Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele
Ciao a tutti. Ich habe nachgedacht. Italienisch lernen ist mal was anderes. Jedenfalls für mich, die noch nie irgendeine Sprache außer ein Oberländer Vorarlbergisch und dessen großen Bruder Standarddeutsch sprach, und ein bisschen billiges Englisch mit hoher verbaler Fehlerquote. Für mich also ist jetzt angedacht, meine Grenzen zu erweitern. Bei einem namhaften Internet-Allesvertreiber habe ich stante pede Buch mit CD für "Italienisch in 4 Wochen" gekauft und bin jetzt guter Dinge. Und einen italienischen Zögling habe ich womöglich auch bald. Dem bringe ich dann perfektes Deutsch bei und erhoffe mir italienische Nebenwirkungen. Der Ge-- sagt, es kann nie schaden, die Sprache des Feindes zu verstehen, und meint damit il presidente Berlusconi. Nach Venedig fliegen wir trotz Feindschaft im Feber nächsten Jahres via aeroflotto, weil mit creditcarto ist so eine Reise sogar mit Pyjama und Morgenmundgeruch schnell gebucht.
Und um auf Feindschaft zurück zu kommen: Eine Person hat sich mich zur Feindin gemacht, letzte Woche und vor der Börse. Bei Überquerung des Rings (der - mamma mia! - ab Oktober übrigens keine Straßenbahn-Ringrunden mehr kennen wird) stieß ich fast mit einem Auto zusammen, oder es mit mir, was im Ernstfall durchaus ins Auge gegangen wär, weil doch das Auto um Längen stärker als ich mit Rad. Aber so ist das im Stadtverkehr. Es überleben die Starken. Die Schwachen werden aussortiert. Bei so viel Augenscheinlichkeit Darwin einzuwerfen als Stichwort, wär jetzt echt billig und eben deshalb tu ich's auch nicht, no. Kurzum: Einen Zusammenprall hätt's fast gegeben und das, obwohl ich auf meinem hinteren Radkorb eine "Überholen nur bei ausreichend viel Platz gestattet"-Botschaft angebracht hatte, auf dass mir keine/r in den Arsch fahre.
Beim nächsten Rot stellte ich mich mit der Botschaft im Rücken vor das Auto, um ihm die Chance zu geben, den Fehler von der vorigen Ampel einzugestehen, doch beim Anfahren wollte es mich erst recht niederfahren, also schritten wir zur Direktkonversation: Der Fahrer kurbelte das Fenster runter (es ist anzunehmen elektronisch) und fragte höflich, ob ich denn nicht die Straße räumen könne für seinereins, und ich brüllte genauso auserwählt höflich und meine Strategie erklärend zurück: "DAS WAR FÜR VORHIN!" und schob, als ich mir meines Gegenübers gewahr wurde, ein "HERR LUGNER!" hinterher. Denn Signore baumaestro Riccardo Lugner wars, der hier mit jung und blond am Nebensitz auf Lustfahrt war und mich gnadenlos zusammengefahren hätte, wenn's nicht anders gekommen wär.
Und selbst wenn ich per Fußtaxi unterwegs bin, werde ich niedergefahren von bei grün rechts Abbiegenden am Gürtel, der ja eine gewisse Pferdestärke provoziert, was mich auch regelmäßig zittern macht, ob ich die nächste Ampel noch erleben werde. Und genau aus diesen Gründen bin ich gegen rechts abbiegen bei rot, wie es die ÖVP als Vertreterin der Stärkeren gerne propagiert, wo's doch nicht einmal bei grün funktioniert ohne Schaden anzurichten. Und apropos ÖVP. Deren Nationalratsabgeordnete Silvia Fuhrmann ist ja eine Frau, in deren Leben ihr - klopf auf Holz! - Geschlecht noch nie nicht keine Rolle gespielt hat, "weder positiv noch negativ", no. Und sie selbst ist auch "nicht fokussiert darauf". [Weil] man darf nicht in die Falle der selbsterfüllenden Prophezeiung tappen", dann, ja dann wird alles gut, so Fuhrmann das Gesetz des Universums aus ihrem Handteller lesend. Klingt ja fast esoterisch. Irgendwie. Damit könnte sie noch mal Geld machen. Irgendwann. Nach der Politik zum Beispiel. Und die Wiener Altschriftstellerin Friederike Mayröcker sagt über die Sitte des aufs Holz Klopfens: "es ist seltsam, es ist das Gegenteil von Verwünschungen".
Silvia Fuhrmann also meint in einem zuletzt erschienen Interview mit "Der Standard" weiters, dass bei ihrer Muttergeneration ja Aufstand und Rebellion noch gerechtfertigt gewesen seien, "da war das notwendig. Aber jetzt, wo Männer genauso kochen können wie Frauen, wo Männer genauso den Geschirrspüler einräumen wie Frauen," kenne sie "keine Burschen, die sich erwarten, dass die Frau zuhause bleibt und kocht [...]." Und die Ti-- hat kurz vor Ende der ersten Karenz im Büro angerufen und gesagt: "Ich komme." Und der Chef hat gefragt: "Und was passiert mit dem zweiten Kind?" Und die Ti-- hat gesagt: "Jetzt geht der Ste-- in Karenz." Und der Chef hat gesagt: "Und? Das? Tut? Er?"
Und Männer, die gern tanzen sind rar gesät, Frauen, die im Bad länger brauchen, hingegen nicht. Und manchmal gibt es Situationen, wo mir nicht einmal die Rollenzuschreibung die Haare aufstellt, sondern die dienstbereite Belebung und Ritualisierung dieser Rollen. Kein Platz für Rebellion und Aufstand. Und während Väterkarenz bisher nur im niederen einstelligen Bereich funktioniert, wird das Bankraubgewerbe mehr und mehr von Frauen eingenommen. Na wenigstens! Denn die Zeitung brachte vor kurzer Zeit noch für die Umkehrung der gender-Rollen durchaus interessante Artikel über "Frauenraube". Interessant deshalb, da ja bisher die Täter immer männlich waren. Jetzt aber kommt sie, die "Pistolen-Braut", die "Lady in Black", die "stilecht" mit Handtasche mordet und brandschatzt. Von 34 solcher Taten werden bereits zwei von Frauen begangen. Die Welt steht nicht mehr lang! Und was sagt der Ermittlungsexperte? "Dass eine Frau eine Bank überfällt ist ungewöhnlich. Dieses Delikt ist eine typische Form von Gewaltkriminalität und daher eindeutig Männern zuzuordnen. [...] Das Motiv kann eigentlich nur große Geldnot gewesen sein, also eine Verzweiflungstat."
Ich bin froh, dass es noch Menschen gibt, die die Welt mit anderen Augen sehen. Wenn mir der Ermittlungsexperte nicht vordenken würde, dass Männer ob Gewaltbereitschaft Banken überfallen, Frauen weil sie das Geld brauchen, ich wüsst es nicht. Aber vielleicht hat die Innenministerin Maria Fekter was dazu zu sagen? Etwas wie deren "kriminelle Energie" muss "aus dem Land entfernt werden, keine Frage", zum Beispiel. Oder "solche Elemente" haben "hier nichts verloren", als anderes Beispiel. Denn mit solcher verbaler Strenge ("kriminellen") AsylwerberInnen gegenüber gibt sich Fekter interview- und wahlkampfbedingt. Mit diesem Menschenunrechtsvokabular ist die Heldinnenzeit von letzter Woche vorüber. Doch vielleicht wollte sie sich ja auch nur nicht "an der Nase herumführen" lassen. Und der Ro-- sagt ja: "Rituale halten die Welt am Laufen." Und ich? Ich sage: Rebellion ist die andere Alternative.
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