Nadine Kegele

 

Sechs und zwanzig mehr oder minder relative Theorien eigentümlichen menschlichen Verhaltens oder Billige Relativitätstheorien

 


1.
Verhältnismäßig unheimlich ist, wenn

der verschämte Adolf aus Metnitz im Metnitztal zu Beginn nicht weiß, was man in so einer Pizzeria Ristorante Roma kulinarisch korrekt zu bestellen hat, nur um sich in Folge auch noch vor die strapaziöse Frage gestellt zu sehen, wo denn eigentlich mit schneiden beginnen an so einer grenzenlos rundumrundeten Pizza.

2.
Verhältnismäßig heimlich ist, wenn

die neugierige Berta aus Metnitz im Metnitztal am Nebentisch sitzt, hinter vorgehaltener Hand in der ihr eigenen Nase bohrt, überraschend sich ein Popel lockert, frech abhüpft von der manikürten Fingerkuppe und mit einem gut gemeinten doch ausbauwürdigen Köpfler seitlich hinein- und untertaucht in die saftigwarme Fleischlasagne.

3.
Verhältnismäßig undurchdacht ist, wenn

die vielbeschäftigte Cilli aus Kirchschlag in der Buckligen Welt sich bei Nacht und Nebel ihren lodengrünen Mantel überwirft und den Hut mit Gamsbart dazu, flinkgewieselt die Straße überquert zur faulen dicken Nachbarin, um Zucker zu borgen für ihren Sonntagsstriezl und nach erledigter Übergabe -- denn der Tod ist groß -- mit einem Lastkraftwagen übertrieben knapp auf Tuchfühlung geht und naturgemäß den Kürzeren zieht.

4.
Verhältnismäßig durchdacht ist, wenn

der gewissenhafte Domenicus aus Kirchschlag in der Buckligen Welt sich trotz Aufpreis einen flammendroten, nicht mausgrauen Privatpersonenkraftwagen leistet, weil er weiß -- denn Werbung wirkt -- rot immer lichtfahrer sichtbarer, doch das hat ihm bei der Cilli auch nichts geholfen, denn die hat er flachgelegt während der Arbeitszeit mit seinem so gar nicht rotrotierenden Firmenlastkraftwagen.

5.
Verhältnismäßig sprachuntalentiert ist, wenn

die begeisterungsfähige Edda aus Zell im Zillertal annimmt, Kurtisanen seien ein Stamm, vielleicht Völkerwanderung, wie es auch die Hunnen seien. Genauer nimmt sie an, Kurtisanen und Tartaren seien Stämme, vielleicht Völkerwanderung, wie es auch die Hunnen seien. Dann erinnert sie sich an das schöne Wort "eintrudeln" und weiß, denn das hat sie einmal so gehört, dass eintrudeln nur die Gäste. Weil, man stelle sich vor, die Hunnen würden nicht einfallen in ein Land, sondern eintrudeln, die im Land rechtmäßig Ansässigen würden ja nur den Kopf schütteln und einander zuraunen: "Schaut's her, da trudeln sie wieder ein, die Hunnen." Und da ist sie begeistert die begeisterungsfähige Edda, und lacht hell auf wie ein Glöckchen, sodass man meinen könnt Vogelstimmchen.


6.
Verhältnismäßig sprachtalentiert ist, wenn

der chaotische Felix Elmar aus Zell im Zillertal ein F wie Fischfutter zu V wie Vögelchen macht und V wie Vögelchen zu F wie Fischfutter und dabei das W wie Winterreifen ganz frech links liegen lässt und überhaupt mit Missgunst und Verachtung straft. Weil er ist der Meinung, das sollte vereinheitlicht werden, das soll sein V wie Fiolett statt Wiolett und V wie Fiktor, nicht Wiktor, auch V wie Nofember statt Nowember. Denn die Sprache, so Felix Elmar, beherberge unnötige Stolpersteine, sie gehöre frisiert, aufgemöbelt, repariert und reversiert. Und dafür wolle er eintreten, denn so sei das mit der Sprache, mit einer lebenden, die würd sich ab und an eben selbst überholen.

7.
Verhältnismäßig verschwenderisch ist, wenn

die talentierte Gabi aus St. Corona am Wechsel genötigt ist, mit ihren grazilen Zauberfingern die Haarspraydauerwellen einer Stammkundschaft zu frisieren, die seinerzeit noch in Kurrent zu korrespondieren und mit dem Waschbrett zu Waschen gelernt hatte, die noch saubere politische Führerfiguren besaß, heute aber nur noch ewigheuchlerische Amnesie und -- ja womöglich durchaus zur späten Strafe -- graurosagefärbten Lockenflaum.

8.
Verhältnismäßig sparsam ist, wenn

der arme Heinrich aus St. Corona am Wechsel sich sein Haupthaar draufgängerisch selber zurechtstutzt, weil die Pension die macht ihm zu schaffen und der Geldbeutel der klingelt schon lang nicht mehr, und recht ist es ihm eh nicht, vor allem des bösen Blicks von der Frisurengabi wegen, doch was will man denn machen, was soll man denn tun? -- Das Geld liegt ja nicht auf der Straße und sehen tät er's sowieso nicht auf so kurze Distanz mit seinem Weitblick.

9.
Verhältnismäßig berechnend ist, wenn

der hinterlistige Ingo aus Wien Brigittenau jede Menge Verrenkungen vollführt und über der Lifttür weihnachtsdekorative Mistelzweige drapiert, denn gibt ihm dieser Brauch, so denkt er sich gefinkelt aus, das unumstößliche Recht, jede Menge Nachbarinnenküsschen einfordern zu dürfen. Weil wenn man ihn fragt, ist er gern mal der Ansicht, dass man Bräuche hat zu pflegen, und skandiert dann gespielt schockiert: "Echter Baum, kein Plastik!" Und: "Der Cocacolamann heißt zwar Claus, ist aber eigentlich der Nikolaus!"

10.
Verhältnismäßig unberechenbar ist, wenn

die blauäugige Jolanta aus Wien Brigittenau vor dem Lift den Ingo trifft, diesen Schürzenjäger aus dem dritten Stock, der ihr nach einem Wink auf den Mistelzweig zwei gespannt gespitzte Lippen entgegen schiebt und gehen will auf's Ganze hier mit ihr. Doch Jolanta muss man mit Misteln nicht kommen, weil sie weiß: Misteln nisten auf fremden Bäumen, sprich: Parasit. Und deshalb lässt sie den Ingo lustig links liegen jetzt und nimmt statt Lift lieber Treppe und hetzt, weil Parasiten haben ihr gar nichts zu sagen und da muss ihr niemand kommen mit Rechte einklagen.

11.
Verhältnismäßig locker ist, wenn

der renitente Körnli Konstantin aus Hittisau im Bregenzerwald auf Sitten nichts gibt und ihm Konventionen keinen Pfifferling wert sind, er also in den Tag lebt so ganz und gänzlich ohne Regeln und Gebote. Denn da hält es der Konstantin Körnli mit der Kaltschnäuzigkeit, weil da ist er Kaltschnäuzler genug, als dass er sich von Kirche und Kirchenbrüdern sein Tun und Handeln vorschreiben ließe. Weil der Sonntag, das ist sein Tag und nicht der des Herrn, und da schläft er hinein bis in den Mittag, ohne was zu geben auf morgendliche Kirchenstund' und mahnendes Glockengeläut. Denn heilig sein, das kann er auch zuhaus', und mit der Religion hält er's gar nicht, nämlich aus.

12.
Verhältnismäßig unlocker ist, wenn

die wachsame Luggauer Lore aus Hittisau im Bregenzerwald ganz Großstadt ihre Nachbarn mit dem Feldstecher im Visier hat und eines jeden Gewohn- und Gepflogenheit im Schlaf rezitieren könnt'. Denn da spielt die Luggauerin Privatpolizei sprich Sittenwächter und dividiert ihre Umgebung auseinander auf Gedeih und Verderb. Zu spät in der Nacht heim gekommen macht einen Eintrag im Spionierjournal. Zu spät in der Früh aufgestanden: Eintrag im Spionierjournal. Und sonntags trägt sie diese Vergehensliste ins Gotteshaus, um zu bitten für all die Sünder und für Besserung. Da verschreibt der Gottesdiener zwölf Vater unser ihr, weil dreizehn Nachbarn minus eins, denn für den Körnli Konstantin für den hat er keins. Denn der hat verschluckt des Teufels Sekret, das weiß der Herr Pfarrer, das ist so sicher wie's Amen im Gebet.

13.
Verhältnismäßig militant ist, wenn

der dürre Manfred aus Stammersdorf bei Wien in der Stadthalle beim so genannten Wrestling sich holt ein Bier, bezahlt und wendet, um zurück zu schlagen sich zu seinem Platz, und auf dem Weg, weil die Halle ist voll gedrängt, das Bier verliert an eines dicken Mannes Holzhackerhemd. Als dieser schaut hinunter auf das Malheur und dann sieht den dürren Manfred, diesen Provokateur, da wird er rot vor Zorn, die Wut steigt auf und muss folglich dann auch aus ihm raus.

14.
Verhältnismäßig pazifistisch ist, wenn

die sonst harmlose Nicoletta aus Stammersdorf bei Wien hinter dem Zapfhahn beim halbjährlichen Wrestling sich wundert über die männlichen Rituale hier und ausschenkt Bier um Bier, plötzlich aber einen Zwischenfall registriert, wo ein dünner Mann gegen einen dicken verliert, und die Nicoletta denkt bei sich: "Dünn zu sein ist eine Sache, unter dem Gewicht eines Hutes zusammenzubrechen eine andere." Da erkennt sie sogleich der Stärke Ungleichgewicht, marschiert los und zu auf diesen halbstarken Holzhackerwicht, schüttet ihm ein Bier über Kopf und Hemd und setzt 'ne Ohrfeige drauf, dass dem die Wange brennt.

[15/O bis 16/P in Arbeit]

17.
Verhältnismäßig korrekt ist, wenn

der scharfsinnige Roland aus Wolfsgraben im Wienerwald seine Dienste für Kost und Logis anbietet anstatt für Kost und Loschie, seine Haare aber - weil da ist er Schenie genug, sprich genug schenial - mit Haargel beglättet und beglänzt und das Schel Schel sein lässt und also links liegen. Weil fragt jemand nach dem Rechten ihn argumentiert er gerne mal, dass bereits die Großmutter es mit sprachlicher Treffsicherheit nicht hatte so recht. Denn gab diese zwar Interviews, nannte sie aber Interwiefs, und richtete offizielle Ansprachen sowohl an Damen und Herren als auch Ladies und Gentlémen. Und wer wird denn da kleinlich sein, fragt der Roland aus dem Wienerwald, die Großmutter war's doch auch ganz zufrieden damit und die Guten, die hören sich's ohnehin zurecht!

18.
Verhältnismäßig inkorrekt ist, wenn

die redselige Susanne aus Wolfsgraben im Wienerwald in gesellschaftliche Small Talks gern den einen mehr oder weniger bekannten Namen einstreut, denn gestaltet ein solches Vorgehen Kompensationen impertinenter. Ihr umfangreiches Sprachvokabular umfasst Leopold von Sado-Maso, der Elenden Viktor Hugo und des Fremden Albert Kamus ebenso wie Thiodor Fontein und Wolter Benschamin. Und kann sie nicht punkten mit großen Persönlichkeiten lenkt sie das Gespräch gerne auch in andere Richtungen und spricht alsdann ernst pathetisch von alten und schwachen Veterinären. Weil wenn sich die Susi mit etwas so richtig gut auskennt, dann ja wohl mit Kriegsverletzungen.

[19/T bis 26/Z in Arbeit]