Ein Hausboot auf der Morawa, einem serbischen Nebenfluss der Donau, getarnt als Hotel. Sieben Zuhörer, die von einem "ehemaligen Autor" auf eben jenes Boot, auf das sich dieser vor Jahren zurückgezogen hat, eingeladen worden waren. Eine Frau, die von dieser Männerrunde überrascht, zugleich misstrauisch beäugt wird, da der Erzähler als bisher frauenscheu gedacht wurde. Und gefährliche, seltsame, auch kriegerische Geschichten von einer Wanderung quer durch Europa. Das ist Peter Handkes 2008 verlegter Roman "Die morawische Nacht", der mittlerweile auch schon ein alter Hut ist, stimmt, der aber jetzt als Taschenbuch erscheint, was für den krisengeschüttelten Geldbeutel vor allem eines ist: billiger.
Romanlange Erzählnacht
Pralle 560 Seiten und auf der Titelseite ein kokett tiefstapelndes "Erzählung" - typisch Handke, irgendwie. Doch wird dieser romanlange Text nicht einzig durch die lockere Verwendung der Gattungsbezeichnung, sondern auch inhaltlich als Erzählung bestimmt. Der "Ehedem-Autor" fabuliert von seiner Wanderung weg von seiner Boot-Enklave am mittlerweile nicht mehr schiffbaren Fluss, hin nach Deutschland zum nie gekannten Vater, zurück über Österreich, als dessen Nationalautor er gehandelt wird, welcher er aber nicht sein will, durch Kärnten hindurch und wieder heim auf seinen Balkan, der für "die große Mehrheit ein Schimpfwort" war. Regelmäßig erfolgt ein Erzählerwechsel und der erzählende "Ehemalige" wird von den Zuhörern abgelöst, und immer wieder stellt der "Zwischenfrager" seine Zwischenfragen, die der "Ex-Autor" majestätisch erlaubt. Ursprünglich hätte das Buch "Samara" heißen sollen, was arabisch ist für "die Nacht im Gespräch verbringen", und das ist es schließlich auch, was in "Die morawische Nacht" passiert: Sieben und einer reden die ganze Nacht durch. Hiermit ist eine Doppelung gesetzt, wie sie schon bei der "Erzählung" gesetzt wurde, der Titel von Buch und Boot findet sich inhaltlich widergespiegelt.
Von Männern und Frauen
In dieses nächtliche Männergespräch darf sich einmal auch die "balkanische" Frau hinein wagen. Sie kommt "aus ihrem Küchenwinkel" und beginnt zu sprechen, aber "dann freilich übernahm er das Erzählen". Es sind vor allem Geschichten von Männern, die es hier zu hören gibt, typisch Handke, irgendwie. Für die Frauenfiguren werden stereotype (Wunsch-)Bilder angezapft. Sie kommen (bis auf die Mutterfigur) als jene vor, deren schöne Hüften "Güte" ausstrahlen, man befindet sich - was auch sonst - "in der Ahnung ihrer Schönheit", oder sie dienen als Anlaufstelle, wenn ein Schlaf fällig ist: "Übernachten bei der oder der, oder weißgott bei welcher". Doch ambivalent wird das Geschlechterverhältnis, wenn der redefreudige Protagonist vor einer Frau, "einer feindlich gesinnten Leserin, Todfeindin von da an" von seinem Hausboot Reißaus nimmt. Ebenso wie Doppelungen sind Widersprüche programmatisch für diese Erzählung. So wird die Angst vor den Todesdrohungen der Leserin viele hundert Kilometer Wanderung später zu einem sehnsüchtigen "gib, daß sie mir auflauert". Aber was soll dies weiter verwundern, bekommt doch der "Ex-Autor" geweissagt, dass "du eine Liebesgeschichte schreiben wirst, eine dramatische, eine, wie nur du sie erleben kannst". Dabei ist diese Liebesgeschichte eine, die "einmal nicht damit begann, daß die Frau von ihm, dem Mann, ihre Rettung erwartete". So gesehen durchaus emanzipiert. Der immer wieder aufblitzende Gedanke, dass die Frau am Boot die einstige Verfolgerin sein könnte, scheint nur nahe zu liegen, gehört aber zu jenen Stellen des Buches, deren Beantwortung jeder und jede LeserIn selbst zu entscheiden hat.
In der Liebe und im Krieg
"Die morawische Nacht" als bloße Liebesgeschichte stehen zu lassen wäre jedoch wie CO ohne 2, nämlich nur die halbe Wahrheit. Denn mehr als eine Liebesgeschichte ist es womöglich eine Kriegsgeschichte, über das ehemalige Jugoslawien ("die Vertriebenen weinen, die Verbliebenen weinen, es war ein Weinen"), "das einen zur Verantwortung rief". Und mehr noch als eine Kriegsgeschichte ist es womöglich die Geschichte des "Ehemaligen", des - auf der Reise so genannten - "Wanderers", der auf dem Symposium über Lärm und Geräusche sein stilles Hören wieder erlernt und auf dem Welttreffen der Maultrommler (und -trommlerinnen?) am Wiener Friedhof der Namenlosen die inoffiziellen Landeshymnen aller Weltenländer zu hören bekommt. Bei alledem ist der "Ehemalige" nicht als "Schreiber" sondern als "Aufschreiber" anwesend und kann auch nicht anders als, ist er doch ständig auf der Suche nach den genau "richtigen Worten".
Worte finden
Handkes feinsinniges Sprachbewusstsein durchzieht den gesamten Text. Ist jemand "schreckhaft", verbessert er, schreckhaft, "aber nicht ängstlich". Ist etwas "naturgemäß", fragt er "gemäß welcher Natur?". Und schlägt der wandernde Protagonist auf (s)eine Frau ein, "einmal bloß, bloß?", ist es dieses Fragezeichen, das bei den LeserInnen zur subjektiven Beantwortung und letztgültigen Stellungnahme hängen bleibt. Und neben all seinem Ernst und seiner Liebe fürs Detail ist Handke durchaus auch witzig. So ist der ehemalige Autor zwar Wanderer, aber "bei Gott kein Pilger" oder, wie um die klassisch-romantischen Liebesromane zu persiflieren, erkennen der Protagonist und seine Frau, Freundin, Liebhaberin - sagen wir - naturgemäß "zugleich (wie auch sonst?) […], daß […]".
Langer epischer Atem
Bei der Buchlektüre müssen sich die LeserInnen oftmals selbst zu helfen wissen, was Handke-Bücher verhältnismäßig arbeitsintensiv macht. Deshalb und wegen der 560 Seiten ist dieser Autor schwierig. Auch typisch Handke, irgendwie. Und umstritten und umhasst wie er ist, kommt er in einer Zeit, die mehr wie eine Kurznachricht funktioniert denn wie ein griechisches Epos, mit seinem literarischen Entschleunigungsprogramm daher und hält (uns) inne. Verschnarcht - um es mit Handke zu sagen - ist "Die morawische Nacht" nur auf den ersten, ungenauen Blick. Richtig gelesen hält die Erzählung nämlich ganz schön wach.
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"Die morawische Nacht" bei Suhrkamp