Nadine Kegele

 

Alles, was glänzt

 

Typisch! Echt typisch! Mit dem Rasierer in der Hand zum Duschgel hinunter gegriffen und entzwei, die Brustwarze, in der Mitte durch. Wäre ihre Brustwarze nicht so ein Riesenknopf, wäre nichts passiert, gar nichts, dann wäre der Stummel noch ganz, aber so.
Mit der blutenden Brustwarze im gepanzerten BH rannte sie die Fußgängerzone rauf, noch nicht sicher, ob sie links am Nepomukbrunnen vorbei zu ihrem Praktischen sollte oder doch rechts durch das Magdalenentor zum Gynäkologen. Ihr war heiß, sie schwitzte und hatte vergessen, Deo aufzulegen. Der Tag fing gut an. Und wenn ihr der Arzt nicht zu verstehen geben würde, dass alles wieder gut werden wird, sondern, sie mochte gar nicht daran denken, konnte aber auch nicht anders, zur Nadel greift und näht, würde er auch nicht besser werden, weil dass alles nur besser werden könne, das stimmte nur bedingt. Sie hätte aufstehen sollen, als der Wecker zum ersten Mal geklingelt hatte, wusste sie jetzt, und nicht erst beim dritten Schlummer. Sie würde den Handywecker austauschen gegen einen richtigen, so einen metallenen, mit Hütchen, Henkel und Bimmel, dachte sie, sobald sie nach Hause kam, und sah ihr T-Shirt sich verfärben. Dass sie das weiße angezogen hatte, war dem Beginn des Tages nur entsprechend.

Ja, Notfall, und ja, Patientin sei sie auch, beschwörte sie der Arzthelferin in der mit Kunstlicht perfekt ausgeleuchteten Ordination und hob ihre Brust auf die Theke direkt neben die Azalee, die, rosa, sich mit ihrem Blut schlug. Jetzt war das T-Shirt, das, nicht mehr ganz sauber, noch im Bad herumgelegen war, doch die richtige Wahl gewesen, denn es machte Eindruck und die Augen der gelangweilten Frau ganz groß und die kleine, schmale Person mit schriller Stimme ganz aktiv. Sofort, nach der eher langwierigen Einleitung, wurde nach dem Herrn Doktor geläutet, sie hätte geschworen, mit etwas schrillerer Stimme nun, und vielleicht würde die Frau die Nippelgeschichte später ihrem Liebhaber erzählen, mit dem sie sich einmal die Woche im Stundenhotel traf, der daraufhin ihre Nippel küssen würde, romantisch irgendwie, aber auch unoriginell. Vielleicht hatte sie aber auch gar keinen Liebhaber, sondern war verheiratet, glücklich, und brauchte keinen Sex von außerhalb.
Der Doktor saß hinter seiner gepolsterten Tür in seinem gepolsterten Sessel, nämlich als wäre sie nicht verletzt, nur hysterisch, und als würde er über dieser Frauenkrankheit stehen, so als Mann. Sie trat ein mit ihrem Busen wie eine Mohnblume und versuchte, nicht gleich mit der Hysterie ins Haus zu fallen, um ihm nicht zu geben, was er wollte. Doch als er auf die Höhe ihrer Brüste starrte und der Fleck doch ziemlich groß war, erschrak auch er, sein gutbürgerliches Ärztelächeln wich einer schnellen Fratze. Er hatte sich aber sofort wieder im Griff und mit der Fratze war sie sich sogleich nicht mehr ganz so sicher, aber sein Lächeln war nicht mehr das alte, erhaben sichere, stattdessen winkte er sie mit einem Ausdruck, nicht des Entsetzens, aber doch der erschrockenen Überraschtheit zur mit Riesenküchentüchern überzogenen Liege heran, auf die sie sich setzte und ohne Aufforderung das T-Shirt hochzog und sich den BH runter riss, woraufhin all die gefärbten Taschentücher durchs Zimmer flirrten wie fliegende Zecken. Die Warze blutete noch immer, und sie glaubte, nun zu wissen, wie sich Frauen fühlten, deren Brüste so bis an den Rand voll waren, dass sie bei jeder Bewegung Milch verloren.
Ihr Brustkorb fühlte sich an wie einseitig gelähmt, mit Herzschuss auf der nicht gelähmten Seite. Das Jod war schlimm, aber wohl nicht so schlimm, wie eine Nadel gewesen wäre, daher konnte sie also froh sein und sie lächelte die Arzthelferin an, tapfer, sie hoffte, dass es auch so angekommen war, und nicht verzweifelt, wie sie sich auch fühlte. Vielleicht war ihre Ehe aber wirklich nicht glücklich, Liebhaber hatte sie dennoch keinen, stattdessen masturbierte sie täglich, vielleicht sogar mehrmals, was die Trennung in die Länge zog. Masturbation sollte eigentlich nicht vom falschen Partner abhängig gemacht werden, dachte sie und zog die schwere Flügeltür hinter sich zu. Der Wind, der durch die offene Fensterfront hinter der Arzthelferin blies, gab ihr und der Tür einen Ruck, als könnte er sie gar nicht schnell genug rauskriegen. Es war ihr recht, sie hatte es auch eilig.

Sie bestellte einen Milchkaffee, weil das schöner klang, doch das verstand niemand, und auf den Milchkaffee zu bestehen, dazu fehlte ihr die Geduld heute, also bestellte sie Caffe Latte und kam der Verkäuferin mit dem Malerhut in mini auf dem Kopf, der wie eine Kippa mit Haarklammern befestigt war, entgegen. Eine Kippa war hier nicht so passend, denn die trugen ja die Männer, die Frauen nicht, dachte sie und schob die Münzen über den Münzteller.
In ihrer Tasche hatte sie einen Löffel für, den Milchschaum, den hatte sie immer dabei, doch auch nur, weil sie ihn nicht regelmäßig wusch, sonst hätte sie ihn wohl immer zu Hause, nämlich zwischen ihrem Berg von Geschirr, das auf seinen neuen Glanz wartete, aber mit dem Glanz hatte sie es nie so eilig wie die Nachbarin in der Werbung, also hatte sie ihren Schaumlöffel hier, wo sie ihn jetzt brauchte, denn bis sie mit dem dazugehörigen Holzstäbchen ihren Schaum ausgelöffelt haben würde, wäre es schon wieder an der Zeit, schlafen zu gehen. Mit ihrem warmen bedruckten Pappbecher setzte sie sich an den Rand des Brunnens und kam zu sich. Ihr T-Shirt war nicht weniger rot als zuvor und das würde wohl so bleiben, bis sie es wegschmeißen würde, denn Blut war nicht rauszukriegen, das wusste sie von ihrer Großmutter, die sich damit auskennen musste, denn ihr Großvater war Fleischer und Blut seine Farbe. Das Wasser im Brunnen plätscherte, das war das richtige Wort dafür, die Sonne wärmte ihre Verletzung und sie gleich mit, das Jod ließ ihre Brust pulsieren, aber merklich weniger als zuvor. Wieder zusammenwachsen würde die Warze im besten Fall, hatte er gemeint, im schlimmsten Fall würde ein Spalt bleiben, wie die Zunge einer Schlange, dachte sie, gespalten, und irgendwie falsch. Sie würde die Geschichte ihrem nächsten Liebhaber erzählen, der wohl ihre Brustwarze zwischen die Finger nehmen wollen wird, leicht, und sie küssen, und das wäre auch bloß originell, weil ihre eine Warze so ganz anders war als die andere, wie die Augen von David Bowie, dachte sie.

Ein T-Shirt kaufen, jetzt ein schwarzes. Mit dem leeren Becher Milchkaffee in der Hand erhob sie sich vom Rand des Brunnens, um sich neu einzukleiden für den Tag. Bereits trittfester als zuvor ging sie die Fußgängerzone zurück. Sie wurde angeblickt, die Leute starrten ihr auf die Brüste, nicht nur Männer. Doch es waren die Männer, die zu ihr sprachen, wenn sie sie ansahen, als hätten sie tatsächlich etwas zu sagen, und als hätte sie tatsächlich nichts viel Besseres zu tun, als ihnen dabei zuzuhören. So auch der Typ, der ihr soeben entgegenkam. Blickte sie an, als wäre sie zu kaufen, und als er an ihr vorbei ging, öffnete er den Mund und formte einen Kuss wie in einem Stummfilm, gemächlich und übertrieben. Sie musste reagieren. Sie blickte weg, ohne es gesehen zu haben. Nach dem morgendlichen Massaker, war sie noch nicht stimmfest genug, um ihm über den Mund zu fahren. Sie musste auf ihn reagieren, wie sie auf alle reagieren musste, auf den ihr fremden Mann, von ihm ihr ein guter Appetit gewünscht wurde, wenn sie unterwegs Pizza aß, wie sie darauf reagieren musste, auf den ihr fremden Mann in der überfüllten Straßenbahn, von dem sie ausgegriffen wurde, auf den Spanner am Badesee, der sich an seinem Geschlechtsteil zu schaffen machte, während er sie beobachtete.
Sie warf den Becher in den nächsten Müllkorb, der Becher fiel unten durch, der Boden war ausgeklinkt, sie ließ ihn liegen, obwohl ihr unwohl war dabei, es war dasselbe Gefühl wie jenes, wenn sie an einem oder einer Obdachlosen vorbei ging, ohne ihm und ihr etwas in den Hut zu werfen und wenn sie keinen Hut hatten, in die Handfläche zu legen und leise ein Bitte zu flüstern, etwas wie eine Schuld. Das T-Shirt probierte sie sogleich zwischen den Kleiderständern, über ihrem blutigen T-Shirt, es war zu eng, sie streifte es vorsichtig zurück über den Kopf, indem sie ihre Arme anwinkelte, und suchte die nächste Größe. Die Schenkel seien zu dick, sagte eine Stimme neben ihr, und der Hals zu kurz, dafür seien ihre Brüste zu klein, nur Pfirsichgröße, das interessiere nun wirklich keinen, gab eine andere Stimme zur Antwort, ihre Oberarme seien zu schwammig und ihr herzförmiger Haaransatz käme mit Sicherheit ihr Leben lang nie in Mode. Mit der nächsten Größe reihte sie sich in die Schlange ein, die also so früh schon in Bekleidungsgeschäften anzutreffen war.

Ihre Brustwarze pochte und die Sonne ließ die Blätter des Kastanienbaums auf dem Platz vor dem Krankenhaus als Schatten auf dem Boden tanzen. Mit dem Lift ließ sie sich hinauf fahren, im zweiten Stock stieg ein Rettungsmann ein, der eine Frau war, die eine Alte schob. Sie alle verließen den Lift im vierten Stock und gingen in verschiedene Richtungen auseinander. Zu sagen hatten sie alle nichts gehabt, unter Unbekannten in der Liftkabine ist es immer unangenehm, manchmal nicht einmal unter Unbekannten. Sie war spät dran und er wartete bereits vor der Tür, was er zu vertuschen versuchte, indem er sich in eine Krankenakte vertiefte, doch womöglich vertiefte er sich auch wirklich. Sie folgte ihm ein paar Schritte weiter hinten und schlüpfte nach ihm in den dunklen Abstellraum. Durch den Lichthof waren die einzigen Sonnenstrahlen, die in den Raum drangen, bereits bis zum Waschbecken gewandert, bei dem er sich später seine Hände waschen würde, wenn sie fertig waren, und wenn sie fertig waren, würde die Sonne wohl bereits beim Rollwagen angelangt sein und die Dose mit dem Desinfektionsmittel aufleuchten lassen, als ginge es in diesem Moment tatsächlich nur um sie. Mit seiner noch kalten Hand fuhr er unter ihr schwarzes T-Shirt und von hinten in ihre Hose, sie öffnete vorne den Knopf. -- Er hatte sich die Hände gewaschen und sie nicht gefragt, wo sie eigentlich so lange geblieben war.

Wie immer lag ihr Kopf ein kleines bisschen seitlich. Ihr Mund stand offen und auf ihrer Stirn glänzten die Schweißperlen, ihr war heiß, selbst im Winter, als wäre sie in großer Aufregung. Sie nahm sie bei der Hand, sie reagierte nicht. Sie dachte daran, wie sie immer daran dachte, wenn sie sie ansah, dass sie es ihr sagen werde müssen, wenn sie aufwachen wird. Wenn sie aufwachen wird. Und ab heute würde sie an eine Schlange denken müssen, sobald sie einen Nassrasierer sah, so wie sie an Anna Karenina denken musste, wenn sie einen Zug in einen Bahnhof einfahren sah, so wie sie an einen Zug denken musste, wenn sie ihre Schwester sah. Und an ihre Kinder. Manchmal wünschte sie fast, sie würde nie mehr aufwachen.
Sie hatte einen Grabstein in Auftrag gegeben, endlich, ihr Mann hatte sie gedrängt. Sie hatte nicht gewollt, zuerst, dann würde es endgültig sein, nämlich in Stein gemeißelt, doch die Schriftspur wird nicht in Gold eingefärbt werden, hatte sie beschlossen, eine grobe Gravur, für immer.

Obwohl sie auf der Klobrille saß, pinkelte sie sich an, der Urin strahlte nicht senkte herab, sondern stieß unregelmäßig seitlich hervor. Sie rieb ihre Hände mit Klopapier trocken. Mit den Fingern ihrer rechten Hand fasste sie vorsichtig an ihre verletzte Brust, das Pochen war bereits weniger geworden und immerzu zarter, vielleicht wie das Herz einer Alten, die im Schlaf im Sterben liegt und am nächsten Morgen tot aufgefunden wird und nicht mehr aufwacht. Ihr Bauch war weich und rund im Sitzen, der Nabel verschwand unter einer Rolle. Ihre Schamhaare, kraus, stupsten. Ihre Scheide war jetzt feucht, doch auch wund. Sie massierte ihre Schamlippen, der Mittelfinger rutschte dazwischen. Der Ring an ihrem Finger war kalt. Sie weinte. Vor der Tür fragte jemand, ob sie helfen könne.