Nadine Kegele · Rezension in

 

an.schläge. Das feministische Magazin # März 2011

Andrea Winkler: Drei, vier Töne, nicht mehr

Herzreparatur

 

"Dich wird einer geschrieben haben müssen, dich wird einer geträumt haben müssen, dich wird einer vergessen haben müssen, nur, damit du aufhörst, ein Bild zu sein..." Und eben das ist es, was die österreichische Autorin Andrea Winkler in ihrem neuen, unaufdringlichen Roman "Drei, vier Töne, nicht mehr" macht: sie lässt ein weibliches Ich ein männliches Du heraufbeschwören, das nur noch als erinnertes Bild existiert und aber doch die Heldin, eine Verlassene, bis zur Selbstaufgabe beansprucht. Ein Leben scheint dem zurückgelassenen Ich nur im Lieben des Einen möglich zu sein, es ist ein einziges Warten, "dass ich nichts mehr für mich will". In physischer Abhängigkeit von den gemeinsamen Erinnerungsorten werden diese wieder und wieder aufgesucht, nahezu apathisch. Die Heldin erobert die Erinnerungen zurück wie ein Land, doch dämmert ihr, "du kannst nicht ewig warten, dass etwas geschieht". Die stark rhythmische Prosa Winklers, die viel mit Wiederholung, Vertiefung und Zeitlichkeit arbeitet, wirkt intim und wahrt beim Ausplaudern gleichzeitig Zurückhaltung. Denn obwohl die Protagonistin in ihren persönlichen Rufen an ihren Geliebten, so es denn einer war, an größter Intimtität teilhaben lässt, bleibt alles irgendwie unsichtbar und eine Ahnung, greifbar wird nichts. Bis zuletzt ist man als Leser_in versucht, der phlegmatischen Protagonistin ihren persönlichen Ghostbuster zu organisieren, auf dass sie endlich loslasse von ihrer Vergangenheit, dieser "fliehende[n] Geschichte". Doch dann gibt es doch noch eine positive Überraschung, und nein, zum Glück kein klassisches Happy end.