Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele
Ich habe nachgedacht. "Es ist blanker Zynismus zu behaupten, dass unsere Wirtschaft und unser Gesundheitssystem ohne Zuwanderer auskommt. Wer soll uns pflegen - und mithelfen, unser Pensionssystem zu erhalten, wenn nicht integrationswillige Zuwanderer und ihre Kinder?" Mit diesem Sag-ja-zu-Immigration-Sätzlein ließ ich mich letztens kurzfristig von ÖVP-"Gio" blenden. Blenden deshalb, weil diese Worte so gar nicht zum sonstigen - euphemistisch gesagt - strengen ÖVP-Wahlprogramm ("Es reicht! Wer bei uns lebt, muss unsere Sprache sprechen!") passen wollte. Dann blätterte ich um und auf der nächsten Zeitungsseite prangte stolz die Auflösung und alle Zeichen stimmten wieder überein: "... aber Zuwanderer aus anderen Kulturen müssen akzeptieren, dass Frauen bei uns gleichberechtigt sind [...]." Klare Forderungen, große Worte, nur leider auch: heiße Luft.
Denn um auf Gleichberechtigung zurück zu kommen: Auf dem Papier mag die Frau bei "uns" in Österreich gleich viel gelten wie der Mann, doch im echten Leben funktioniert's halt auch bei "uns" noch nicht ganz so, wie es sollte oder wie von vielen vorgegeben wird, dass es ja wohl schon täte und deshalb Gleichberechtigung kein Thema wär. In Brunn am Gebirge in Niederösterreich wollte etwa - um ein aktuelles (Negativ-)Beispiel zu nennen, das mir letztens die So-- mittels Zeitungsausschnitt zusteckte - eine Zwölfjährige zur Feuerwehrjugend, ehrenamtlich und hochmotiviert, doch die Feuerwehr, die wollte sie nicht geschenkt. Weil der Beschluss gefasst worden sei, "dass derzeit die Aufnahme von Mädchen für die Feuerwehrjugend oder die Aufnahme von weiblichen Mitgliedern in den Aktivstand unserer Wehr abgelehnt werden." Ebenso höflichst aber entschieden abgelehnt wurden Freundinnen des Mädchens und eine weitere Frau. Und von zwei an der Feuerwehr interessierten Geschwistern wurde zwar der Junge aufgenommen, das Mädchen aber - leider, derzeit keine Aufnahme - nicht.
Der Landesfeuerwehrkommandant stellte sich treu und loyal hinter die Entscheidung der Brunner Feuerbekämpfungsfiliale: "Über 900 Feuerwehren im Land sind froh, dass Frauen sie verstärken, aber in Brunn stellt sich die Frage noch nicht. Es gibt genug Mitglieder." Bis hierher könnte ich - wenn es auch nicht nobel ist, Frauen nur als Aushilfe zu akzeptieren, wenn Not am Mann ist - noch meinen, es gäbe halt nicht genug Platz für alle, die der Feuerwehr die Türen einrennen, und die Männer, die waren immerhin (ganz getreu der traditionellen Geschlechterrolle) vorher da, aber der Bruder der Schwester wurde ja auch aufgenommen und der Landesfeuerwehrkommandant schüttelt noch mehr an Erklärung aus dem Uniformärmel: "Warum sollen die Kollegen in Brunn sich etwas antun, das nicht nötig ist?" fragt er und meint damit die keinem Feuerwehrmann zuzumutende "Umstellung in der Ausdrucksweise", weil ja einem schon mal was entschlüpfen könnte, das mit den feinen Ohren einer braven Frau unverträglich wär.
Diskriminiert werden kann nur, wer in seinem oder ihrem Recht verletzt wird, sagt ein Anwalt in meiner Brotjob-Kanzlei, doch das Recht auf eine Mitgliedschaft bei der Freiwilligen Feuerwehr, das gibt es nicht. Und wenn jetzt also die Gleichbehandlungsbeauftragte hergeht und versucht, mit dem Herrn Kommandanten eine Lösung zu finden, wäre er von vornherein voll im Recht, wenn er zur Frau Beauftragten sagte: "Frauen? Brauchen wir nicht! Wollen wir nicht! Nerven Sie einen anderen mit Ihrem Gleichbehandlungsdreck!" Weil gingen wir jetzt - anderes (Negativ-)Beispiel - mal rein theoretisch davon aus, das Rote Kreuz ließe ganz prinzipiell keine Homosexuellen zum Blutspenden zu (was dann nur inoffiziell passierte, offiziell wohlweislich nicht), dann dürfte sich kein/e Homosexuelle/r in seinen und ihren Rechten verletzt fühlen, weil das Recht zum Blutspenden, das gibt es ja nicht, und wenn es eine Verletzung in einem Recht nicht gibt, weil es das Recht nicht gibt, gibt es auch keine Diskriminierung. Höchstens eine moralische. Aber was heißt das schon?! Moral schafft sich jede/r selbst. Deshalb gibt's ja so viele verschiedene. Wahlkämpfe repräsentieren da immer auch ein bisschen die gesellschaftlich vorhandenen Moralen, um jetzt mal einem eher minder frequentierten Plural ins Leben zu verhelfen.
Und "ich bin schon wieder ganz im Aufregen" schreibt die Lie--, als sie mir ein Interview des "Standard" mit der 27-jährigen, attraktiven SPÖ-Nationalratsabgeordneten Laura Rudas zuschickt, doch geht es ihr nicht ums Interview, sondern um die Postings, die strotzen vor Sexismus: "Fesch!" vermeldet da zum Beispiel "Papp Kamerad" und "die ist aber schon ein hase", gibt "wurst_case" zu. "Immo-Rentner" hingegen ruft auf zu mehr Geschmack in Sachen Frauen, weil "Einheitsgesicht, trifft man in jedem Beisl um die Ecke". Und "Brennen muss Salem!" sagt, was viele denken, wenn sie eine Feministin sehen (oder eine Lesbe), nämlich "Laura Rudas gehört einmal ordentlich...". Zwischen all der Potenz gibt es ab und an einen Ordnungsruf: "Muss eine Politikerin auf ihr Aussehen reduziert werden? [...] geh bitte zu einer Misswahl", schimpft "chaucer" und bleibt wie zu erwarten weitgehend ungehört. Nur einer, dem ist um Harmonie getan, der pocht auf Objektivität: "Dass es sich um eine attraktive junge Dame handelt werden Sie ja wohl nicht abstreiten wollen."
Was mich von einem Sexismus zum nächsten bringt, nämlich von der Reduzierung auf Äußerlichkeit zur Bezeichnung: Rudas wird in diesen Postings alles Mögliche geheißen, "Dame", "Mädel", "Fräulein", Hauptsache, es referiert auf ihr Geschlecht. Denn während die Dame eine Frau mit Umgangsformen ist, die sich für eine Frau schickt, ist ein Mädel eine, die auf Jugendlichkeit abonniert ist und der deshalb schon mal mit etwas weniger Respekt begegnet werden darf, angeblich, und ein Fräulein ist immer eine unverheiratete Frau und somit über ihre Beziehung zum Mann definiert. Und Rudas also ist eine Feministin, wie sie selbst stolz sagt? Dann habe sie sich als Kinder- und Jugendsprecherin der SPÖ wohl beim (für Frauen stereotypen) Ressort vergriffen, meint "Tetsuwan Atomu" und verschwendet keinen Gedanken daran, dass Feministin zu sein, nicht heißt, alle traditionellen Frauenrollen blind abzulehnen, sondern sie von der weiblichen Exklusivität zu befreien und für Männer gleichermaßen zu öffnen und selbstverständlich zu machen. Aber Feminismus macht - bei aller von Gio Hahn gepredigten Gleichberechtigung - immer noch voreingenommen, so erklärt zum Beispiel "Fuad1337" das politische Universum, das noch fehlerfrei funktioniert hatte, bis die Frauen und die Politik zunichte machten:
"Die Grünen wollt ich nie wählen wegen dem extremen Feminismus, der mir richtig Angst machte von wegen Quoten. Nun kommt so eine [Rudas, SPÖ] an die Macht, die ebenfalls Quoten fordert. Frauen und Macht verträgt sich einfach nicht. Da wird man größenwahnsinnig und macht Dinge die dem Staat schaden." Und wenn ich so was hör, frag ich mich ja schon manchmal: JA RED ICH DENN HIER GEGEN EINE WAND, ODER WAS?! Es gilt nicht, das Patriarchat auszutauschen gegen ein Matriarchat, sondern, dass die männlich besetzte Feuerwehr vom Thron heruntersteigt und eine Feuerwehrfrau in ihre Reihen aufnimmt, ohne auf dem Geschlecht herumzuhacken. Es geht darum, dass nicht von vornherein davon ausgegangen wird, eine Frau in einer hohen Position habe sich hoch geschlafen, keine Frage. Und darum, dass die ihrer traditionellen Weiblichkeit verpflichteten Lehrerinnen in einem Lerncamp dem Ro-- nicht Weichlichkeit attestieren sollten, nur weil sie selbst auf große starke Männer stehen, mit Schultern zum Anlehnen, wo sie sich so richtig als Prinzessin fühlen können und beschützt, und der Ro-- keine Lust hat, diese Sorte starken Mann zu markieren, sondern mit auch mal mit Kindern zu arbeiten. Denn Feminismus ist keine Strategie, um die Weltherrschaft an sich zu reißen, sondern ein Mittel, um zu erkennen, dass Frauen zu mehr fähig sind, als ihnen gemeinhin zugetraut und zugestanden wird, und Männern das Gefühl zu geben, dass es vollkommen okay ist, wenn sie nicht immer schon Polizist werden wollten, oder Feuerwehrmann, oder mit Überlebensmessern durch den Busch hirschen. Und "Paul Janson" sagt ja: "Oder würden Sie bspw. einer menstruierenden Hillary Clinton mit gutem Gewissen die größte Atomstreitmacht anvertrauen?" Und ich? Ich sage: Wenn das einzige, was dagegen spricht, ihre Monatsblutung ist, scheiße, ja!
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