Erschienen auf CHiLLi.cc
Streeruwitz hat die Seiten gewechselt. Zum ersten Mal nach acht Romanen und Novellen ist die traditionell weibliche Protagonistin männlich. Das verwundert zunächst, ist aber folgerichtig, ist doch dieser Typ Mann bereits in allen Vorgängerwerken als Nebenfigur präsent gewesen.
Max, ein Wiener Geschäftsmann und Selfmade-Millionär, ist dabei, sich von seiner Frau zu lösen. Sex gibt es schon lange keinen mehr, was Lilli zu schaffen macht, für ihn aber ein notwendiger Schritt ist, denn Sex holt er sich bei "kleinen Asiatinnen" und Lilli müsste eigentlich froh sein, dass er ihr so viel "Hochachtung" entgegen bringt, "sie aus diesem Geschäft zu nehmen". Doch weil seine Ehefrau diesen Geldverkehr nicht unterstützt und seine kleinen Töchter immer größer werden und ihre Körper immer fraulicher, muss er sie alle hinter sich lassen und mit einer neuen Frau und neuen Kindern sein Leben fortsetzen, denn "Elfenkörperchen", "das waren ihm die liebsten Spiegelungen".
Mit Spiegelungen, von denen Max angefeuert, doch ebenso angeekelt wird, spielt Streeruwitz auch was die Buchästhetik betrifft: Ein silbern schimmernder Umschlag macht, dass die LeserInnen beim Zuklappen des Buches immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen werden, womit der Anstoß für eine Selbstbefragung gegeben ist, aber auch das Zeichen, dass ein eigener Standpunkt eingenommen werden soll, "der über die Beurteilung der geschilderten Figur entscheiden kann", so Marlene Streeruwitz über ihren neuen Roman. "Der Inhalt wird so dem Leser und der Leserin zur Disposition übergeben." "Kreuzungen." ist Max' Sicht auf die Dinge. Das ermöglicht, das Publikum nah an den Charakter heran zu lassen, verführt aber trotz des Wissens um die personale Erzählsituation dazu, als neutral zu denken, was über Dritte berichtet wird. Dabei ist es immer eine bestimmte Position aus der heraus (zum Beispiel) Lilli beschrieben wird, und zwar jene des weißen heterosexuellen Mannes, der es sich im Geld gemütlich gemacht hat. In der Entscheidung für eine männliche Erzählfigur werden Blickregime deutlich, denn wird durch Schauen "das Geschlecht bestimmt" - es schauen die Männer, die Frauen werden beschaut. Als Objekt und als Folie, vor der sich der Mann abhebt, ist die Frau Spiegel zur Selbstbestimmung. Steht sie für diese Bestätigung nicht mehr zur Verfügung, ist es mitunter "angsterregend, wenn die eigene Größe nicht mehr feststellbar" ist, was wohl durchaus doppeldeutig gelesen werden soll.
Max, ein Mann in den besten Jahren, ist keiner, auf den der literaturwissenschaftliche Begriff des Helden angewendet werden sollte. Selbst wenn diese Bezeichnung eine rein quantitative Figurendarstellung meint, der Widerstand, diesen Mann einen Held zu nennen, ist zu groß und für das Pendant des Anti-Helden ist Max zu wenig Verlierer, nämlich gar nicht, um genau zu sein. "Kreuzungen." verhandelt die Frage nach materieller Macht und "unter den derzeitigen Bedingungen ist eine Männerfigur da die logische Lösung", sagt Streeruwitz über den plötzlichen Geschlechterwechsel ihrer sonstigen Protagonistin und deckt damit die geltenden ökonomischen Machthaber als männliche auf. Seine ganze materielle Macht spielt Max bei der Scheidung aus, denn "anderswo das Scheidungsrecht die 50 Prozent Teilung selbstverständlich ansah. Hier. In Wien. Das Scheidungsrecht die Männer berücksichtigte." Als Scheidungsgeschenk hat er Lillis elterliche Wohnung gekauft, um sie - finanziell von ihm abhängig - in dieser einzusargen. Sie sollte "sicher in seinem Geld" sein und dorthin zurückkehren, woher sie gekommen war: In den Staub eines gutbürgerlichen Elternhauses, wo der Vater an den Unterhosen der Tochter riecht, um zu erfahren, ob sie bei einem Mann gewesen war, und wenn ja, sogleich die Reitpeitsche einzusetzen.
Geschichten wie diese klingen, als wäre die Frau das Opfer und immer die Gute, aber Streeruwitz rechnet in "Kreuzungen." auch mit den Frauen ab. Nämlich mit jenen, die sich ihrem gerne so genannten Schicksal fügen, denen das Gattengeld zum Einkaufen gerade gut genug ist, die sich als gebotoxte "charity monster" durch Wien engeln und die ihre Lebensweisheit aus Frauenmagazinen beziehen, in denen es ums Bluffen geht und nicht um Charakter. Seine Töchter sollten sich nicht nur dann begehrenswert finden, wenn sie in Strapsen aufreizten, sie sollten einmal "Mittel haben. Macht". Der Protagonist weiß haargenau wie wer warum die Fäden zieht und wer draufzahlt. Diese Reflexion ist es auch, die ihn dazu befähigt, seine Ziele geplant zu erreichen, als "Stratege" und "Feldherr".
Mit schönen neuen Zähnen ausgestattet - auch das mehr Kalkül als Schönheitsoperation - zieht Max nach der Scheidung in ein Venezianisches Palazzo. Er lernt Gianni kennen, der ihm seine Kunst präsentiert: Sich Frauen zu nehmen, wenn er sie brauchte, und zwar anal, womit er die machtvolle Gebärfähigkeit der Frau entkräftet. Durch diese kunstvollen Vorführungen Giannis versteht Max plötzlich "alles von der Notwendigkeit der Heterosexualität". Mit diesem Wissen ausgestattet sucht Max in Zürich eine Heiratsvermittlung auf. Sein Typ: "Eine von diesen jungen Frauen, die alles machten. […] Die dachten, dass Sex nichts anderes war, als miteinander essen zu gehen." Dabei geht es Streeruwitz nicht um die Feministinnen nachgesagte Verteufelung von Sex, sondern um die innere Struktur des heterosexuellen Machtgefüges, wo der Mann am Liebsten fünf repräsentative Schwänze hätte (ein Motiv, das Streeruwitz bereits in ihrer Gothic Science Fiction-Novel "Norma Desmond." entwickelte) und die Frau schluckt. Weil ihm ältere Frauen "zu entwickelt" sind kommt nur eine junge Engländerin aus einer alten Familie in Betracht, "in der die Töchter immer schon gegen Geld ausgetauscht worden waren". Diese spricht sich jedoch gegen eine Bekanntschaft mit seinem "Kleiner Mann" aus und besteht auf in vitro-Fertilisation, worauf Max empfindlich reagiert.
Nicht nur dieser quasi-Kastration wegen wird nichts aus der Heirat. Die Engländerin stellt sich als falsch heraus, er flieht vor ihr und einem Komplott, das er dahinter vermutet, legt sich einen neuen Namen zu und steigt, mittlerweile in London angekommen, als "Sieger" aus seinem alten Leben aus. Für sein neues hat er neue Töchter im Sinn, die er sich "irgendwo machen lassen" würde, von Leihmüttern oder "was auch immer. Er konnte das alles allein schaffen".
Der Titel "Kreuzungen." wird im Buch in mannigfacher Weise repräsentiert, sei es als Wegkreuzungen verschiedener Figuren (Max und seine Frau(en), Max und Gianni, Max und seine Wiener Therapeutin), als Protagonist, der - so Streeruwitz - "sich selbst in Kreuzungsverfahren und Zeugungsakten von Kulturtechniken hergestellt" hat oder als bis zum Schluss des Romans noch nicht endgültig bestimmte "Kreuzungstechnik", was die Zeugung seiner nächsten Töchter betrifft: Der Titel bleibt bis zuletzt offen und vieldeutig. Lieblose Handlung und bedeutsame Implikationen wirken abschreckend, doch eben auch spannend, es ist wie wegschauen wollen und nicht können. Abschreckend wirkt aber auch die Presseinformation zu "Kreuzungen.", die sich wie ein Krimi liest, der zu viel auf einmal will. Doch liegt es in der Natur der Sache, dass Klappen- und Buchrückentexte verknappen. Das neue Buch von Marlene Streeruwitz jedenfalls trotzt jeder unzulänglichen Kurzbeschreibung. So vermag auch diese Rezension nur Abklatsch zu sein. Im Grunde bringt es nur die Langfassung.
Links dazu ...
"Kreuzungen." bei S. Fischer
Marlene Streeruwitz
kultur
Geld kann mehr sein als nur Geld. Sex zum Beispiel. Oder Macht.