Nadine Kegele

 

Drama Queen. Rhein

 

Das war ja auch der Grund dafür, dass sie so oft ging. Zu entdecken. Bloß gab es da nichts, das es zu entdecken gegeben hätte. Alles in Ordnung. Immer. Und ausnahmslos. Es war langweilig. Sie war gelangweilt von sich selbst. Wollte sich auch einmal ins Krankenhaus schleppen, um operiert zu werden an den Hämorrhoiden. Wenigstens mit Salben behandelt an einer Zyste. Von ihr aus, eine Geschlechtskrankheit auch. Eine nicht tödliche, klar, doch eine sichtbare, wulstige, gerne auch juckende, bis aufs Blut. Ein Ding, das man schon auf die Weite sah. Ohne Hosen. Und breitbeinig. Was nicht jeden Tag vorkam. Eigentlich nie, zumindest in der Öffentlichkeit. Was sie aber durchaus ändern konnte. Mit einem Rock zum Beispiel, knielang, oder gleich ein Mini. Warum nur immer die Beine zusammenkneifen. (Als Frau.) Sie sollte öfter breitbeinig sitzen. (Mit Rock oder ohne.) Sie sollte öfter breitbeinig beim Bankomaten stehen und Geld zapfen. Breitbeinig bei der Bushaltestelle stehen und auf den nächsten Bus warten. Breitbeinig am Fahrkartenschalter stehen und hin und retour lösen. Es stand ihr bis hier, dass sich das nur die anderen herausnahmen. Männer. Richtige. (Aber auch andere.) Gehörte zum Selbstbild wahrscheinlich. Ach, mit Sicherheit. Scheiß Selbstbild, dachte sie und guckte an sich runter. Ihre Nippel von oben wie Berge im Liegen. Nur kleiner.

Also das Mindeste waren ja Feigwarzen. Aber ohne Hilfe bekam sie die auch nicht auf die Reihe. Zum Beispiel ein Mann musste her und dann eine Grippe. Sie war einfach zu widerstandsfähig. Ein Immunsystem, das mit allem fertig wurde. Eigentlich nur zu wünschen das. Doch von gesund und schön hatte sie erst mal die Schnauze voll. Was hatte er damit gemeint? So Schöne hätte er bisher bloß bei Türkinnen gesehen. Irgendwie ausländer_innenfeindlich, dachte sie. So auf einer ganzen halben Nation herumzureiten. Sollte sie sich einen anderen suchen? Oder gleich eine Frau? Die würde ihr wenigstens nicht mit Türkinnenvergleichen kommen. Während sie da so saß, ja lag eigentlich. Na gut, außer sie wäre eine Lesbe. Und unverschämt. Dann würde es auch die. Dass also vor allem Türkinnen ihre Scham so sauber ausrasierten wie sonst keine, das wusste sie jetzt. Nämlich für ihre Männer ausrasierten. Die Frauen. Die Türkinnen. Türkinnen also immer gefügig. So ihr Herr Frauenarzt. (Die Rasur an der Frau für den Mann.) Im Grunde also mehr frauenfeindlich als ausländer_innenfeindlich. Wobei er es bei seiner österreichischen Tochter wohl nicht so gerne sehen wollen würde. Diese sexuelle Willigkeit inmitten der glatten weichen österreichischen Mädchenästhetik. Bei einer Türkin, Polin, Tschechin, Russin aber? Kein Problem. Und auch bei ihr. Weil nicht verwandt wahrscheinlich. Wobei ja oft gerade die Verwandtschaft reizt. Es sagen nur alle, es reize die anderen.

Eine schöne Scheide also hatte sie. Das wusste sie jetzt aus erster Hand. Von einem, der es wissen musste, da er in seinem Leben genug gesehen hatte. Dieser Blick auf ihr Geschlecht war (ihr) widerlich. Komplimente zu ihrer Scheide mochte sie nicht von ihrem Frauenarzt bekommen. Der hatte ihre Scheide anzusehen wie jede andere Scheide auch. Und die von Türkinnen wie die seiner Tochter. Aber für ihn dazwischen Welten. Zwei wirklich schöne Schamlippen hatte sie, keine größer als die andere, sowohl innen als auch außen, und die inneren lugten eben nicht aus den äußeren hervor, nein, reine Symmetrie zwischen ihren Beinen, da hat er schön geschaut, der Herr Arzt, und (ihr) gesagt, was er davon hielt. Und sie hatte sofort begonnen, wachsen zu lassen. Ihre Schamhaare. Weil wenn ihre Scheide ohne Haare eine so schöne ist, sollte sie ihre Scham doch besser verstecken. (Verschämt.) Und sich gleich wieder einen Termin ausmachen. (Eine Besichtigung.) Sich dem, sich seinem Blick aussetzen, wenn alle nachgewachsen waren. Um zu zeigen, ihm zu zeigen, dass Scheidenkomplimente (bei ihr) ins Leere gingen. Dachte wohl, das wäre freundlich und zuvorkommend. Aber über ihre Scheide hatte er kein Wort zu verlieren. Nicht er. Und nein, auch nicht freundlich, und auch nicht zuvorkommend, denn er hatte es so gemeint. Von Geschlechtsteilen hatte sie erst einmal die Nase voll. Von den eigenen sowieso, denn dass diese so schön waren … als so schön angesehen wurden, das hatte ihr gerade noch gefehlt.

Bei hohen Temperaturen, also Wärme, breiteten sich Pilze ja am Besten aus. Wo Wärme, da wächst was. Was, wenn sie aufs Waschen verzichtete? Erst einmal. Und dann sich was einfing. Etwas, das da unten alles überwucherte. Das wäre auch alleine zu schaffen und ohne fremde Hilfe. Denn einen Fremden brauchte sie nicht im Bett. Nicht jetzt. Sie hatte keine Lust. Ihr war das Bedürfnis abhanden gekommen. Dabei hatte ihre Bedürfnisbefriedigung bisher immer Priorität gehabt. Nach essen und schlafen der Sex. Nun war ihr die Lust abhanden gekommen, sie verspürte keine Lust, auf niemanden. Nicht einmal auf sich selbst. Sie wollte nicht hin greifen, wollte nicht (da) runter fassen und sich (so) berühren, als hätte sie das gern, als hätte sie sich gern, als könnte sie diesem (schönen) Körper etwas abgewinnen. Einen Orgasmus zum Beispiel. Sie war wohl nicht orgasmusfähig. (Nicht mehr.) Früher war es kein Problem gewesen zwei Mal zu kommen, drei Mal, mehrmals hintereinander, wenn sie so berührt wurde, wenn sie sich so berührt hatte, wie eine Frau eben berührt werden muss, nämlich als gäbe es sehr wohl etwas mehr an Körper als nur ein Loch, zwei, drei Löcher. Aber derzeit saß sie auf dem Trockenen, ihr Körper war kalt und unlebendig. Sie wollte nicht hören, wie schön sie war. Dafür konnte sie nichts. Damit reihte sie sich nur ein. In eine Tradition, die mit ihr nichts zu tun hatte. Nichts zu tun haben sollte. Eine Tradition, die sie nicht betraf. Von der aber alle dachten, sie wäre (natürlich) betroffen davon.

Wenn sie das nur schon hörte. Schön. Ein Kriterium, das sie (fortan) auszuhebeln gedachte. Zurück geschmissen auf den eigenen, auf den einen Körper, der plötzlich alles war, der alles galt und so behandelt wurde. Dann ging jemand her und sah ihn an und sagte: Schön ist er, der Körper, vor allem diese Brüste, die Beine, ja, und auch die Scham. (Die Scheide.) Nur die Nase. Etwas groß vielleicht. Also der Höcker. Für ein Foto bitte eher von vorn. Und der Hals etwas zu dick vielleicht für die dünnen Schultern und den Kurzhaarschnitt. Überhaupt, eine Frisur, die ein paar Jahre wegzaubert, wäre auch kein Fehler. Und etwas rossig womöglich die Zähne, aber es kann nicht jede schöne Zähne haben. Aber ja, in Summe schon schön. Bis auf die Nase, bis auf den Hals und die etwas gelblichen Zähne. Aber da hat er nicht so genau hingesehen, der Frauenarzt, da hat er sich nur grob interessiert. Denn wenn unten rum alles stimmte, war das die halbe Miete. (Scheidenfetischist!)

Manche ließen sich ja die Scheide operieren, weil sie eine große Unzufriedenheit mit ihr überkommen hat. Intimkorrektur heißt das und kostet um die tausend Euro. Für bloß zwei Paar Schamlippen auch kein Zuckerschlecken. Ästhetische Überlegungen überwiegen dabei den funktionalen ganz deutlich. Ausgeschlabberte Geburtslippen, die können schon mal aus quasi psycho-gesundheitlichen Gründen generalüberholt werden, wenn’s den Sex behindert, weil Sex ist oberste Priorität … im Normalfall, befand sie, aber Schamlippen vom OP-Tisch nur für's Gucken, für's (Herum-)Zeigen? Das war zuviel der Beeinflussung, befand sie. Laut Frauenarzt hatte sie das ja aber sowieso nicht nötig, ihre Scheide war so schön wie die von Türkinnen und in der Türkei wurden ja (brav) die schönsten Scheiden spazieren getragen, glatt wie eine Mädchenscheide, kein einziges Haar, das ein (gewisses) Alter verrät, so oder so ähnlich ihr Frauenarzt.

Vielleicht konnte sie ja bald mit einem Pilz rechnen. Im Rhein soll was unterwegs sein, war in der Zeitung gestanden. Also war der Rhein heute dem städtischen Schwimmbad eindeutig vorzuziehen. Schwimmbecken waren als Brutstätten der Intim- oder Fußpilze ja durchaus geeignet, um sich was ins Haus zu holen. Da wurde Wasser mit Wasser vermehrt, sozusagen. Wobei ja gerade das viele Wasser alle reizte, Wasser abzuschlagen. Es sagen nur alle, es reize die anderen. Sie riss ein Kalenderblatt ab. Es war der Vierzehnte. Morgen müsste sie ihre Regel bekommen. Sie rollte das Klopapier ab, riss vier, riss fünf Blatt von der Rolle und putzte sich. Dazu hob sie ihren rechten Schenkel von der Klobrille. Es machte ein Geräusch, als zöge sie eine Folie ab.