kultur – 25.08.2009 CHiLLi.cc
Brettern ist das neue Trinken

"Einsam lehnen am Bekannten" von Felicia Zeller


Berlin, Neukölln. Eine Frau, Schriftstellerin von Beruf und ein bisschen unter Vierzig: "Seit siebzehn Jahren trinke ich Bier. Das hält jung, trotzdem wird man älter." In Felicia Zellers kurzer Prosa "Einsam lehnen am Bekannten" dreht sich vieles ums Trinken und ums Aushalten dieses Trinkens. Und die Heldin des Buches ist eine standhafte Trinkerin, die eben das nicht bloß sprichwörtlich bis zum Umfallen praktiziert. Und seit ihrem Freund, der das immer schon so nannte, sagt auch sie zu dieser Art ausdauernd zu trinken salopp brettern: "Mehrmals in der Woche gehen wir brettern wie andere Leute ins Fitnessstudio oder vielleicht etwas jüngere zur Schule."

Das Ich als das Richtige
Zeller, die bisher als Performerin, Ärztin der (Spaß-)Landessexklinik Baden-Württemberg und mit Stücken wie "Bier für Frauen", einem quasi metadokumentarischen Theaterstück, oder "Kaspar Häuser Meer", einer Untersuchung der Jugendsozialarbeiterpsyche, als Dramatikerin aufgefallen ist, trägt in ihren kurzen Prosatexten ihre schräge Welt zusammen. Die Ich-Erzählerin - das braucht nicht erst mit dem literaturwissenschaftlichen Kniff negiert zu werden - ist klar die Autorin selbst, wohl mal mehr, mal weniger authentisch. Und das ist ausnahmsweise in Ordnung, denn hier ist es sogar richtig unterhaltsam autobiografische Geschichten zu lesen, in denen eigentlich nicht viel passiert. So verwundert es auch nicht, dass Zellers Protagonistin eine coole und lustige ist, die in ihren Texten aus Menschen schon auch mal Mäuse machen kann, was sich dann so anhört: "Okay, sagte meine Mitmaus, ich gehe. Was soll ich mitbringen? - Bring bitte auf keinen Fall deine Eindrücke der Farben und Geräusche von draußen mit, sage ich, hol lieber paar Brötchen."

Mit der Hand geschrieben
Doch cool und lustig ist bloß ein Qualitätenpaar, mit dem Zellers Büchlein zu fassen ist, grotesk und eigen wäre ein weiteres, denn die Autorin liebt das Verschrobene und sie hat eine eigene Handschrift: "Die Spinnen haben sich wieder schnell durch die Wohnung genäht. Gestern noch gesaugt und heute schon wieder alles voll gestrickt. Leise klöppelt es in allen Ecken." Bei der Lektüre möchte gar nicht so recht der Glaube daran aufkommen, dass das schriftstellernde Ich nur immer so ein bisschen mau vor sich hinarbeitet, nämlich öfter Rätselhefte liest als schreibt, mehr Cappuccinofreundinnen trifft als schreibt oder mit den Wellen von Virginia Woolf biestigen Badezimmermotten nachjagt und aber eben nicht schreibt. Doch dann erzählt die Protagonistin eh auch selbst, dass sie schon auch mal "erschöpft vom vielen Dichten" am Straßenrand steht und doch auch den Drang verspürt, jetzt ein bisschen Weltliteratur zu produzieren, was dann leider partout vom Vermieter vereitelt wird, der ihr im Hof und vor ihrem Schreibtisch störend ins Produzentinnenkammerl raucht und großartige Weltliteratur verhindert.

Zeller als Kidman
Die Heldin des Prosasammelbands versteht sich gekonnt aufs erleichternde Verantwortung teilen: "Täglich geben wir 50 Euro aus, sage ich zum Bankomat. Ich sage ‚wir', dann bin ich nicht alleine schuld." Dass sie logisch zu denken vermag verraten ihre Meldungen über die folgerichtigen Zusammenhänge chemischer Zustände: "Der Schuber ist aus Karton, damit er nicht aus Plastik ist." Aber dass sie kein "beschissener Schriftsteller" ist, sondern eine beschissene Schriftstellerin, das muss ihr erst jemand beibringen. - Erledigt. Aber lustig ist sie trotzdem. Und cool. Und schreibt schöne kurze Prosa. Und hat den Clemens-Brentano-Preis 2009 erhalten, was noch lange nichts heißt, bei ihr aber schon. Und was würde sie sagen, würde man sie fragen: "Ich will reich sein, ich will schön sein, ich will froh sein, ich will ein Leben voller Ausflüge, ich will ewigen Urlaub, ich will heute mal sagen wir mal Nicole Kidman sein. Aber erst NACH dem Dreh mit Lars von Trier." Unersättlich! Aber gut.

Link dazu ...
"Einsam lehnen am Bekannten" bei Lilienfeld