kultur – 02.12.2008 CHiLLi.cc
Ein Stelldichein mit Richard Gere macht das Leben auch nicht leichter

"Freischnorcheln" von Mieze Medusa


Ne Mieze ist eine Frau, die Männer betört und Kätzchen oder Raubkatze spielt. Jedenfalls in der heterosexuellen Matrix. Die Medusa ist eine Frau mit Schlangenhaaren, die alle, die sie erblicken, zu Stein erstarren lässt. Jedenfalls in der griechischen Mythologie. Mieze Medusas Fokus liegt auf der Medusa der französischen Schriftstellerin und Feministin Hélène Cixous, welche die Schlangenbehaarte mit feministischem Blick sieht. Sie erkennt Medusa als jene, die "halt doppelt gefickt war, weil sie erst vergewaltigt wurde und dann auch noch mit einem Fluch belegt. […] aber sie lacht trotzdem. Im Ausgegrenztsein zu einer Stärke finden", paraphrasiert Mieze Medusa, die ihr Pseudonym mit eben dieser Lesart der mythologischen Figur auflädt: "Weil diese weibliche Form von Babe Image verspricht, was dann die Medusa mit einem Faustschlag heraus nimmt."

Männer wie Richard Gere
Von Cixous" "Das Lachen der Medusa", das die Angst von Frauen vor der (männlich besetzten) Kunst thematisiert, als Fünfundzwanzigjährige endlich mit Mut zum Schreiben bewaffnet, beginnt sie auch schon damit, gewinnt den ersten "fm4 Wortlaut"-Literaturwettbewerb im Jahr 2002, organisiert den immer gut besuchten und treu bespielten "textstrom" Poetry Slam im Wiener "rhiz", schreibt HipHop, hat eine Band, hat eine Lesebühne, ist Siegerin des Protestsongcontest 2007, die Liste ist lang. Nun hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht. "Freischnorcheln" ist Nora Klein, selbständige Grafikerin, dreißig, und immer hungrig, weil die Auftragslage halt nicht so rosig ist. Und so ist sie - besucht sie nicht gerade schwimmend das Donauweibchen, ihre Lieblingsbeschäftigung, wenn sie mal nicht, oder mal sehr hungert - stets bei kostenlosen Buffets anzutreffen, kennt die Termine von Joghurtverteilungen im öffentlichen Raum und lässt sich schon auch mal zum Essen einladen. Zum Beispiel von Frank, einem Wiener Geschäftsmannschnösel, der gewohnt ist, Frauen mit Geld zu beeindrucken: "Er beschließt mehr in mich zu investieren und bestellt eine Käseplatte für sich und eine Schale Erdbeeren für mich, wohl weil die Farbe wunderbar zu meinem Kleid passt oder weil er Pretty Woman gesehen hat, und den Sauvignon Blanc mit Champagner, sich selbst mit Richard Gere verwechselt. Mich macht er so zu einer Nutte, aber das sind nur Feinheiten."

Das Karma im Rücken
Nora ist eine, die die Dinge klar sieht. Die sympathische Figur wird begleitet von einem selbstsicheren feministischen Unterton, der gesellschaftstauglich ist, also auch Nicht-FeministInnen zu amüsieren vermag. Außerdem begleitet wird sie von ihrem ständig lauernden Karma, dessen Eigenleben zwar für Lacher bei den Lesenden sorgt, doch auch ein wenig zu oft als Einflüsterer herangezogen wird. Dennoch bleibt Nora die Protagonistin des Buchs und wäre durchaus ein Novum, was typische ProtagonistInnen anlangt, hätte in ihrer Beschreibung nicht die Gesellschaftstauglichkeit gesiegt. Zwar wird ihr Jeanskleid von Diesel als XL eingeführt, doch offenbaren spätestens die vier Illustrationen, die den Roman bebildern, dass dieses XL ziemlich klein geschnitten ist und Nora eine typische lässige Junge ist, und aller feministischen Vorfreude zum Trotz denkt Nora hin und wieder auch einmal - und zwar einmal zu oft - an ihre Figur und das erwünschte und zu Markte zu tragende Dünnsein. Schade. In einem Frauenroman vom Frauenromanbüchertisch wäre das auch nicht anders.

Geschmäcker sind verschieden
Mit den Illustrationen ist es außerdem so eine Sache. Es ist eine schöne Idee, Schrift mit Bild aufzulockern, doch sind die Bilder ein bisschen zu hip. Obwohl: "Freischnorcheln" verspricht bereits im Klappentext, es sei "ein Roman für alle, die noch nicht so ganz erwachsen sind, es lange Zeit nicht waren oder niemals werden wollen" und verspricht so gesehen nichts, was er nicht halten kann. Doch im Grunde sind Buchästhetik und voran gestellte Motti sowieso rein subjektiv und entweder man mag"s oder nicht, in diesem Fall mag ich"s nicht, was Illustrationen und Klappentext aber nicht per se schlecht machen. Die handlungsgetriebene Geschichte rund um die ewig hungrige Nora Klein findet ihren Höhepunkt im Sex auf dem Hausboot an der Donau, wo sie Schnösel Frank (ganz unmotiviert) postkoital ausraubt und in Folge und als Räuberin das Land verlässt. Ihre Flucht führt sie bis nach Portugal, wo sie sich in einem Hotel am Strand einmietet, weil hungern braucht sie die nächsten Monate nicht mehr. Sie lernt den deutschen Surflehrer Mario kennen, schneidet sich ihre Dreadlocks ab - vielleicht weil doch Frauen immer ihre Frisur verändern, wenn sie ihr Leben verändern - und verliebt sich auch ganz zeitgerecht in ihn, denn an diesem Punkt sind wir fast am Ende der Geschichte.

Alles wird gut
Nora Klein ruft nach Monaten portugiesischer Wintersonne Frank an, der tut auf melancholisch verliebt, was Nora zum Gedanken zwingt, dass er doch ein Guter ist. Die beiden handeln aus, dass sie ihm nicht alles Geld zurück zahlen muss, er dafür alle in ihrer Wiener Wohnung verbliebenen Habseligkeiten in Besitz nehmen darf. Wieso das alles, wird irgendwie nicht erwähnt, was aber auch egal ist, denn am Ende siegt sowieso die Liebe, weil dass zwischen dem Surflehrer und der Diebin was in der Luft liegt, wissen wir aus Hollywood. Und nachdem Nora sich vom Finanzamt, der Sozialversicherungsstelle und ihren Eltern abmeldet ("Weil"s doch um Freiheit geht, irgendwie"), kann das Kapitel Liebesgeschichte beginnen. Versucht, das hübsch kursiv gesetzte "The End" als betont übertriebenes Happy End zu lesen und damit als subversive Zerschlagung einer Utopie, bin ich mir dann doch nicht sicher und werde es wohl nie erfahren.

Dennoch
Ob es gerade in Mode ist, sich als Hetera am Ende einer Geschichte von Männern retten zu lassen? (Vergleiche Charlotte Roches "Feuchtgebiete", in dem die Protagonistin auf dem Packlträger ihres Krankenpflegers hinein in den Sonnenuntergang fährt.) Ich antworte: Der Roman ist dennoch ein guter, denn die Sprache ist eine gelungene, gekonnte, lockere, lustige, und die guten Metaphern wiegen schwerer, weil sie öfter sind. Bei einem Wintervollbad, in der vollgestopften U-Bahn oder im Wartezimmer ein Vergnügen. Leseempfehlung für zwischendurch.

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Mieze Medusa