Es müsste endlich ein eigenes Genre aus der Taufe gehoben werden: Bücher von Leuten, die man aus dem Fernsehen kennt. Nun hat auch Sarah Kuttner einen Roman geschrieben und ein Hörbuch - wovon andere SchriftstellerInnen nur träumen können - gleich mit drauf gepackt. So ist das mit der Fernsehberühmtheit: Öffnet Tür und Tor. Aber von mir aus: Sarah Kuttner sei's vergönnt, denn sie gehört zu den Guten. Die 1979 geborene Berlinerin arbeitet als Moderatorin ("Sarah Kuttner - Die Show"/VIVA, "Kuttner"/MTV und "Kuttners Kleinanzeigen"/ARD) und Kolumnenschreiberin (Süddeutsche Zeitung, Musikexpress). Dass Kuttner ihre Zeitungskolumnen gleich an den Verlag gebracht hat ("Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens" 2006 und "Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart" 2007) hat ja auch mehr mit dem symbolischen Kapital zu tun, das sie aus ihrer Fernsehpräsenz bezieht, als mit den Texten selbst. Denn diese sind zwar manchmal echt lustig, da gibt's nichts, dann aber leider auch wieder nur halblustig bis gar nicht, was ja okay wäre, wenn es nicht um den Witz ginge - tut es aber.
Kuttners Heldin Karo
Aber genug herumgehackt auf Kuttners Startvorteil, jetzt ist sie da mit ihrem ersten Roman, der - wie ihre Kolumnen - bei Fischer erschienen ist und in keinem Buchladen, der was auf hohe Verkaufszahlen gibt, fehlen darf. "Mängelexemplar" ist ein hübsch schlichtes Buch, dessen Cover einzig durch eine pubertäre Sicherheitsnadel verunstaltet wird, aber vielleicht bin ich nur zu streng und ist die Nadel mir zu Punk. Im Übrigen stellt die Sicherheitsnadel ja auch eine bildliche Assoziation her, deren Berechtigung nicht abzustreiten ist, nämlich retten, was zu retten ist, und um circa das dreht sich Kuttners Roman: Karo Hermann, eine 26-jährige Event-Managerin mit einer Tätowierung, die aussieht wie Mecklenburg-Vorpommern, verliert ihren Job, ihre Beziehung, ihre innere Sicherheit. Wenn auch mit dem Ex so gut löffeln war, als wären ihre "Körper wie für die Löffelstellung getischlert", so war er doch ein Egomane, der auf nichts mehr stand als auf Anerkennung und Respekt. Er war einer, der sich selber gerne reden hörte und ist so gesehen verzichtbar, eigentlich.
"Ich bin ein bisschen kaputtgegangen"
Nachdem die junge, schlaue, lustige Karo sich endlich eingestanden hat, dass auch die junge, schlaue, lustige Karo eine Depression kriegen kann, geht's los. Denn der erste Schritt, um eine Depression zu bekämpfen, ist, sie anzunehmen, zu erkennen, "dass der Körper einem gegen das Schienbein tritt, um klarzustellen, dass jetzt mal gut ist". Und da Karo keine Schere mehr anschauen kann, ohne dabei Angst zu haben vor sich selbst, sucht sie eine Psychiaterin auf, die sie "wieder ganz machen" soll, und zwar schnellstmöglich, denn Geduld ist Karos Sache nicht. In Tagen, in denen "nach dem Weinen [...] vor dem Weinen" ist, ist jede Unterstützung willkommen. "Wir brauchen Hilfe mit mir." Sei das der gute Freund Nelson, dar Karo beim Nervenzusammenbruch in die Notaufnahme begleitet, die gute Freundin Annette, mit der sie ihre Depression in langen Abhandlungen über die menschliche Psyche regelmäßig wieder hochschaukelt, die vom Leben gebeutelte Mutter, die sich zum ersten Mal so richtig um ihr "Mackenkind" kümmert, oder Antidepressiva, die die chemischen Vorgänge im Körper korrigieren. Es sind kleine Schritte, die Karo in ihrer großen Depression geht, denn nach dem Erkennen und Annehmen der Krankheit steht nicht direkt und ohne Umwege die Erlösung: "Ich kenne Frankenstein inzwischen ganz gut, aber ich bin immer noch sein Monster."
Wenn die Omi es bei jungen Männern versucht
Kuttner hat es mit ihrer Heldin Karo sehr gut gemeint. Es ist schön, ein weiteres Buch zu kennen, in welchem auf den Prototyp des Romanhelden verzichtet wird, um mal die Heldin ran zu lassen. Doch ist die Neo-Autorin nicht sehr konsequent in der Frauenfigur, die sie erfindet. Rechnet die Leserin Karo auf der einen Seite mit dem einlullenden "Freche Mädchen-Schund" ab, serviert die Aushilfskellnerin Karo auf der anderen Seite zum Bier ihren Hintern dazu, "damit sie draufklapsen können". Masturbiert Karo auf der einen Seite wie es sexuell potente Frauen halt tun, tappt sie auf der nächsten Seite in die "Mario-Barth-Falle" und spielt stereotype Mann-Frau-Spielchen nach. Dass Karo inmitten ihrer Depression nicht nur auf sich fixiert ist, sondern auch auf Männer, gehört zu dieser Aufzählung dazu. Andererseits: "Ich sehe aus wie eine kleine Omi. Gebückt, verlebt, tapfer." Und wenn eine 26-jährige Frau, die auf ausdauernden Sex mit Männern steht, wie eine Omi rüberkommt, ist womöglich die Motivation, einen Mann zu erobern, der noch kein Opi ist, doppelt gefragt. So landet Karo in einer Affäre mit dem ebenso depribegabten David, der über seine Ex-Freundinnen als "Mädchen" spricht und sich nicht in Karo verlieben will. Deshalb macht sie Schluss, nicht, ohne ihm noch ein bisschen hinterherzulaufen, weil die Liebe ihn ja doch noch ereilen könnte. Tut sie aber nicht. Und ein Mann, der eine Frau als "Mädchen" bezeichnet, ist sowieso verzichtbar, sage ich, weil Karo es nicht besser weiß.
"Karo funktioniert nicht alleine"
Nach einem Jahr mit "Eierschalen-Rückgrat" scheint das Werk wieder zu laufen. Doch Karo argwöhnt, "die Angst könnte, so überraschend wie sie gestern kam, jederzeit wieder das Lasso auswerfen und mich dummes Kalb einfangen". Aus dem ersten Kapitel, das die depressive Heldin ein Jahr später bei ihrem neuen Psychiater beschreibt, und zu dem nach einem Ausflug ins vorige Jahr wieder zurückgekehrt wird, wissen die LeserInnen: So ist es denn auch, "das Kind ist mal wieder in den Brunnen gefallen". Warum das Ganze, das wird nicht so recht aufgelöst, oder ich habe es überlesen, aber das folgende Ende, mit dem Kuttner irgendwie antiklimaktisch daher kommt, ist kein wirklicher Höhepunkt, sondern nur ein enttäuschender Eso-Hippie-Schluss. Denn die Methode, die der neue Psychiater Karo rät, um ihre Depression abzuschütteln, mag zwar irgendwie stimmen, ist aber eben doch nur eine Wahrheit und nicht die Wahrheit, liest sich jedoch so, als wäre es der Weisheit letzter Schluss. Egal.
Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht
"Mängelexemplar" ist ein okayes Buch. Es taugt, um anmaßenden Männern, die denken, jeder Witz trage einen Bart, gestreng eins auf die Nuss zu geben. Denn witzig sein ist - entgegen dieser schon Jahrhunderte lang tradierten Impertinenz - keine reine Männersache. Sarah Kuttner ist definitiv witzig. Ihr Roman ist witzig und Depri-Karo ist witzig. Aber in die Diskussion, ob Frauen Humor haben oder nicht, brauche ich hier nicht einzusteigen, wer dafür Beweise will, dem muss mehr zurechtgerückt werden als nur diese eine Meinung. Doch Kuttner ist nicht nur witzig, sie ist auch einfallsreich. Alte fade Metaphern peppt sie dermaßen auf, dass immer wieder Frau Überraschung an die Tür klopft. Und: Kuttner ist eine junge, schlaue, lustige Aufklärerin. Denn das Thema Depression schlummert ja so ein bisschen peinlich vor sich hin. Weil verrückt sein will niemand freiwillig. Dabei kann das Leben einem und einer manchmal ganz schön ins Gesicht spucken. "Allein mir fallen mindestens fünf Freunde oder Bekannte ein, die unter Angststörungen oder depressiven Schüben leiden und nichts dagegen unternehmen. Sie ertragen alles demütig. Keiner geht zur Therapie oder lässt sich Medikamente verschreiben. Alle glauben, dass man einfach hindurch muss. Stimmt aber nicht", verkündet Karo. Und weil das alles vergessenmachende Blitzdingsen nur im Film funktioniert, muss man durch eine Depression anders durch als mit Vergessenmachen. PsychiaterIn, Psychopharmaka und richtig ausgiebige Psychohygiene zum Beispiel. Weil es nämlich keine Schande ist, ver_rückt zu sein. "Das Monster in mir hat sich heimlich angeschlichen und mich im Schlaf übermannt. Das ist aber nicht die feine englische Art, denke ich entrüstet, aber dann muss ich mich um mein Überleben kümmern."
Links dazu ...
"Mängelexemplar" im S. Fischer-Verlag
Sarah Kuttner
Das Blitzdings: Der Neuralyzer