an.schläge. Das feministische Magazin # Juli/August 2009
Sie ist wieder da. Und zwar mit einem Gedichtband, der sich wie altbekannt nicht um Regeln und Richtigkeit schert. Die ganz hauseigene Sprache bereitet nicht zuletzt aufgrund dieser literarischen Freiheit assoziative Kopfbilder, dass es nur so eine Freude ist. Mayröckers "Scardanelli" ist jener Dichter Hölderlin (1770-1843), der, entlassen aus der psychiatrischen Anstalt, seine zweite Lebenshälfte in einem Turmzimmer verbrachte und seine Gedichte fortan mit Scardanelli und anderen Pseudonymen oder alter egos zeichnete. Hölderlin ist keine Laune, sondern begleitete zuvor schon Mayröckers Literatur. Auch andere alte Bekannte von ihr, von mir, aus vorherigen Werken geistern herum, deren eigenes künstlerisches Schaffen immer auch zündende Wortspenden für die Autorin abwerfen: "schreiben je nach Lektüre". "Scardanelli wird wiederauferweckt" heißt es in einem Gedicht, und wie Hölderlin nach und nach belebter wirkt, wird das lyrische Ich immer mehr demontiert, denn dieses ist alt ("80 liebliche Sommer"), "lebensunfähig" und nah dem Tod, was die Schreibende die Leser_innen nie vergessen macht: "ich spucke Blut keuche durch Amselgärten". Das Ich, das auch authentisch gelesen werden kann und will, wähnt seit Jahren schon vor seiner Tür den Tod, der es niederdrückt, doch auch verzweifelt beweglich macht in seiner Verlässlichkeit: "mein Tod mein Tyrannchen meine Lebensglut ohne Ende". "Scardanelli" sind Sehnsuchtsgedichte: "ich möchte leben Hand in Hand mit Scardanelli". Und es sind Gedichte, wieder einmal, in denen Anspielungen so verwoben sind, dass eine Exegese wohl nur Eingeweihten möglich ist, für alle anderen ist es "I Looping ohne der Worte sinn zu erkennen" oder, ganz einfach, das Mayröckersche Panoptikum.