an.schläge. Das feministische Magazin # Oktober 2009
Seltsam sind sie, unheimlich sind sie, geheimnisvoll und surrealistisch sind sie auch. Die Geschichten in Katharina Bendixens Erzählband "Der Whiskyflaschenbaum". Auf den ersten Blick wirkt der Titel haltlos, nach der Lektüre erschließt sich aber das Paradigmatische daran, denn der Whiskyflaschenbaum in seiner Irrealität steht für das Absurde der Erzählungen. "Als mein Bruder fünf Jahre alt war, wurde er von einem Traktor überfahren, und obwohl mein Vater den Traktor lenkte, war nicht nur er schuld am Tod meines Bruders, sondern wir trugen die Schuld zu dritt." Mit diesem Anfangssatz öffnet sich ein Sog, dessen Wirkungsmacht eine_n nur schwer entkommen lässt. Immer mehr will in Erfahrung gebracht, immer mehr will gewusst werden, doch die Erzählungen, die allesamt gewöhnlich bis zumindest nachvollziehbar beginnen und an einem kaum merkbaren Punkt kippen, verraten immer eine Spur zu wenig. Am Schluss einer jeden Erzählung haben sich mehr Fragen aufgeworfen als Antworten gegeben wurden und die Verdachtsmomente irritieren, lähmen, nehmen mit. Bendixens Literatur ist eine, die den Leser_innen auf die Füße steigt. Dabei hat sie ein sensibles Gespür dafür, das literarische Personal nie vorzuführen und es damit leicht zu Freaks stempeln zu lassen. Vielmehr offenbart sich ein großes soziales Bewusstsein für menschliche Beziehungs-, Denk- und Reaktionssysteme. Das sind keine Verrückten, sondern Menschen, mit denen etwas passiert (ist). Und das arbeitet in ihnen. Düster das. Und sehr, sehr gut.