gesellschaft – 26.08.2008
Und sonst? Rasieren und blasen

Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele


Ich habe nachgedacht. Auch in Brunn am Gebirge gibt es also ab sofort Feuerwehrfrauen, weil: Nachdem die Gleichbehandlungsbeauftragte dem Brunner Feuerwehrkommandanten ins Gewissen redete, fiel's dem wie Schuppen von den Augen und er wusste ja nicht, nein, das war ihm echt nicht klar, das war nie, nie in seinem Sinn, diskriminieren?, das Letzte wäre das, was er beabsichtigt hatte mit seiner Entscheidung, die Frauen und Mädchen nicht zuzulassen zu seiner Männerfeuerwehr. Jetzt ist das also auch geregelt und der Standard-Poster "charles darwin" sagt: "gottseidank, endlich kann ich wieder ruhig schlafen". Es ist schön, Leuten zurück ins Leben zu helfen.

Und um aufs Gewissen zurück zu kommen: Auf so eines hab ich letztens auch eingeredet, als ich mich voll bepackt aus dem Supermarkt schleppte, um meine Einkäufe nach Hause und in Sicherheit zu bringen, da geht vor mir eine junge, schlanke, hübsche Frau mit Hund an der Leine vorbei und ein Mann, um die siebzig, vielleicht auch älter, geschrumpft, vielleicht auch schon immer klein, ruft ihr mit wässrigem Mund hinterher: "Und die Beine gefallen mir, die Beine ..." Die junge Frau lächelt verhalten, vielleicht auch unangenehm berührt, während der Hund blöd am Gehsteig rumschnuppert und sich kümmert um nichts. Doch das kann nicht so stehen gelassen werden und während der Alte mit geilem "Die Beine gefallen mir, die Beine" dieser ihm unbekannten Frau hinterher lechzt, schlepp ich mich wie eine Kofferträgerin an ihm vorbei und mein: "Ich hoffe doch, die vom Hund!" Ich hoff es insgeheim immer noch, doch würd' ich meine Privatbibliothek darauf verwetten, dass er nie nicht kein Hundezüchter gewesen war und wohl auch jetzt kein Interesse mehr für Vierbeiner aufbringen wird wollen.

Und in der U-Bahn steht Uma Thurman, in gelbem hautengem Kill Bill-Anzug und bei näherem Hinschauen seh' ich, nein, ist nicht Uma, ist irgendeine, aber auch nicht gerade wenig schlank und auch nicht gerade wenig hübsch und um ihre Schultern hat sie ein gelbes Rohr geschwungen. Von dieser Sorte eigentümlich gekleidete Frau seh' ich während der Woche noch mehr. Sie stehen im Doppelpack am Wiener Gürtel herum und machen Werbung für einen Download-Anbieter, der auf Riesenplakaten damit wirbt, dass dieses Downloadportal so hurtig arbeitet, dass es den Weibern die Kleider vom Leib reißt. Weil das ist wohl das erste, was sich jeder wünscht, wenn er einen Wunsch frei hätte: Macht sie nackich!

Und Olympia-China hat bei seiner Eröffnungsfeier ein hübsches Mädchen auf die Bühne gestellt und die Lippen bewegen lassen, während die Stimme von einem Mädchen kam, das als nicht hübsch genug für die Welt befunden wurde und deshalb nicht vor die Linse durfte. "Wir mussten uns entscheiden", sagt einer der Olympia-Veranstalter, "wir kombinierten die perfekte Stimme mit der perfekten Aufführung". Und ein anderer vom olympischen Komitee gab bekannt, "man muss sicher gehen, dass die Darsteller und der Song auf dem höchsten Level sind", und die siebenjährige Yang stand der bildhübschen Lin in Sachen Repräsentation ein klein bisschen nach, aber Schwamm drüber.

Und apropos Siebenjährige: Ich treib mich ja jetzt vermehrt auf Wiener Kinderspielplätzen herum, weil mein italienischer Zögling ganz nach seinem Geschmack unterhalten werden will. Und was sich auf Spielplätzen so tut ist unheimlich und pure Aneignung der traditionellen Geschlechterrollen: Buben rennen mit Totenköpfen auf ihren T- Shirts herum und werden von Elternfiguren ausgeschimpft, wenn sie sich nicht alleine schaukeln trauen, weil sich Buben einfach alleine schaukeln trauen sollten, weil sieh her, sogar dieses Mädel dort traut sich alleine zu schaukeln. Und Mädchen, nicht älter als zwei Jahre, mit Hochsteckfrisuren und rosa von den Sandalen bis zur Haarspange stolzieren ihren stereotypen Frauenmüttern hinterher und wollen mal Mutter von Beruf werden oder Prinzessin, die andere Alternative. Und Mutter sein ist schön und gut, will ich auch irgendwann, gibt es nichts auszusetzen daran, doch soll mein Sohn nicht denken, er dürfte keine Puppe im Wägelchen spazieren fahren, und meine Tochter soll getrost auf alle Bäume der Umgebung klettern und wenn sie herunter fällt und es sie zerlegt - weil rosa, rosa ist gestorben, meine Lieben.

Und "ein Mann und seine Freundin" waren zu spät zum Eincheck-Schalter gekommen und haben die letztwöchige Madrider Flugzeugexplosion knapp überlebt. Eine Frau und ihr Freund hätten vielleicht nicht so viel Schwein gehabt, aber Schwamm drüber. Britney Spears - um ein bisschen Klatsch und Tratsch unterzumischen - hat endlich wieder abgenommen und Christina Applegate wurden wegen Brustkrebs beide Brüste entfernt, aber Schwamm drüber, denn, so ein gmx-Poster zum Verlust der Kelly Bundy-Busen: "Obwohl ich ein Mann bin, bleibt sie für mich auch nach der OP eine äußerst hübsche und attraktive FRAU!" Und während "HEUTE" einen Bikini-Foto-Wettbewerb macht und lauter noch nicht Volljährige abbildet, bringt das Hetero- Männer-Magazin "Men's Health" eine Hommage an die Frau am Badesee, weil jetzt, wo das Wetter bald wieder kühler wird und sich die Frauen wieder einpacken werden, ist genau die richtige "Zeit, um noch einmal ausführlich die Schönheit des weiblichen Geschlechts zu würdigen".

Die elf schönsten Frauendetails lauten daher: 1. Ihre Haare. Weil "nichtsdestotrotz begehrt auch heutzutage kaum jemand eine Frau mit Glatze. Das musste selbst Sinead O'Connor irgendwann einsehen. Haare an einer Frau sind etwas Sinnliches, solange sie auf dem Kopf wachsen, und zwar oberhalb der Stirn." Für alle mit Damenbart: Tut mir Leid, ausgeschieden. Für alle, die sich gern mal die Haare wachsen lassen würden, wie sie nun mal wachsen, an den Beinen, über die Bikinizone hinaus und in den Achseln: Stellen Sie sich auf ein Leben als Buhfrau ein. 2. Ihre Augen. Weil "natürlich verstehen wir, dass es auch vieles andere gibt, was Sie sich ansehen wollen. Aber halten Sie trotzdem losen Blickkontakt. Auch wenn sie vor Ihnen kniet und mit ihrem weichen Mund das tut, was sie da unten nun mal tut." Sprich:

Der Blowjob ist ihr Job. 3. Ihre Lippen. "Küssen Sie ihre Lippen ganz zart, jede einzeln, Stück für Stück - sie wird sagen, es kitzele so komisch, es mache sie wahnsinnig, aufhören, bitte! Aber das muss sie nun mal aushalten, die Gute. Sie ist doch immer so für zärtlich und romantisch, eiteitei." Fragezeichen? Und zwar ein großes. 4. Ihr Hals. "Schön lang soll er sein und möglichst schlank." Als wär' die Frau nicht schon mit Rasieren und Blasen voll beschäftigt! 5. Ihre Arme. "Sollen sie dünn sein oder kräftig? Wir sagen: egal. Wichtig ist für uns, dass die Ladys Liegestütze machen, damit wir Männer was zu beißen haben." 6. Ihre Brüste. "Da schaut alle Welt hin." Und der Rest im Schnellvorlauf, weil ich schon etwas stark rieche und duschen gehen muss, bevor's los geht. 7. Ihr Bauch. 8. Ihr Allerheiligstes. 9. Ihr Po. 10. Ihre Beine. 11. Ihre Füße. 12. Fertig ist ihr Komplex. Und der Ro-- sagt ja: "Schätzchen, die Happy Hour beginnt ..." Und ich? Ich sage: Ich fliiiege!


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