kultur – 18.12.2007 CHiLLi.cc
Freak-Show Franzobel

"Liebesgeschichte" von Franzobel


Jetzt wird es wüscht! Weil wenn Franzobel zu schreiben beginnt, bleibt kein Stein auf dem anderen. So auch nachzulesen in seinem zuletzt erschienen Heldenroman "Liebesgeschichte": Alexander Gansebohn, ein klassischer Anti-Held, ist verliebt in Dunja, doch blöderweise verheiratet mit Marie. Als diese von der Affäre Wind bekommt, stürzt sie sich mitsamt den Kindern aus dem Fenster und Alexander flüchtet, ohne Hilfe zu leisten. Auf der nun beginnenden Irrfahrt durch Wien kommt es zu einem versehentlichen Doppelmord, einer so nicht gemeinten Vergewaltigung, einem zwar nicht Coitus, aber dennoch Interruptus, einem Einbruch bei offenen Türen, einer Geiselnahme mit Tötungsabsicht und einer Explosion. In dieser Reihenfolge. Schließlich landet Alexander als Terrorist in spe in Jerusalem und die ganze wahnsinnige Geschichte kulminiert in einem überraschenden, so nicht vorhersehbaren Höhepunkt.

Müsste ich den Roman mit einer Tonspur unterlegen, würde ich mit Strauss' Pauken schlagendem "Also sprach Zarathustra" aus Kubricks "2001 - Odyssee im Weltall" aufwarten. Denn dass Franzobels neuem Buch einzig Pauken gerecht werden, zeigt schon ein kurzes Hinüberschielen auf die Romanfiguren: Der Protagonist, ein Unsympathler, die Ehefrau trotz Alexanders unzähliger Seitensprünge noch immer nicht abgenabelt, die Geliebte versiert im Begraben von Lebenden und Gift, und auch die anderen Figuren sind irgendwie hinüber. Kuriositätenkabinett und Freak Show - typisch Franzobel! Die Motivation für all die sonderbaren Figurenhandlungen und Weltbilder erklärt das dem Buch vorangestellte Motto: "Der Menschen Fähigkeit zum Selbstbetrug ist außerordentlich." Und dass bei selbstbetrügerischen Absichten zu bizarren, unlauteren Mitteln gegriffen wird, scheint nachvollziehbar: Alles für die Liebe!

Der simple, ja läppische Titel spielt mit der Erwartung einer herkömmlichen Liebesgeschichte. Doch nicht so bei Freak Franzobel. Die Erzählerstimme lässt nie vergessen, dass es eben diese - romantisch verklärte - Liebe ist, die Narren aus den Menschen macht: "Einem Liebenden war alles zuzutrauen." Und literarisches Vorzeigebeispiel dafür ist die Hauptfigur Alexander. Das Publikum ist sich schnell im Klaren darüber, dass ihm alles zuzutrauen ist. Nur er selbst lügt sich mit dem auf seinen Lippen festgewachsenen, gekünstelten "Da kennst du deinen Alexander aber schlecht!" immerfort selbst in die Tasche, oder flüchtet sich in prekären Situationen kurzerhand in seine Lieblingsbeschäftigung, der Schnürsenkelbinderei. Aber was Alexander auch an Gemeinheiten liefert, Leser und Leserin üben sich im Verzeihen, und genau das ist eine der großen Qualitäten des Franzobelschen Erzählens: Selbst die unangenehmste, unsympathischste Figur wird liebenswert und nachvollziehbar in ihren Handlungen und somit zur Spiegelmetapher.

Einen Haken aber hat die Sache doch: Was Franzobel im Vorgängerroman "Das Fest der Steine" oder "Die Wunderkammer der Exzentrik" auf anspruchsvollen 650 Seiten zelebrierte, wird in "Liebesgeschichte" auf knappen 220 erledigt. Im direkten Vergleich zum 2005 erschienenen (vollwertigeren) Roman schneidet "Liebesgeschichte" schlecht ab. Für all jene, die das Monumentalwerk "Das Fest der Steine" erst vor kurzem bewältigt haben: Mit dem neuen Buch zuwarten. Für alle anderen: Mit dem aktuellen Buch beginnen und durch den 650-Seiten-Wälzer langsam steigern.

Fakt ist: An Franzobel kommt man nicht vorbei, Franzobel ist österreichisches Kulturgut. Dies nicht im Sinne von Lederhosen und Mozartkugeln, sondern von Dekonstruktion und Enttarnung. Denn von Schilderungen darüber, zu was man in der Lage ist, wenn man besoffen ist, bis hin zu Kirche, Kommunismus, den oberen Zehntausend und der Kritik daran: Franzobel versteht es, zu erzählen, Und vor allem versteht er es, in Bildern zu erzählen, Metaphern sind sein Metier. Sei es eine Nase, "die aussieht wie ein Knopf in einer Polstergarnitur", oder "ein Gesicht wie verhagelte Petersilie", Franzobel zieht Vergleiche wie gute Zahnärzte Weisheitszähne, und müsst ich's in einem Bild sagen: "Liebesgeschichte" ist der Schleudergang.

Während Franzobel auf Zahnarzt macht, müht sich Alexander Gansebohn an der Passion Christi ab, denn nichts Geringeres als der Kreuzweg ist es, der dem Roman als Strukturprinzip zugrunde liegt. Seinen Anfang nimmt die Geschichte mit der sechsten Stunde, der Kreuzigung Jesu und der Enthüllung der Alexandrischen Liebesaffäre. Sein Ende findet das Buch in Jerusalem und zur neunten Stunde, der Kreuzigung. Alexander als Erlöser? Wohl kaum. Von Erlösertätigkeiten im Tagesgeschäft kann keine Rede sein und als klassischer Egomane besitzt Alexander auch gar nicht das nötige Rüstzeug dazu.

Und dennoch wird etwas geboten für das investierte Geld: Eine Liebesgeschichte nämlich, welche die altbekannten Bereiche eines durchschnittlichen Liebeslebens abdeckt, von einer "großen romantischen Aktion" bis hin zum Untergang mit Pauken und Trompeten. Und ganz nebenbei: "Liebesgeschichte" taugt auch als Bettlektüre. Wenn ihr versteht, was ich meine ...

Links dazu ...
"Liebesgeschichte" im Zsolnay Verlag
Franzobel