an.schläge. Das feministische Magazin # März 2009
Anna leidet an Verstopfung und das macht ihr zu schaffen. Laut Judith Butler ist der Stuhlgang eine Grenzübertretung vom Innen ins Außen, also vom Subjekt zu den Anderen. Doch eben nicht bei Anna. Sie probiert alles: Schonkost, Herbalife, Einläufe. Doch dass die Protagonistin sich nicht veräußern kann, scheint eher ein psychosomatisches Problem zu sein denn ein Verdauungsding. Genau hier setzt die Autorin von "baby blue eyes", die Butler als eine ihrer Inspirationsquellen nennt, an. Sie verhandelt nicht den Mensch in der Gesellschaft, sondern das Geschlecht in der Gesellschaft. Die weitsichtige junge Anna fühlt sich ihren Geschlechtskonventionen nicht verpflichtet: "Eine mollige Frau mit glänzenden Wangen schiebt einen Kinderwagen an dir vorbei. Sie möchte ihr in die Eierstöcke treten." Diese Position im Abseits der traditionellen Gesellschaft, die Anna von innen verstopft, macht es ihr jedoch möglich, Altes neu zu denken, oft auf ganz hinreißend rabiate Art: ßIch bin die blond gekräuselte Pippi-Göre. […] Ich krizzle zerrissene Frauenkörper auf Blätter Papier. […] Ich verarsch das Pink. Ich ritze die Hüften der Barbie-Puppen aus meiner Kindheit. Schneide ihnen die Haare. Kahlköpfige Rosa-Bräute mit Titten, die sie immer wieder vornüber kippen lassen." Der Roman speist sich aus drei Stimmen, die alle auf ein Ich zurückführen, welches wiederum für viele steht. Dieses Ich ist weiblich und reflektiert seine Weiblichkeit auf Schritt und Tritt. Und dieses Ich ist dreckig dran. Bis zum Schluss. Doch dann wird alles irgendwie gut. Eine kleine feministische Hymne. Und anregend geschrieben.