Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele
Ich habe nachgedacht. Wenn ich die Wahl hab zwischen Abwasch und Kolumne brauch ich keinen Krisenstab einzuberufen, um zu einer Antwort zu gelangen. Da bin ich spontan und sag: Geschrieben wird! Keine Frage! Weil wenn eine gesamte Familie zu Besuch war, macht das mehr Arbeit als für eine/n allein. Nun trocknet also der Kaffee ein in den Häferln und vielleicht gefriert mir auch die Tomatensauce auf den Tellern, dann kann ich wieder schrubben später, bis mir die Finger bluten (weil fürs Schrubben bin ich zuständig, der Ro--, der spült), aber jetzt juckt mich diese Aussicht erst mal gar nicht. Hätt ich eine Lampe zu montieren, dann, ja dann, vielleicht, tät ich jetzt ein bisschen mit Strom spielen, aber die Kabel hab ich gestern befestigt und für die restlichen Zimmer fehlen mir die Klemmen, Kabel hätt ich ja. Also Kolumne. Wär mir das Stichsägeblatt nicht abgebrochen, als ich die Kommode für unseren 1-Meter-Gang zurechtschnitt, würd ich, womoglich, auch ein weiteres Mobelstück finden, das dringend mal gestutzt werden müsste, aber so ... Kolumne also. Da sitz ich, der Kaffee trocknet ein, die Tomatensauce setzt an, ich weiß noch nicht, worum's heut gehen wird und SO KANN ICH NICHT ARBEITEN!
Weil die gemeine Stubenfliege mich attackiert nämlich, als hätt ich ihr Übles getan! Ja geradezu in mich reinkriechen will sie, wie's scheint! Irgendein Loch sucht sie, wo sie reinpasst in mich. Nur gut, dass ich nicht die Angewohnheit hab, die Kolumne nackt zu schreiben, denn sonst ... Leihmutter wär ich, und zwar schneller, als ich schauen kann. Nase und Ohren? Auf diese Idee ist die Fliege - die mittlerweile im penetranten Doppelpack um mich herum schwirrt - noch nicht gekommen, und den Mund, den halt ich sowieso geschlossen. Ingresso vietato! Eintritt verboten! Müde bin ich, mich dürstet nach Bewegung und draußen scheint die Sonne, die mich in der Wohnung wenigstens auch noch etwas streift. Ansonsten: Alles beim Alten. Olympia gibt Grund zur Freude, denn das Unwetter wurde eroffnungsbedingt mit Raketen umgeleitet und unsere Schwimmerin Mirna Jukic hat es ins Semifinale geschafft. Für den Schwiegermuttertraum Rogan ist auch noch Hoffnung. Jedenfalls mit Stichtag Sonntag. Aber eigentlich eh wurscht. Weil wenn's den Schihengst Hermann Maier in Nagano überschlägt, ist das blod für ihn, juckt mich aber nicht so sehr, und ein Österreich-Sieg in Peking macht die Welt auch nicht besser. Die ÖVP denkt trotzdem, ihre FPÖ-look-alike-Wahlkampagne wär wunderbar, ganz wunderbar, und Haider ist immer noch schon wieder BZÖ-Chef. Und die FPÖ? Rechts wie immer. Warnen in Pressemeldungen vor Masseneinwanderung. Denn wenn erst einmal der Faymann kommt, dann kommen sie alle, und also kommen sie und helfen uns und warnen uns und schüren sie, die kollektive Angst vor der dritten Türkenbelagerung, denn 325 Jahre später ist die zweite noch immer nicht verdaut, aber Verdauung braucht Zeit.
Die Fellner Uschi hingegen schreibt einmal wenigstens etwas, das die Welt tatsächlich braucht. In ihrer Super-Dooper-Denk-Kolumne stellt sie nach, wie sie sich vorstellt, dass sich Modesaison für Modesaison die "Trend-Experten-Mafia" hinter verschlossenen Türen heimlich berät. Sie malt ein Szenario, in welchem der "Vertreter Frankreichs", der "Vertreter Italiens", der "Vertreter Japans", der "Vertreter der USA" und jener Südamerikas Hauptrollen spielen und die "Assistentin" den Vertretern Kaffee kocht und den Schnauzbart bürstet. Weil so ist das auch im echten Leben, davon konnen wir lernen: Ganz oben, da wird die Luft dünn, da kommen Frauen nicht hin, da müssen Fachmänner ran, also Männer vom Fach. Und die Venus von Willendorf, die wurde hundert. Auch kein schlechtes Alter. Da wurde zur Feier glatt ein Motto-Fest geschmissen, nämlich eins "für die starke Lady". Irgendwie ladylike, das ganze, aber wenn's gefällt. Und "mit knapp 67 Jahren (die man ihr nicht ansieht)" wird irgendeine Chefin von irgendeinem Großkonzern in irgendeinem Blatt beschrieben. "Die Dame mit der wasserstoffblonden Mähne" arbeitet von Deutschland aus, wo sie wohnt, seit sie - "Traumhochzeit" - ihr Medizinstudium in Österreich abbrach, um einen "24 Jahre älteren schwerreichen Industriellen" zu ehelichen und ihn zu lieben und zu ehren und ihm zu folgen, wohin ihn seine Geschäfte auch führen mogen. Soviel zu Frauenkarrieren.
Ein Wort zu den Männern und der Rest ist Schweigen: Männer sind im Optimalfall reich, besitzen Eigentumswohnungen am See, fahren große Autos und trainieren. Oder: Sind reich, besitzen Eigentumswohnungen am See, fahren kleine Autos ohne Dach und haben ein Baucherl, was soll’s. Wichtig ist, was er in der Hose hat, vor allem aber: auf dem Konto. Damit's bei Bedarf für ein teures Geschenk reicht. Und zum Reichtum gilt zu sagen, dass im Jahr 2007 - osterreichweit - "allein 77.700 MillionärInnen" registriert gewesen waren und diese heißen und hießen - international gesehen - Ingvar, Christian, Bill, Karl, Dietrich, Arnold, Warren, Frank, Aristoteles. Und auch Heidi. Doch Heidi ist eine Millionärin, die nicht durch ihrer Hände Arbeit zu Geld kam, sondern: "Mit 19 Jahren ließ sie sich in Velden von einem netten älteren Herren ansprechen. Da nicht anzunehmen ist, dass Helmut Horten mit seinen fast fünfzig Jahren die 19-jährige Wienerin mit seinem tollen Aussehen betort hat, müssen es wohl die ‚inneren Werte' gewesen sein, von denen Heidi sich beeindrucken ließ. Diese Charakterstärke und der Blick fürs Wesentliche machten sich bezahlt: Das Vermogen von Heidi Horten, geborene Jelinek, wird heute auf 3,5 Milliarden Euro geschätzt - auch eine Form von 'Selfmade'."
Und Olympia war eigentlich frauenfrei. Der Gründer Pierre de Coubertin wollte 1896 das antike Griechenland wiederauferstehen sehen, mit all seinem herrlichen Sportsgeist. Und damals hatten Frauen keinen Bürgerstatus inne, so verwundert es auch nicht, dass sie nicht als Sportler zugelassen waren. Äh, Bürger- und Sportlerinnen. Im Jahr 1900 waren dennoch zwei Prozent Frauen an Olympia beteiligt. De Coubertin tobte, "der Kampf gebührt dem Mann", doch der Frauen wurden mehr. Jetzt, in Peking, sind's, Zahlen zufolge, 4.035 Frauen von insgesamt 10.500 Beteiligten. 2012 wird mit optimistischen Halbe-Halbe gerechnet. Die Zeiten, als auf Begründungen wie: "Der Kampf verzerrt das Mädchenantlitz, er gibt der anmutigen weiblichen Bewegung einen harten, männlichen Ton. Er lässt die Grazie verschwinden, mit einem Wort: Er wirkt beim Weibe unschon", wie es ein Präsident der Olympischen Spiele in den 1920er Jahren formulierte, kratzt heut keine Sau mehr. Oder? Dass Frauen, die Sport betreiben, immer mit "Seht her! Wahnsinn! Trotzdem weiblich! Hallelujah!" vermarktet werden, ist purer Zufall.
So wie es auch Zufall ist, dass Frauen im Verhältnis zu Männern hohere Schuhe tragen, was umgekehrt nur der Fall ist wenn ... ganz reeecht, eeeh schon wissen. Ein Zufall? Und dann, dann kriegen sie's mit den Blasen auf den Füßen. Auch das: Ein Zufall. Ein Los aber auch. Mit diesem müssen sie leben. Dagegen gibt's Blasenpflaster im Drogeriemarkt und für jedes Problem eine Losung. Irgendwie ladylike, das ganze, aber wenn's gefällt. Und eine Kulturwissenschaftlerin hat herausgefunden, dass - und nun haltet euch fest! - Stockelschuhe zum weiblichen Balzverhalten gehoren so wie Kraftdemonstration und Prahlen mit der beruflichen Position zum männlichen. Und der Ro-- sagt ja: "Mit hohen Schuhen für die eine Partei ist gleich einmal der Gang genormt für beide Parteien." Und ich? Ich sage: Früher trug ich Plateau, heute trag ich Birkenstock, das macht mich nicht zu einem schlechteren Menschen, sondern zu einem entspannteren.
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Am Fuße des Olymp