Nadine Kegele · Rezension in

 

an.schläge. Das feministische Magazin # Dezember 2009/Jänner 2010

Herta Müller: Atemschaukel

"Alles, was ich tat, hatte Hunger"

 

94 : 12 ist das aktuelle Verhältnis, in welchem der Nobelpreis für Literatur seit 1909 an Schriftsteller und Schriftstellerinnen vergeben wurde, die "das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geschaffen" haben, wie es im Testament des Stifters Alfred Nobel heißt. Wobei die frappant niedrigere Zahl, wie könnte es anders sein, die bisherige Summe an Preisträgerinnen stellt. Der Literaturnobelpreis 2009 ging, eine schöne Nachricht, nach Elfriede Jelinek im Jahr 2004 und Doris Lessing 2007, wieder an eine Frau: Herta Müller, die 1953 geborene Rumäniendeutsche, deren Werke stets um die Zerstörung des Menschen in totalitären Staatsformen kreisen. Diesem ihrem Thema bleibt die vor 22 Jahren aus der Ceausescus-Diktatur nach Berlin geflohene Autorin auch in ihrem neuen Roman treu.

"Atemschaukel" ist die Ich-Erzählung des 17-jährigen Leopold Auberg, der aus Hermannstadt im Viehwaggon mit hunderten anderer deutscher Rumänen und Rumäninnen in ein russisches Arbeitslager deportiert wird, um dort am "Wiederaufbau", "Zwangsaufbau" der im Krieg von den Nazis zerstörten Sowjetunion die so bezeichnete deutsche Kollektivschuld abzuarbeiten. Müllers seit 12 Jahren erstem Roman ging eine lange und intime Recherche voraus: Der Sprachlosigkeit ihrer Mutter, der selbst fünf Jahre Arbeitslager auferzwungen wurden, konnte die Autorin mit Hilfe Oskar Pastiors begegnen, der ihr von 2001 bis 2006 von seinen Erlebnissen im Lager berichtet hatte. Müller notierte. So verwundert es nicht, dass die fiktive Figur des homosexuellen Leo biografisch teilangelehnt ist an den berühmten Lyriker, der auch die so verkitscht klingenden Wörter wie "Hungerengel" oder "Herzschaufel" prägte, die im Roman zunächst auf etwas anbiedernde Weise, dann jedoch immer verständlicher das Buch pflastern: "Alle Tage hat mir der Hungerengel das Hirn gefressen. Und eines Tages hat er mir die Hand gehoben. Und mit dieser Hand hätte ich den Karl Halmen fast erschlagen."

Müllers literarische Sprache ist eine sehr exakte, die auf Genauigkeit der Wahrheit wegen aus ist, wobei die Wahrheit eine ist, die auf der Weltwahrnehmung der Ich-Figur basiert, und deren Sicht auf die Mitinhaftierten, die in einem Personenkranz, der nicht weniger wichtig genommen wird als der Protagonist selbst, um ihn herum angeordnet sind: So Trudi Pelikan, die auf Grund ihrer während der Arbeit abgefrorenen Zehen nicht mehr zu tanzen vermag. Die Planton-Kati, welche mit ihrer Schwachsinnigkeit den herrschenden Regeln im Lager ihren Sinn nimmt. Oder der intellektuelle Paul Gast, der in der im Lager angewandten Hungerfolter selbst die Brotrationen seiner Ehefrau stiehlt, um seinen "wilden Hunger" zu besänftigen.

Pietät und gängige Moral, so erkennt Leo bald, ist was für ein hunger- und kältefreies Leben vor den Türen des Lagers. Dahinter werden die bald Toten begeiert: "Wir haben im Lager gelernt, die Toten abzuräumen, ohne uns zu gruseln. Wir ziehen sie aus, bevor die Starre kommt, wir brauchen ihre Kleider, um nicht zu erfrieren. Und wir essen ihr gespartes Brot." Das Lagerleben ist ein praktisches. Dazu gehört auch, dass die eigene Homosexualität im Dunkeln bleibt, um nicht erschlagen zu werden als Strafe für die falsche sexuelle Anziehung. Leos einstige Erleichterung bei seiner bevorstehende Deportation, den "Fingerhut der kleinen Stadt" verlassen zu können, in der er sich ausschließlich im Park, im Bad und im Geheimen mit DER SCHWALBE oder DER PERLE zu treffen vermochte, wird schnell relativiert, das Schweigen darüber bleibt ihm im Nacken sitzen.

Wie Herta Müllers Mutter und Oskar Pastior kehrt auch der Romanheld nach Jahren nach Hause zurück. Das Heimweh, das im Lager nicht zu gebrauchen war, wird auch nach der Rückkehr nicht gestillt, die Eingliederung des mittlerweile 22-Jährigen ohne Berufsausbildung, der immer noch unter der Knechtschaft der Schaufel des Arbeitslagers steht, scheitert. Masochistische Verbundenheit zur Lagervergangenheit und chronischer Hunger machen Leo rastlos: "Wenn ich mit anderen Personen esse, werde ich unangenehm. Ich esse rechthaberisch." Leopold Auberg bleibt einzig das Schweigen im Nacken und jenes im Mund. Herta Müller hat dieses Schweigen versprachlicht. Das ist gut und notwendig gewesen.