kultur – 16.06.2009 CHiLLi.cc
Einsichten in ein Turmzimmer

"Scardanelli" von Friederike Mayröcker


Nach "Und ich schüttelte einen Liebling", dem Erinnerungsbuch an ihren Gefährten Ernst Jandl, einer weiteren, sechsten Ausgabe ihrer "Magischen Blätter" und ihrem quasi-Briefroman "Paloma" ist sie wieder da, mit einem Gedichtband, der wie immer auf Regeln und Richtigkeit pfeift. Auf Friederike Mayröcker ist eben Verlass. Nun sind es zur Abwechslung wieder Gedichte, mit denen sie ihre literarische Verlässlichkeit unter Beweis stellt. Ein schmales rotes Bändchen aus der "Kleinen Reihe" von Suhrkamp Insel, schlicht, hübsch und kaum zu übersehen.

Dem Dichter im Turm
"Scardanelli", das ist jener Dichter Friedrich Hölderlin (1770-1843), der, entlassen aus der psychiatrischen Anstalt, seine zweite Lebenshälfte in einem Turmzimmer am Neckar verbrachte und seine Gedichte fortan mit Scardanelli und anderen Pseudonymen oder alter egos zeichnete. Für und über eben diesen Hölderlin sind die vierzig Gedichte geschrieben, die sich wie eine Fährtensuche lesen, eine Fährte zum zurückgezogenen Outlaw-Dichter als auch durch Mayröckers Leben. Denn wie so manches andere Buch davor kann und will auch dieses wieder authentisch bis autobiografisch gelesen werden. Hölderlin ist hier keine Masche oder Laune, sondern vielmehr alter Bekannter der Autorin und der LeserInnen. Und nicht der einzige: Auch Gertrude Stein, Petrarca, James Joyce oder Picasso, also jene Geister, die sie immer wieder ruft, sind Mayröcker nicht selten zündende Wortspende, so heißt für sie schreiben immer auch [i]"schreiben je nach Lektüre"[/i].

Auferstehung der Toten
"Scardanelli wird wiederauferweckt" heißt es in einem Gedicht, und so wie Hölderlin nach und nach belebter wirkt, wird das lyrische Ich immer mehr demontiert, denn dieses ist alt (nämlich fünf plus "80 liebliche Sommer"), "lebensunfähig" und nah dem Tod, was die Umwelt dem Ich nun vermehrt vorhält: "und zu den Alternden schon zählt man mich obwohl ich lieber mich gesellen möchte zu den jungen", und die Schreibende die LeserInnen nie vergessen macht: "ich spucke Blut keuche durch Amselgärten". Das Ich wähnt seit Jahren schon vor seiner Tür den Tod, der es niederdrückt, doch auch verzweifelt beweglich macht in seiner Verlässlichkeit: "mein Tod mein Tyrannchen meine Lebensglut ohne Ende".

Ein Looping in bewährter Form
"Scardanelli" sind Sehnsuchtsgedichte: "ich möchte leben Hand in Hand mit Scardanelli". Und es sind Gedichte, wieder einmal, in die Zitate und Anspielungen derart verwoben sind, dass eine korrekte Exegese wohl nur Eingeweihten möglich ist, für alle anderen ist es wohl "I Looping ohne der Worte sinn zu erkennen". Und dass Mayröcker langsam doch "die Sprache verloren : abhanden" kommt, wie das stellvertretende literarische Ich seit vielen Werken befürchtet, kann ich, wieder einmal, nicht bestätigen.

Link dazu ...
"Scardanelli" im Suhrkamp Verlag