Ein Comic ist ein Comic ist ein Comic … doch eben auch Literatur. Zu unter anderem diesem Schluss kommt der Prolog in "The Essential Dykes To Watch Out For", in dem sich die US-Amerikanerin Alison Bechdel (auszusprechen wie ein Reim auf "rectal") in einer Schaffenskrise selbst darstellt. Die 1960 geborene Bechdel zeichnet und textet seit 1981 Comics, veröffentlicht seit 1983 und kann seit 1990 davon leben. Ihre in über fünfzig Zeitungen und in mehreren Sprachen erschienenen Comicstrips unter dem Übertitel "Dykes To Watch Out For", was doppeldeutig als "Lesben auf die geachtet werden" aber auch vor denen man sich hüten sollte" gelesen werden muss, wurden regelmäßig in Büchern zusammengefasst. Das letzte - bisher nur auf Englisch erschienene - Sammelalbum mit dem Titel "The Essential Dykes To Watch Out For" verewigt nun die gesamte, auf bisher elf Buchausgaben verteilte DTWOF-Geschichte inklusive sechzig neuer Strips. Jene, die für die Handlung irrelevant waren, wurden aussortiert, was ewig schade und ein kleines Manko dieser Ausgabe ist.
Sie sind unter uns
Die Lesbenwelt, über die Bechdel schreibt, ist nicht genau zu verorten, vielmehr findet alles statt in einer typischen "midsize American city that may or may not be Minneapolis", mit dieser einfachen, aber raffinierten Ungenauigkeit wird bei den LeserInnen die Assoziation an die eigene Stadt hervorgerufen, die ebenso voll mit Dykes und anderen, von der Heteronorm und Binarität unbeeindruckten Identitäten gedacht werden soll. Die Dykes sind eine Clique an Freundinnen, die sich um das Zentrum der feministischen Buchhandlung "Madwimmin Books" herum leben und lieben.
Cast
Da ist Mo, die katzenbegeisterte Heldin des fortlaufenden Comics, die gerne und ausschließlich gestreifte T-Shirts trägt und von wieder mal Sex und Beziehung träumt. Dann gibt es Clarice, die Umweltanwältin, die in einer festen Beziehung lebt. Deren Freundin Toni, Buchhalterin, geht schwanger mit dem gemeinsamen Kind. Die Transgender-Lesbe Lois tritt gerne als Drag King auf und bevorzugt auch sonst eher "female masculinity" und den "boy style", was mitunter zu transphoben Vorurteilen bei Mo und zu feministischen Vorwürfen bei Sparrow führt. Sparrow ist eine bisexuelle Lesbe, die in einem Hilfszentrum für von häuslich-männlicher Gewalt betroffene Frauen arbeitet. Dann wäre da noch Ginger, die Universitätsprofessorin für Englisch, die mit Sparrow und Lois in einer Haus-WG wohnt. Und Sidney, Mos coole spätere Akademikerfreundin und Langzeitbeziehung, die Bücher mit den Titeln "Post-Everything Feminist Theory" und "Gender, Class and Miniature Golf" schreibt. Es gibt die lesbische Buchhandlungsbesitzerin Jezanna, Mos alleinerzieherinde Ex Harriet, die transsexuelle Jugendliche Janis (vormals Jonas) und kurz vor Schluss verirrt sich noch eine lesbische republikanische Studentin in die Clique, die, tiefreligiös, von Abstinenz vor der Ehe beigeistert, aber auch behindert ist.
Mehr als nur Lesben
Verschiedene Ethnien sind bei der auf jeden Fall in den Queer Studies belesenen Bechdel immer Thema ohne jedoch Thema zu sein (es gibt die weiße Amerikanerin, die schwarzamerikanische Lesbe, die Latinolesbe usw. usf.). Auch Männerfiguren werden nicht totgeschwiegen: Mit dem schwulen Carlos lernt Clarices und Tonis Sohn Raffi, wie hip Camp ist und Sparrows Bart und Bauch tragender Lebensgefährte Stuart ist Vollzeit-Hausmann, Rockträger und für die Zerschlagung des Patriarchats. Die Dykes erzählen Geschichten über Affären, gleichgeschlechtliche Heirat und LGBT-gerechte Kindererziehung, über Clintons Oral Office, den Irakkrieg und 9/11.
Suchtfaktor: ganz hoch
Es ist offensichtlich, dass Bechdel allen ihren Heldinnen eine große Sympathie entgegenbringt, doch verschont sie sie auch nicht davor, mal den Boden unter den Füßen zu verlieren. So wird das Halt gebende Zentrum, die feministische Buchhandlung, geschlossen, weil es geschlossen werden muss, genauso wie Österreichs einzige feministische Buchhandlung 2007 schloss, weil sie schließen musste: "Let's face it, women's bookstores are under incredible pressure", um es mit Bechdel zu sagen. Schade, denn die "Dykes To Watch Out For", das sind süchtig machende Comics. Und süchtig machende Literatur. Und zwar sympathische, humoristische, politische und mitunter polyamouröse. Tolles Wort. Weitersagen!
Links dazu ...
"The Essential Dykes To Watch Out For"
Alison Bechdel