Erschienen auf CHiLLi.cc
Manche denken ja, der Brenner ist tot. Ist er nicht. Manche denken, der Erzähler der Brenner-Romane ist tot. Ist er. Und dann zaubert Wolf Haas, obwohl er auf den letzten Seiten von "Das ewige Leben" den Erzähler seiner Brenner-Reihe noch hat sterben lassen, einen neuen Roman aus dem Hut und nennt ihn "Der Brenner und der liebe Gott". Seltsam, aber so passiert. Die unter den Nägeln brennende Frage, wer denn da jetzt das Erzählen übernimmt im neuen Buch, zum Beispiel Gott, beantwortet Haas schon in den ersten Sätzen mit einem rhetorischen Kunstgriff, der billig und irgendwie nett zugleich ist.
Ein Krimi halt
Krimis zusammenzufassen ist eine schwierige Sache, ohne die Spannung zu bekleckern läuft das kaum ab. Eine Kurzfassung, die nicht Fisch, nicht Fleisch ist, ist daher anzuraten, um nicht Gefahr zu laufen, etwas durchsickern zu lassen, was für das chronologisch korrekte Verfolgen des vom Autor gesetzten Spannungsbogens von großer Brisanz ist. Aus dieser Angst der Rezensentin heraus wird alles Wichtige kurz umrissen und geht so: Eine Abtreibungsklinik und ihre superkatholischen GegnerInnen, eine Entführung wegen der Frage um die optimale Schokolade, eine Jauchegrube, eine Gottbegegnung, ein Videoband plus Schmiergeld und Baulöwe. Oder, anders: Tagesmuttermann tot, Milan tot, Knoll tot, Obersenatsrat tot, Prügelknaben tot. Und einige von diesen Morden gehen durchaus auf Brenners Kappe, und darüber ist er sich auch im Klaren.
Ex-Detektiv mit Abnabelungsproblem
Der Brenner, der - wieder einmal - ganz unschuldig in diese Geschichte hineinschlittert, ist eigentlich Chauffeur der dreijährigen Tochter einer Abtreibungsärztin und fügt sich - auch wie immer - seinem detektivischen Schicksal, als schon wieder was passiert. Er recherchiert - es ist müßig, das zu erwähnen - sogleich auf eigene Faust und stolpert dabei, ganz gemäß der Brennertradition, auch über eine schöne Frau, die den typischen weiblichen Nebenpart übernimmt. Fürs große Showdown hat sich Haas etwas besonders Unappetitliches ausgedacht, was bei den Lesern und Leserinnen, und spätestens beim potenziellen Filmpublikum wohl für manchen Schenkelklopfer sorgen wird.
Apropos Schenkelklopfer
Der Witz ist ja die Haupttriebfeder der Brenner-Romane schlechthin und dieser fehlt, logisch, auch im neuen Buch nicht. Ganz im Gegenteil: Auf einen guten Witz folgen zwei halbstarke, leider zitierfähige Sprüche, banale Phrasen werden überbeansprucht, und auf diese Weise und auf jeder Seite beinahe erschlagen zu werden mit einem "Bitte Lachen"-Schild kann ungemein nerven. Trotz allem ist es fein, sich wieder einmal in Haas' bekannten legeren Duktus zu bewegen, denn der Spätzügler liest sich flott und gutgelaunt wie die Vorgängerromane auch. Die Vorschusslorbeeren des Feuilletons sind also nur zur Hälfte gelogen.
Der didaktische Kriminalroman
Und hält man nur die Augen gut genug offen, dann kommt auch die Didaktik nicht zu kurz und man kann von Brenners "detektivischem Halbschlaf" noch etwas lernen fürs eigene Überleben: Zum Beispiel, dass beim Schokoladeregal schnell zugegriffen werden muss, anstatt eine Wissenschaft draus zu machen. Oder, dass "nichts bei einer depressiven Verstimmung besser hilft als eine Kugel, die dich um Haaresbreite verfehlt". Das ist ein guter Witz und zur Zitation freigegeben. Und ob das Buch sein Geld wert ist, sprich: Soll ich's wirklich machen oder lass ich's lieber sein? Jein! Ein typischer Haas-Roman halt mit einem typischen Brenner, und ein bisschen zu viel typischen Witzen, die das Kraut auch nicht fett machen. Okay bis sympathisch, überragend aber nicht.
Link dazu ...
"Der Brenner und der liebe Gott" bei Hoffmann und Campe
kultur
Nicht Fisch, nicht Fleisch