In Schweden ist der Himmel blauer. Das sagen zumindest jene Länderstatistiken, die rechtlich organisierte Gleichberechtigung und Emanzipation widerspiegeln. Doch selbst Schwedinnen werden nicht von heiterer Glückseligkeit in den Schlaf gewiegt, um am nächsten Morgen durch Lachkrämpfe in den neuen Tag geschaukelt zu werden, verrät Maria Sveland nun. "Bitterfotze", der erste Roman der Journalistin und Mutter Mitte dreißig, verhandelt die schwedische Frau und ihre noch immer nicht in Reichweite gerückte absolute Gleichberechtigung. Das sollte Schweden zu denken geben. Und Österreich sowieso.
Mutter sein ist kein Beruf
Sara fliegt nach Teneriffa. Sie ist ausgeblutet und braucht Zeit für sich. Doch die Reise wird ihr ganz schön vergällt, berührt sie doch ein Tabu damit: Eine Mutter lässt nicht Mann und Kind hinter sich, um eine Woche Spaß zu haben. Schon gar nicht, wenn das Kind noch nicht bis zehn zählen kann und der Mann eigentlich zur Arbeit muss. Doch Sara hat die Schnauze voll von ihrer Mutterschaft. In dieser Form. Sie möchte genauso arbeiten gehen, sie möchte genauso Geld verdienen, sie möchte genauso viel Spielraum haben in ihrem Leben, sie möchte dass ihr Mann genauso viel Pflichtgefühl für Kind und Abwasch aufbringt, wie sie selbst, und sie möchte nicht ausgebuht werden, wenn sie das Muttersein weder als der Frauen Berufung ansieht noch als ihren zukünftigen Beruf akzeptiert.
Spontanficks für die Gleichberechtigung
Mit Erica Jongs Roman "Angst vorm Fliegen" im Gepäck denkt Sara am Hotelpool nicht nur über die Vorteile von Spontanficks nach, sondern auch über die Ehe und deren unterdrückende Genealogie, über Frauenzeitschriften und deren Diktat, über das Recht des Vaters und den ganz alltäglichen Wahnsinn patriarchaler Gesellschaftsstruktur. Der Erzählstrom changiert zwischen ihrem Erholungsurlaub auf Teneriffa, wo Sara anhand der Ehepaare im Frühstückssaal eine feministisch-soziologische Feldstudie gelingt, zwischen ihrer Erinnerung an die Zeit als Mädchen unter Burschen und zwischen dem akuten Problem der ungleichen Investitionen von ihr und ihrem Mann in Ehe und Elternschaft.
Eine Bitterfotze ist keine Märtyrerin
Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern ist niedergeschrieben, da darf sich ja heute keine Frau aufregen. Doch Gleichberechtigung funktioniert nicht, deshalb muss sich auch heute noch jede Frau aufregen. Denn wären Frauen Anfang des 20. Jahrhunderts und in den 1970ern artig still gesessen, könnte der Ehemann seine Ehefrau noch immer straffrei vergewaltigen oder darüber bestimmen, ob er sie arbeiten gehen lassen will oder nicht. "Bitterfotze" ist ein Buch, das alle diese Frauen, die für die Rechte der jetzigen Generation gekämpft haben, würdigt. "Bitterfotze" ist ein Buch, das den Mythos Liebe aufdeckt und das ökonomische Machtverhältnis in der traditionellen heterosexuellen Paarbeziehung genauso thematisiert wie die ungleich interpretierten Begriffe Mutter- und Vaterschaft.
Kaufempfehlung? Kaufbefehl!
"Bitterfotze" ist ein Buch, das spannend zu lesen ist, aufrüttelt, (Frauen) hellsichtig und (im besten Fall) bitter zugleich macht. Und selbst wenn der Roman in der nächsten Saison von der Bestsellerliste verschwunden sein wird, das Wort "Bitterfotze" wird so schnell nicht ausgelutscht sein und kann nicht oft genug wiederholt werden. Einerseits weil es cool ist wie Neon in den 1980ern cool war. Andererseits weil es wahr ist: Eine Frau, die den Durchblick hat und sich an dem stört, was sie sieht, wird zwangsläufig zur Bitterfotze werden. Und so langsam wie die tatsächliche Gleichberechtigung voranschreitet, werden Bitterfotzen, Bitterfotzen, Bitterfotzen wohl noch länger dringend gebraucht. Es müssen mehr solcher Bücher geschrieben werden. Und gelesen. Ein Buch wie eine Hymne. Nämlich an die weibliche Bitterkeit, die produktiv ist.
Links dazu ...
"Bitterfotze" bei Kiepenheuer & Witsch
Interview mit Maria Sveland