kultur – 28.07.2009 CHiLLi.cc
Stakkato für den Krieg und für die Liebe

"Faruq" von Semier Insayif


Einer versucht sich zu erinnern, und das Gehen soll ihm die Methode sein. Semier Insayifs Roman "Faruq" erzählt von einem Protagonisten, der auf der Suche nach seiner verlorenen Stimme von der ersten bis zur letzten Seite im Gehen begriffen ist. Einen Schritt vor den anderen setzend, mitunter aber im gedanklichen wie im leiblichen Fortkommen ganz plötzlich und ohne sich dessen gewahr zu werden im Stillstand, bewegt er sich allmählich durch die Geschichte, die nicht bloß eine Geschichte ist. Stattdessen ist "Faruq" eine Sammlung von Geschichten, von Möglichkeiten, von Vergangenem, die erst durch den Akt des Gehens ans Licht tritt. Gehen als Rhythmus des Wiederfindens von Stimme, Sprache und Erinnerung. Aber eben auch Gehen als Weg des Vaters von Bagdad nach Wien, als Weggehen der todkranken Mutter, des Bruders, des Vaters.

Leben in Parallelwelten
Der im Roman beschriebene namenlose, und aber eben nicht "Faruq" genannte Protagonist macht nicht unabsichtlich glauben, es handle sich (womöglich) um eine Spiegelung des Autors selbst: Wie die Figur, an deren Route sich das Buch nach und nach entblättert, ist auch Insayif 1965 in Wien geboren und hat irakische Wurzeln. Angesichts dessen ist es weder richtig von Insayif als ausschließlich österreichischem Autor zu sprechen, als auch von seiner Literatur als Migrationsliteratur. Diese - wohl nicht nur begriffliche - Uneindeutigkeit ist im literarischen Prinzip von "Faruq" wiederzufinden: "Es geht nicht um Identität, es geht auch um Identität. Es geht nicht um Krieg, es geht auch um Krieg", wie der bisher vor allem als Lyriker in Erscheinung getretene Insayif bei einer Lesung seinen ersten Roman umreißt.

"Nun nehmen wir einmal an, ich wüsste wer ich bin"
Die Mutter blond und hellhäutig, der Vater als Fremder zu erkennen, dem nach seiner Ankunft in Wien die Türen vor der Nase zugeschlagen werden. Und auch "er", die Doppelung des Vaters, ist, obwohl geboren in Österreich, immerzu "als ein anderer erkennbar". "Auch" um Identität also geht es. Und auch um deren Unsicherheit. Um Familienverbände, die zerfallen, um den Irak nach Hussein und Bush, um eine geliebte Frau, die verloren geht, und um den in Wien angepassten Vater, der in Bagdad ganz überraschend zu beten beginnt, geht es auch. Insayif bedient sich der zuerst versagten, durch den Gang jedoch allmählich erstarkenden Erinnerung seiner Hauptfigur, um an ihr die zahlreichen Handlungen und Nebenhandlungen nach und nach aufzufächern.

Das Abarbeiten am Punkt
Mitunter liest sich "Faruq" wie ein analytischer Kriminalroman. Leser und Leserin wissen nicht bloß einmal über das Was Bescheid, bevor ihnen das Wie anvertraut wird und umgekehrt. Platz für Doppeldeutigkeiten, Widersprüchlichkeiten oder Zusatzinterpretationen, die die vielen Geschehnisse in diesem Buch in einer anschwellenden Spannung miteinander verknüpfen, liefert auch Insayifs Sprachausgestaltung. Der Stakkatostil, der in seiner minimalsten Form bis auf Ein-Wort-Sätze herunter gebrochen ist, gibt das Werkzeug an die Hand, die vielen Geschichten, von denen in "Faruq" die Rede ist, zu noch mehr Geschichten auszudehnen. Denn nie können - so Insayifs poetisches Verständnis - Geschichten erzählt werden, sondern nur "Geschichten über Geschichten". Eindrucksvoller, intensiver Höhepunkt des Stakkatostils ist im letzten Buch-Viertel das Bagdad der amerikanischen Geschichtsschreibung und Autobomben, in dem der Vater des Protagonisten zum ersten Mal sein Wort bricht.

Die suggestive Kraft des Schandmauls
Gestört werden die erzählenden und erinnerten Passagen durch eine Stimme, die kein Problem damit hat, ihre Sprache zu finden: das alles umfassende Maul, eine unsympathische, agitative Sprecherin, die mit einem vermeintlich dialogischen "Komm, sprich mit mir!" eingeführt wird, diesen Dialog mit Erzählung als auch LeserIn jedoch bloß vortäuscht, um erhört zu werden. Es ist ein provokantes Maul, ein unsympathisches, zwischen triefendem Pathos und enttäuschender Banalität sich bewegendes Schandmaul, das den LeserInnen nicht nur Vordenker sein will, sondern, und vor allem, auch Vorredner, ein agitatives Urmaul, das es mit Vorsicht zu genießen gilt und leider den Hang dazu hat, zus langweilen.

Sinneswahrnehmung
"Faruq" ist ein Roman, der sich auf ganz sinnliche Art selbst verwirklicht. Sei es durch die streckenweise stark musikalische Sprache, sei es durch die arabischen Schriftzeichen, die wie Klangwolken und Bilder einer anderen Welt, gefolgt von der dazugehörigen Lautnachbildung, das bekannte, lateinische Alphabet begleiten: "von der einen sprache in die andere. von der vatersprache in die muttersprache. vom mutterland ins vaterland. durch den rachen des sohnes hindurch." "Faruq" ist eine unentschiedene Bewegung zwischen Geburts- und Vaterland, ein beredtes Gehen zwischen bereits Vergessen, wieder Erinnern und neu Entstehenlassen.

Links dazu ...
"Faruq" bei Haymon
Semier Insayif