Ich dachte immer, Hämorrhoiden, das ist so was wie Rheuma, da tut mächtig der Rücken weh und das Sitzen, das ist auch eher unangenehm. Ich dachte immer, Hämorrhoiden, das ist was für Alte, und war damit aus dem Schneider, erst einmal. Dann kam Charlotte Roche mit ihrem Hämorrhoiden-Roman. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich zwar bereits, dass Hämorrhoiden Gewächse im und aus dem Arsch sind, aber dass ich aus dem Schneider wäre, erst einmal, dachte ich immer noch. Dann las ich den Hämorrhoiden-Roman und der hatte eine jugendliche Heldin, und die: hatte quasi übles Rheuma.
Die Kunst des Engführens
Im deutschen Sprachraum gilt ein Buch dann als Bestseller, wenn die 100.000-Verkaufte-Exemplare-Grenze überschritten wird. Obwohl erst im diesjährigen Frühjahrsprogramm des DuMont-Verlags publiziert, hat der Roman "Feuchtgebiete" der Fernsehmoderatorin, Mutter und Ehefrau Charlotte Roche diese Marke mit den bisher verkauften 680.000 Stück mehr als nur erreicht. Zudem sind Übersetzungen in 16 Sprachen geplant, sogar die (mehrheitlich) prüden USA werden den Roman 2009 kennenlernen und ein Hörbuch gab es sowieso von Anfang an. Der Verlag Kiepenheuer & Witsch, bei dem Roche sieben Jahre lang einen Buchvertrag hielt, der das von ihr präsentierte Buch aber schließlich als "pornografisch" zurückwies, wird aus dem Trauern nicht heraus kommen. Roche hingegen tingelt fröhlich durch die Lande, doch überall wird sie nur auf eines angesprochen: die Hämorrhoiden-Helen und darauf, wie viel Helen denn wie viel Roche sei. Immer dieselbe Spannerfrage um das Ich-Problem: Nur die wenigsten schaffen einen professionellen Abstand zwischen literarischem und schreibendem Ich einzuhalten. Auch bei "Feuchtgebiete" wird die Ich-Erzählerin des Romans nur zu gerne mit der Autorin parallel geführt. Die Frage nach der Deckungsgleichheit beantwortet Roche geschickt uneindeutig: Die Skala reicht von gerade mal zwanzig Prozent über Halbe-Halbe bis hin zu für Spekulation Anlass gebenden siebzig Prozent. Sowie Romanprotagonistin und Autorin (zu) eng geführt werden, scheint Roche mit Irritation zu reagieren. Recht hat sie.
Krankenhausgeschichten
Dabei ist die Protagonistin Helen Memel auch interessant genug ohne diese ganze Spannerei. Mit Hämorrhoiden und dem eigentlichen Übel der Analfissur liegt die 18-jährige Helen im Krankenhaus, die Fissur wird operiert und die Hämorrhoiden kommen bei der Gelegenheit auch gleich weg. In einem inneren Monolog resümiert Helen nun ein paar Highlights ihres bisherigen Lebens, von der Dienlichkeit der Hämorrhoiden als Werkzeug zum wahren Liebesbeweis bis hin zu ihren Hobbys, dem Klobrillenputzen mittels nackter Muschi und der Avocadozucht. Doch bei genauem Hinschauen wird klar: So tough, wie Helen sich gibt, ist sie nur streckenweise. Eigentlich ist sie einsam und ihre kaputte Familie liegt ihr außerdem im Magen, doch vor lauter Ficken, Fissur und Hämorrhoiden wird (zumindest in der Medienreaktion) ganz darauf vergessen. Dabei ist die Wiederzusammenführung der geschiedenen Eltern wichtiger Motor der Geschichte. Mit dem Thema Familie nimmt das Buch seinen Anfang und auch sein Ende, dazwischen gibt es einen Happen Liebesgeschichte und ganz spezielle Hygieneexperimente der zur Selbstzerstörung neigenden Extremfigur Helen.
Ein Mädchen gegen den Marienkult
Doch über alledem steht eines: Die Perfektion des weiblichen Körpers. Schön, glatt, wohl duftend, geputzt, gecremt, rasiert. Doch ganz anders die Protagonistin: "Bei mir wird Hygiene kleingeschrieben", offenbart sie, und anstatt eine - laut westlicher Gesellschaftsnorm so definierte - Frau zu sein, wagt sie, ein richtiger Mensch zu werden, mit allem was dazugehört: kacken, furzen, kotverschmierter Analsex. Ihre Schreibmotivation zu genau diesen Tabus erklärt Roche allgemein mit ihrem Problem, dass die Frau ihren Körper als eine ständige Baustelle betrachtet, die optimiert werden muss. Explizit nennt sie ihre schon lange aufgestaute Wut gegen Intimwaschlotion, auf die auch ihre "coolen Freundinnen reinfallen und glauben, dass normale Seife nicht reicht". "Frauen würden gerne so tun, als hätten sie gar keinen Stuhlgang. Die sind so weiblich, so rein, dass das wie ätherische Öle ausgeschwitzt wird", sagt sie polemisch in einem Interview. Also redet ihre Heldin über all das, worüber gemeinhin nicht geredet wird. Dass das Krankenhaus, in welchem Helen liegt, ausgerechnet "Maria Hilf" heißt, kann nun Zufall sein oder intendiert. Bei Assoziation der Stoßgebet-Formel mit Jungfrau Maria, der unberührten Über-Frau, bekommt dieser Umstand aber durchaus unterwanderndes Potenzial. Denn mit Helen mischt sich eine ein in die Reinlichkeitsdiktion.
Kann nicht sehr literarisch sein
Es ist mit Sicherheit ein Roman, der viele ekelt. Auch ist es einer, der literarisch gesehen nicht hoch gelobt wird und nicht hoch gelobt werden muss, denn poetisch ist er nicht. Doch heißt poetisch in gewisser Weise, die Dinge schöner zu reden, als sie eigentlich sind, und Charlotte Roche geht es um exakt das Gegenteil: Radikalentzauberung. Der Roman ist nicht der Hammer, literarisch gesehen, doch er ist witzig, irritierend und in knappen vier Stunden wieder vorbei. Ab und an verwendet Charlotte Roche gekonnt Spannung steigernde rhetorische Kniffe, sie erschafft Neologismen am laufenden Band und redet statt mit Engelszunge ganz einfach mal Klartext. Logisch, dass sie sprachlich als auch inhaltlich an den Grenzen des guten Geschmacks entlang schrammt. Doch reißt sie in "Feuchtgebiete" Themen an, über die sonst peinlich berührt das Mäntelchen des Schweigens gehüllt wird, und bietet mit ihrer Hauptfigur Helen Memel an, die große Enthemmung vorzubereiten. "Wenn manche sagen, lass mir meine Tabus, habe ich Verständnis dafür", sagt Charlotte Roche und zwingt allen Kritikern und Kritikerinnen ihren - kontrovers diskutierten - 220 Seiten starken Roman keineswegs auf.
Links dazu ...
"Feuchtgebiete" im DuMont Verlag
Charlotte Roche