Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele
Ich habe nachgedacht. Mit Sexismus ist das ja so eine Sache. Die einen stehen auf ihn, die anderen erkennen ihn nicht, wenn er vor ihnen steht, wieder andere finden ihn ganz normal. Ich finde, Sexismus ernst zu nehmen, kann nie übertrieben sein. Und streng genommen ist Sexismus nicht nur, Witze über blonde Frauen zu machen, sondern auch, wenn Frauen immer nur nach großen, starken Männern verlangen, an deren Seite sie sich beschützt fühlen können. Weil wie kommt der Mann dazu, immer bloß ein Bild zu bedienen und wild durch die Gegend zu beschützen!? Selbst ist die Frau.
Und um auf Sexismus zurück zu kommen: Der ist ja wirklich immer und überall. Und je mehr er eine/n aufregt, umso mehr fällt er einer und einem auf. Das ist manchmal ganz schön ärgerlich, derart fixiert zu sein, nicht auch einfach nur mal abschalten zu können. Aber in all diesem Ärger ist es auch ganz schön notwendig. Denn wenn der spanische Verteidigungsminister zur Abwechslung mal eine Frau ist, ist das ganz schön ein Fortschritt. Und wenn nicht nur ich, die Frau, bei jedem Bewerbungsgespräch gefragt werden würde, ob ich Familie plane für irgendwann, tät mich, die Frau, das auch ganz schön erleichtern.
In Ro--s Feriencamp gab es ein Mädchen, die kleine Anna (denn es gab auch eine größere), die aussah, so zitiere ich aus Ro--s Beschreibung, "wie Gertrude Stein in klein". Er hätte sie gerne adoptiert, doch sie hatte bereits Eltern und wir haben noch kein Geld. Doch die kleine Anna war eine, die mit ihren elf Jahren schon wusste, dass Mädchen sein allein zu wenig ist. Als es im Nachmittagsunterhaltungsprogramm einmal darum ging, dass sich Buben und Mädchen auseinander dividieren und in zwei Gruppen aufstellen sollten (wer auch immer auf diese blöde, weil Fronten bildende Idee kam!), stand die kleine Anna in der Mitte, konnte sich nicht entscheiden, in welche Gruppe sie gehen wollte und fragte in die Runde der BetreuerInnen: "Und wo soll ich hin?" Und der Ro--, der sie nach dieser Begebenheit noch dringender adoptieren wollte als zuvor, nur Geld hatten wir immer noch keines und sie hatte immer noch Eltern, sagte: "Wohin du willst, Anna." Und die Anna antwortete: "Also mir ist es eigentlich egal."
Geschlechterrollen geben Sicherheit, aber deren Auflösung auch ganz schön Freiheit. So schreibt mir die Bi-- letzte Woche von einer "Beauty Challenge", bei der die fünf Frauen (wie könnte es anders sein?!) im Strandbad vor einer Jury von drei Männern (wie könnte es anders sein?!) in den Kategorien Brüste, Po, Gesicht und Outfit (wie könnte es ...), "die wirklich wichtigen Dinge für Frauen eben ...", bewertet wurden. "Es folgte ein Schaulaufen, die Gewinnerin wurde mit einem Glas Sekt gefeiert und es wurde gratuliert, denn ‚sie weiß was Männer wollen und wie sie sich sexy präsentieren kann'. Außerdem hat sie ihre ‚Fähigkeiten' richtig eingeschätzt, indem sie die häufigste Übereinstimmung bei Fremd- und Selbsteinschätzung hatte. Danach", so die Bi-- in ihrem Zornesbericht, "war die Welt für alle wieder in Ordnung." Ganz klar Sicherheit! Alle wissen, was sie zu tun und wie sie angemessen zu reagieren haben. Freiheit? Leider weniger. Nicht "as you like it", also "wie es euch gefällt", sondern wie es der Großteil einer Gesellschaft von den Geschlechtern in ihren ihnen zugeschriebenen Rollen will.
Und ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass nur Frauen Röcke tragen (dürfen) (von Schotten mal abgesehen), nur Frauen Stöckel tragen (dürfen) (von Crossdressern und Drag Queens, die sich die Freiheit nehmen, mal abgesehen) und diese Kleiderordnung so (scheinbar) normal ist und naturgemäß - Peter Handke würde fragen: "Welcher Natur gemäß?". (Kleidungs-)Differenz muss also zwangsläufig Bedeutung haben, weil normal ist das alles nicht. Und an diesem Punkt beginnt das Leben spannend zu werden: Wenn ich erkenne, dass ich als Frau nicht eine bestimmte Art Frau sein muss, nämlich. Wenn ich vielleicht sogar erkenne, dass ich nicht Frau oder Mann sein muss, sondern über naturwissenschaftliche Termini auch hinaus wachsen kann, nämlich. Dann wäre Homophobie gegessen. Und Sexismus sowieso. Dann gäbe es auf der Werbung meiner Hausbank, im Folder meiner Versicherung oder im Prospekt vom "BILLA" um die Ecke, die alle mit glücklicher Familie werben, nicht immer bloß Mann-Frau-Kind-Geschichten. Dann würden Frauen auch mal bequem breitbeinig sitzen. Und den Job bekommen, den sie haben wollten und nur nicht bekamen, weil ihr Körper, und bisher leider bloß ihr Körper auf Gebärfähigkeit ausgelegt ist.
Und CHiLLi.cc schließt heute die Pforten und ich danke heute ab. Schön war die Zeit, wenn auch wöchentlich anstrengend, aber in Summe hab ich es mehr gern getan als nicht. Nun erwartet mich mein letztes Studienjahr mit Praktikum im Literaturhaus und bei einem feministischen Magazin, mit einer Diplomarbeit, zu der ich grad mal den Titel kenn, und außerdem: einem Jahr voller Sexismus immer und überall. Doch wenn nicht nur ich mich darüber ärgere, sondern auch ihr darüber euch ärgert, dann ist meine Arbeit hier getan. Und der Ro-- sagt ja: "Mit dem Adoptionsgedanken spiel ich immer noch." Und ich? Ich sage: "Das mach ich mir einfach selbst. Masturbation in der Literatur." Für Tipps bin ich dankbar und: Denkt mal darüber nach!
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