kultur – 29.04.2008 CHiLLi.cc
Die Summe der einzelnen Teile

"Frankenstein oder Der moderne Prometheus" von Mary Shelley


Warum nicht mal über "alte" Literatur sprechen? Alt im Sinne von immer noch gut. Zu dieser Sorte gehört Mary Shelleys Gothic Novel "Frankenstein oder Der moderne Prometheus". Der Roman, der durch zahlreiche (mehr oder weniger stark von der literarischen Vorlage abweichende) Verfilmungen einem großen Publikum bekannt ist, fristet das Dasein eines zumeist ungelesenen literarischen Gemeinplatzes. Fast alle kennen "Frankenstein" und fast alle schaudert es, wenn sie das Wort hören. Wieso? Weil der Name mit einem Monster gleichgesetzt wird, obwohl es eigentlich aber - was das Moment des Schauderns eher überflüssig macht - den Mann benennt, der das Monster zum Leben erweckt. Für alle, die sich von Filmen und stiller Post beeinflusst wissen, folgt nun eine Paraphrase auf den Inhalt der originären Ausgangsposition:

Englischer Caspar Hauser
Der junge Schweizer Wissenschaftler Victor Frankenstein erschafft aus Leichenteilen ein menschenähnliches Wesen. Es gelingt ihm, der Kreatur Leben einzuhauchen, jedoch erschrickt er voller Ekel und flieht vor seinem Geschöpf. Dem wie Caspar Hauser ins Leben geworfenen "Monster" gelingt es, sich Gefühl, Verstand und Bildung anzueignen, findet jedoch seiner Übergröße und seines eklektischen, leichenfledderischen Aussehens wegen keinen Zugang zur Gesellschaft. Die Hoffnung, wenigstens sein Schöpfer würde Mitleid mit ihm empfinden, wird genau so wenig erfüllt, wie seine Bitte, eine gleichartige Gefährtin für ihn zusammenzustückeln. In einem ausgedehnten Rachefeldzug kommt es zu einer Handvoll Toter, bevor die Handlung im Packeis der Arktis zu einem kühlen Finale gefriert.

Wilde Geschichten
Der 1818 anonym in England publizierte Schauerroman wurde von der 19-jährigen Mary Wollstonecraft Shelley geschrieben, die mit 16 Jahren von Zuhause ausbüchste, um mit dem berühmten englischen (und zu diesem Zeitpunkt noch anderweitig verheirateten) Romantiker Percy Bysshe Shelley zu leben. An dieser Stelle wird gerne auch erwähnt, dass Mary Shelley die Tochter des radikalen Philosophen William Godwin und der bekannten Feministin Mary Wollstonecraft war. Mary Shelley kannte die geschlechterpolitischen Werke ihrer Mutter, die bei der Geburt der Tochter verstarb. Sie genoss - im Gegensatz zu anderen Töchtern dieser Zeit - eine Bildung, die ihr Vater so förderte als würde in einen Jungen investiert werden. Und obwohl es immer gefährlich ist, literaturwissenschaftliche Analysen mit einer Symbiose von Leben und Werk des und der Schreibenden einzufärben, finden sich in "Frankenstein" tatsächlich zahlreiche Hinweise, zumindest aber nahe liegende Deutungen, die in direktem Verhältnis zu Mary Shelleys Leben stehen.

Kopfsprung in den Text
Genauso interessant wie das Herumstochern in Familiengeschichten und Liebesaffären kann es jedoch sein, dem Text selbst Fragen zu stellen. Denn auch wenn die Sprache keine experimentell moderne, sondern eben die syntaktisch artige des anfänglichen 19. Jahrhunderts ist, eröffnet der Roman jede Menge Analyse-Möglichkeiten, die durchaus größeres Lesevergnügen bereiten als eine simple, auf den Inhalt beschränkte "Wissenschaftler erschafft Monster, Monster mordet wild umher"-Lektüre. Eine der spannendsten Kategorien kann hierbei sein, nach der weiblichen Autorschaft zu fragen. Denn dass eine Frau zu dieser Zeit eine Feder in die Hand bekam, war keineswegs selbstverständlich. Zudem fällt auf, dass eine Schriftstellerin, die zur Zeit des Entstehens des Romans bereits zwei Kinder geboren und verloren hatte, ihren Protagonisten "Vater" werden lässt, ohne dafür einen Frauenkörper zum Gebären zu (ge-)brauchen. Ein weiteres großes Fragezeichen hängt über "Frankensteins" Personal: Drei individuelle männliche Protagonisten und doppelt so viel stereotype, (scheinbar) vernachlässigbare Frauenfiguren.

Die Entdeckung des Details
"Frankenstein" ist ein Roman, der sich summiert. Die innerdiegetischen, also innerhalb der Geschichte gestrickten Verhältnisse klar bestimmt, kommt er daher wie ein offenes Buch. Die Zauberformel jedoch heißt: Zwischen den Zeilen. Denn was Mary Shelleys Mutter in ihrer "Vindication of the Rights of Woman" ("Plädoyer für die Rechte der Frau") als Anklage an das Patriarchat streitschriftbedingt unverhohlen macht, geschieht bei Mary Shelley literaturbedingt verblümt. Eine (mögliche) Summe der einzelnen Teile könnte zum Beispiel lauten: "Die Frau ist kein Mensch? Dann schafft euch eure Menschen selbst!" Auf jeden Fall aber kann "Frankenstein" als Beispiel dafür gelten, dass ein Roman nicht nur gelesen, sondern auch lesend abgeklopft werden kann. Die Fragen sind je nach Interesse zu formulieren. Und die Antworten werden auf jeden Fall mehr überraschen, als es eine herkömmliche Betrachtung auf der Inhaltsebene je zulassen würde.