kultur – 05.08.2008 CHiLLi.cc
Der Anblick keiner Frühlingswiese

"Paloma" von Friederike Mayröcker


An Friederike Mayröcker denken kann heißen: Ich mag ihre Frisur. An Friederike Mayröcker denken kann heißen: Sie schaut irgendwie aus wie Iggy Pop. An Friederike Mayröcker denken kann auch heißen: Ein Schreiben wie ein Wolkenbruch, überraschend nämlich im belletristischen Alltagstrott, und zwar überraschend immer wieder. Denn während andere sich regelkonform an Punkt, Beistrich, Satz abarbeiten, tänzelt Mayröcker über diese abstrakten Grenzen hinweg und sprengt die Syntax, um die Sprache zu öffnen. Das ist erfrischend, und zwar erfrischend immer wieder. Doch aber von vorn.

Sie hat es schon wieder getan
Friederike Mayröcker hat ein Buch geschrieben, nämlich schon wieder eines, in dem sie "IHN" auferstehen lässt, "beim Erwachen war ER am Leben", "ER", den wir aus ihrem 2005 erschienen Roman "Und ich schüttelte einen Liebling" kennen als "EJ", er, dem das 2001, ein Jahr nach seinem Tod erschienene "Requiem für Ernst Jandl" gewidmet ist, der immer noch ihr Verbündeter ist, "wenn gleich ein abwesender Verbündeter kein wirklicher Verbündeter sein kann". Nun ist aber das neue Buch nicht Ernst Jandl gewidmet, mit dem sie eine fast fünfzigjährige Freund- und Liebschaft verband, sondern der Literaturkritikerin "Iris Radisch", was doch etwas ungewöhnlich anmuten würde, wäre da nicht sogleich die Erklärung parat: Radisch hatte Autoren und Autorinnen eingeladen, eine Postkarte zu verfassen. Im Falle Mayröckers wurden aus einer Postkarte ganze 99, datiert von 3.5.06 bis 5.4.07. Diese sind unter dem Titel "Paloma" zusammengefasst, was im Spanischen für die Taube steht, was an die romantisierte Nachrichtenübermittlung via Brieftaube erinnert, was an die Form des Romans als Briefbuch erinnern lässt, was vielleicht auch auf die Taube als zwischen Himmel und Erde vermittelnden "hl.Geist" verweisen soll, wer weiß.

Das Ich und das Du
Die 99 Briefe, die keinen hundertsten, abschließenden an sich reihen, beginnt das literarische Ich mit der persönlichen Anrede "lieber Freund". Aber selbst wenn sich hierfür eine Personalisierung mit dem verstorbenen Ernst Jandl als Quasi-Empfänger aufdrängt, muss sich diese als falsch erweisen, streut Mayröcker doch einige wenige Hinweise, die besagen, ihr "lieber Freund" wohne in Berlin und, wie es im letzten, 99. Brief heißt, vielleicht "hätte ich dich lieben können, wenn nicht ER immer noch in meinem Herzen". Die unmarkierte Empfängeridentität reiht sich jedoch in eine alte Tradition ein, auch in Vorgängerwerken richtete sich das Ich an eine Referenzstimme: Blum in "brütt oder die seufzenden Gärten", der Ohrenbeichtvater in "mein Herz mein Zimmer mein Name", der Vorsager in "Reise durch die Nacht" et cetera. Durch die - no na - fehlenden Antwortbriefe und die Fokussierung auf das eigene Ich in den Briefinhalten bekommt das Ganze eine Einseitigkeit, die mehr an Tagebucheinträge erinnert als an Konversation nach Briefstellern. Und doch würde sich Mayröcker gegen diese Kategorisierung wehren, antwortete sie doch einst auf die Frage, ob das Tagebuch als literarische Form für sie nicht eine große Möglichkeit darstelle mit: "Das wäre als wollte man beim Anblick einer Frühlingswiese zu grasen beginnen."

autos bios graphein
Und doch sind die Selbstauskünfte ein, vielleicht auch der Anhaltspunkt in Mayröckers Prosa, wird doch auf eine Geschichte im herkömmlichen Sinn verzichtet. Seit den 1970ern entwickelte die Autorin ein poetisches Verfahren, das die Literaturwissenschaft "summarische Autobiographie" nennt. "Keine Autobiographie, dennoch authentisch", heißt es in "Das Herzzerreißende der Dinge" und könnte auch dem neuen Roman unterstellt werden, in welchem es, ganz Beichte, heißt: "aber ich liebe es, alle meine Geheimnisse auszuposaunen, sie vor der Welt auszubreiten, zu offenbaren also schamlos". Das nach literaturwissenschaftlichen Kriterien ja immer künstlich zu wertende Ich ist bei Mayröcker mehr als bei anderen Alter Ego. Ihre Bücher sind Versuche, eigenes Leben zu schreiben, auch "Paloma" fällt da nicht aus der Reihe. Die Themenkreise, um die herum das Buch geschrieben ist, sind allesamt angesiedelt in der Autorinnenrealität, und diese kann an (für Mayröcker-LeserInnen) alten Bekannten überprüft werden, wenn zum Beispiel die Rede ist von - auch bisher vom literarischen Ich in Erinnerung oder (fiktivem) Gespräch am meisten frequentierten (Real-)Figuren wie - Gertrude Stein, Elisabeth von S., Mutter, Leo N., Samuel Beckett, Juan Gris, Jacques Derrida und so weiter. Das name-dropping verfehlt seine Wirkung nicht, macht mindestens Eindruck, und wenn Leser und Leserin noch ein gewisses Mehrwissen mitbringen, wird die Lektüre neben Sprachgenuss und Assoziationstraining auch zu einer hochwertigen LiteratInnenpostille.

Kanzlerträume
Im Zentrum von "Paloma" stehen subjektive Weltschau, Reflexion über Bildende Kunst, Musik, Lektüre und - im Vergleich zu Vorgängerwerken neu hinzugekommen - das Fernsehen. Das Ich gibt Auskunft über den eigenen Schreibprozess ("Das Verlangen danach, diesem oder jenem Menschen zu begegnen, ist zu unterdrücken, sage ich zu Edith S., zugunsten des Machens von Poesie") und träumt von einem Literaturprofessor Klaus K., von einer Schriftstellerin Barbara F., manchmal auch von einem (Alt-)Kanzler Wolfgang S. Friederike Mayröcker erzählt assoziativ, nicht linear, und sie erzählt sinnlich: "Als ich 'Blüthe' mit 'h' tippte, war es mir als duftete es aus dem Schrifttext heraus".

Empfindliche LeserInnen
Friederike Mayröcker schreibt nicht für Leute, die an der Hand genommen werden wollen, sie schreibt nicht für solche, die Beistrichsetzung zu lernen hätten, und für unverbesserliche Pragmatiker schreibt sie auch nicht. Die Lyrikerin Elfriede Gerstl bezeichnete Mayröckers Literatur einmal ganz plastisch als "etwas Textiles", als "feines Sprach-Gewebe", was die angewendete Collagiertechnik treffend beschreibt. Leser und Leserin stehen vor der Aufgabe zu erfassen, in ein assoziatives Verhältnis zu setzen und nicht bei der ersten kleinen Hürde nach Hermeneutikklarheit zu schreien, sondern Unklarheiten einfach auch mal nur auf der Zunge zergehen lassen. Dass die Lektüre an der einen oder anderen Stelle das Gefühl eines Déjà-vus vermittelt, muss nicht verwundern, ist doch die Wiederholung neben eigentümlicher Typographie, Zitations- und Montagetechnik ein Stilelement, mit dem Mayröcker ihre Texte produziert. Und Wiederholung ist, nach Gertrude Stein, ein Mittel zur Existenzschaffung. Womöglich ist dies der Grund, warum Mayröcker seit dem Tod des Lautpoeten Ernst Jandl immer wieder literarisch zu ihm zurückkehrt, alternative Trauerarbeit zum einen und existent machen im wiederholten Erinnern zum anderen.

Sterben ist eine Frage der Zeit
Friederike Mayröcker ist 83 Jahre alt. Schon seit einigen Jahren spricht sie in ihrer Literatur, nun auch in "Paloma", über die Nebenwirkungen des Alterns ("früher war ich überlebensgrosz jetzt mittel"), über körperliche Befindlichkeit ("hatte einst Adlerauge jetzt beinahe blind"), über Medikamentierung. Der Tod ist eine der Größen des Buchs, gefürchtet zwar, doch ständig auch besprochen: "dann reisz ich mir das Herz heraus und plötzlich bleibt die Platte stehen". "Paloma" sind 99 Briefe, sind 99 Zustandsberichte über das Körper-Ich, und "ich sage zu IHM, flüstere in SEIN Ohr, habe ein Buch über Körperbewusztsein geschrieben". Und ER hat irgendwann gesagt: "Wer hinkt, der geht." Mit 83 Jahren hinkt Friederike Mayröcker naturgemäß und stützt sich, weil sie sich mit einem Stock geniert, auf ihren "weiszen Schirm", aber gehen tut sie immer noch.

Links dazu ...
"Paloma" im Suhrkamp Verlag
Friederike Mayröcker im Porträt