht sogar, Käufer und Käuferinnen mussten gefesselt werden, ins Buch hineinspringen sollten sie wollen gleich nach dem ersten Satz. Bisher war es Gertrude Schwitzert nicht gelungen zu fesseln.
1. Problem: Sie, Experimentalschriftstellerin, genauer Lyrik, die Leser aber Alltagsbrei und Großformat, so ihr Agent.
2. Problem: Sie, keine Ahnung, wie schreiben den Roman, doch nur mit einem Roman Kassenschlager, sprich Einkommen, so ihr Agent.
3. Problem: Sie, sprachverliebt, sprachspielerisch, musste sich der Alltagssprache bedienen nun, wollte sie nicht in den Supermarkt und hinter die Wurst, so ihr Agent.
Gertrude Schwitzert hatte gegen Wurst nichts einzuwenden, doch war sie nicht talentiert genug für Kundenbetreuung und andere Sozialkontakte befand sie, und also Plan: Eine Prostitution auf dem Literaturmarkt, ein Konto in den schwarzen Zahlen und danach: Ruhe vor ihrem Agenten, Ruhe vor ihrer Bank, Ruhe vor literarischer Massenproduktion.
"Die letzten Sätze des Herrn Tolstov", hm, erinnert an tolstoi und sofort ganz russland vor augen, die romanows, väterchen frost, nein!, besser ein unbesetzter name, kramer zb, oder palmer, stichmann, bach, von bach?, "Die letzten Sätze des Herrn von Bach", nein! eindeutig zu viel von und zu : wenn sich bereits die zwei alten nachbarinnen um adelstitel balgen!, viell. doch "Die letzten Sätze des Herrn ... Siegbert", alte leute siezen sich so gern u. nennen sich trotzdem beim vn, alfred viell., josef oder erich: "Die letzten Sätze des Herrn Erich", neutral, doch irgendwie hausmeistername, sollte er viell. sogar der hausm. sein?, erklärt, warum derzeit kein hausm. unterwegs, weil der eigentliche noch im sterben liegt u. die Wohnung okkupiert, das haus folglich verwildert, fehlendes reglement, niemand wechselt im stiegenhaus die birnen aus (sachen dieser art), u. wenn der 100-jährige erich endlich tot, betritt ein neuer hausm. die szene, doch achtung : spürbar machen, eine ära geht zu ende, "Die letzten Sätze des Herrn Erich" also (= impliziert außerdem verbindung zum schriftführer, sehr schön!)
Gertrude Schwitzert hatte sich für ein Pseudonym entschieden: Alva Twischertz, das hat Stil, dachte sie. Das Anagramm des Familiennamens sorgte im günstigsten Fall für Verdächtigungen, sprich Verkaufszahlen in die Höhe, im ungünstigsten Fall für keine Wiedererkennung, und auch das in ihrem Interesse, denn ihre Experimentalschriften sollten nicht mit diesem Schmus in Verbindung gebracht werden. Das kosmopolitische "Alva" hatte sie abgekupfert von Thomas Alva Edison, dessen letzter Satz völlig unbedeutend, fand sie, weil einzig ein Kommentar zu einer seiner Erfindungen. Doch das Sterben war schwer genug, dazu auch noch die richtigen Worte zu finden, nahezu ein Kunststück. Manchmal auch Zufall, dachte Gertrude Schwitzert.
brauche einen helden, der agiler als der halbtote hausm., einen, der die handlung trägt, der klassische held : jung, männlich u. allein. name unbekannt noch, jedenfalls aber des hausm. nachbar. fokus auf ihn, der die geschichte des hrn erich nacherzählt, einstreuen von jugend-/kindheitserinnerungen an den noch lebendigen hrn erich, den hausm. hr erich, der das stiegenhaus putzt, nein, dessen frau putzt (es putzen immer die frauen), des hausm. frau aber seit jahren schon tot (ihr letzter satz?), aber sie also putzt in der erinnerung des helden noch immer u. des hausm. schimpftiraden der dreckigen schuhe des noch kindl. helden wg. klingen auch noch nach, etwas in diese richtung, des helden gedächtnis also die konstante, der rote faden, dazu porträts anderer hausbewohner u. immer wieder hr erich in seinem sterbezimmer, vollgerammelt mit kameras u. schaulustigen
Die Experimentalschriftstellerin Gertrude Schwitzert wusste, verkauft wurde Spannung und Romantik, alles darüber hinaus galt als absonderlich, als schwer verdaulich, unbequem. Für einen Krimi fehlten ihr jedoch die Nerven, für einen Liebesroman die Geduld, also musste sie ihr Konzept spicken mit spannenden Elementen und etwas Liebe, und dem Publikum - in kleinen Happen aber doch - geben, wonach es verlangte.
der held sieht im nachbarhaus eines tages die silhouette einer frau, neu zugezogen, od. war er immer schon verliebt?, neu zugezogen! = zusätzl. spannungsbogen, weil woher kommt sie? wer ist sie? wann sieht er sie in natura u. tatsächliche gegenüberstellung?, womöglich kauft er sich einen feldstecher, od. besser noch ein teleskop (funktionieren teleskope auch auf nur kurze distanz? recherche!), das die romantische nebenhandlung, das spannende element ein kriminalfall, bloß welcher? etwas einfallen lassen!
Gertrude Schwitzert war ganz zufrieden. Die Ideen überwarfen sich und beinahe fühlte sie etwas wie Scham für derart viel wie selbstverständlich aus ihrem Kopf entsprungenen Gesellschaftsgeschmack. Doch war sie an einem Punkt angelangt, wo man Abstriche machen musste und sie machte. Wurst oder Mainstream, dachte sie sich, Wurst oder Mainstream. Sie entschied sich nicht für die Wurst.
der kriminalfall -- eine möglichkeit : der held ist hinter einem fall her, den er im wohnhaus zu beobachten glaubt, viell. in allianz mit einer putzfrau, denn die wiederum hat zugang zu müll u. geheimen orten = platz für vermutungen u. beweismittel etc. (exkurs über die funktion der frau als hausfrau = didaktisches moment, sehr gut!), held+putzfrau (achtung! raumpflegerin) also gemeinsame sache wie bonnie+clyde, aber auf der guten seite, es kommt zu einem sich mit bildern überschlagenden höhepunkt : hr erichs schon wieder letzter satz, der held gerät auf eine heiße spur, hr erichs tatsächlich letzter satz, der held verfolgt die heiße spur, hr erich stirbt, der held steht am ende seiner untersuchungen u. fazit : falsche fährte, alles harmlos! u. hr erich? der ist tot, jetzt aber wirklich. (den kriminalfall betreffend : ein inhalt wäre auch fein!)
Die richtigen Figuren, dachte Gertrude Schwitzert, sind das Geheimnis, stereotyp und breites Spektrum. Der Kaffee in der gelben Frühstückstasse war bereits kalt, doch kalter Kaffee macht schön, das hatte ihre Mutter immer gesagt und sie war sich nicht sicher, ob man darauf etwas geben konnte. Egal! Sie trank den letzten Rest, schaden konnte es nicht, dachte sie, erhob sich aus dem Schaukelstuhl und ging und wusch ihre Weizenkleiemaske mit Minze vom Gesicht. Dann warf sie sich in ihren haselnussbraunen Hausanzug (noch war sie im Nachthemd gesessen) und fuhr den Computer hoch. Während dessen erhitzte sie Wasser im Wasserkocher, goss dieses in eine Thermosflasche und - der Computer war mittlerweile hochgefahren - setzte sich an den Schreibtisch.
alter sterbender Mann, junger agiler Held, raumpflegerin, weitere charaktere : eine familie mit kleinen kindern, der held als kinderfreund (mit kindern fährt eine geschichte immer gut), eine alternde schriftstellerin (einsiedlerisch seit dem tod ihres schriftstellerpartners, sagt sachen wie "Diesmal ist er zu weit gegangen!"), sie u. der held im briefverkehr seit dem schriftstellertod u. des helden kondolenzkarte, morgens ein kleiner zettel für ihn vor ihrer tür, seine antworten schiebt er abends durch ihren wohnungstürspalt (die schriftstellerin als "aufdeckerin" im kriminalfall? in erwägung ziehen!), weiters : zwei alte damen, risa von fries und mariella freifrau von vogelsang, die eine von hier u. darf ihr adelsprädikat längst nicht mehr führen, die andere eine deutsche u. darf weiterhin, von fries also darf nicht, tut dennoch, von vogelsang darf u. zerstreitet sich mit der nachbarin, die ja eig. nicht darf, dies also ein streitpunkt, ein knackpunkt, sorgt für lautstarken zwist im treppenhaus (türenschlagen, gebrüll), und detail : risa von fries hat eine katze, eine dicke, führt sie immer an der leine spazieren, der held (der keine katzen mag) trifft im treppenhaus immer wieder auf frauchen plus dickes tier, gegen ende des romans stirbt von fries (woran? infarkt? viell. nach einem lautstarken streit?!), der held nimmt die hinterbliebene katze bei sich auf (= läuterung), währenddessen wird von vogelsang so ganz ohne gegenspielerin irgendwie auch langweilig (schlechtes gewissen, weil fürchtet, die nachbarin umgebracht zu haben), sie folgt von fries bald ins grab, denn wenn die beiden sonst schon niemanden hatten, so hatten sie doch wenigstens einander -- weitere charaktere : ein briefträger (betritt immer wieder wohnungen bzgl. unterschriftseinholungen, somit nützliche aufdeckerfigur im kriminalfall), des helden nachbarin von vis á vis (macht eindeutige avancen ihm), deren mann (kann den helden nicht leiden (doch nicht deswegen), ist busfahrer von beruf) sowie : andere hausbewohner u. hilfscharaktere wie den eismann, die hausverwaltung, eine alternative wg (hanfgeruch, leere bierflaschen vor der tür) : charakterenliste erstellen!
Gertrude Schwitzert öffnete das Textprogramm. Sie nahm einen Schluck vom heißen Wasser, starrte auf das leere Blatt am Bildschirm und trank erneut einen Schluck. Dann - sie betrieb ein bereits lange eingeübtes 7-Finger-System und war folglich trotz der fehlenden drei sehr schnell - schrieb sie.
"Alles schwankt zwischen außergewöhnlich und alltäglich. Der Tod ist wohl alltäglich, außer man selbst ist betroffen davon."