Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele
Ich habe nachgedacht. Eigentlich war ich letztens noch mitten im Gespräch, als ich mich ob der Sorge um meine CHiLLi-LektorInnen bemüßigt fühlte, der Kolumne bei Zeile neuntausendneunhundert und neunundneunzig doch noch einen Riegel vorzuschieben. Weil mit Überlänge ist ein Sympathiebonus schnell mal verspielt. Außer bei Männern in Pornos und anderen Schlafzimmern, wo quantitative Repräsentation einem Tor und Tür öffnet. Doch ist diese Kolumne kein Porno und falls das entgegen meiner wöchentlichen Zeichensetzung doch irgendwann irgendwer gemeint haben sollte, ist jetzt wohl der richtige Zeitpunkt, um eventuelle BlindgängerInnen höflichst von hinten anzutippen und zu sagen: Es hat mich extraordinairement gefreut, doch Sie sind hier, pardon, im falschen Film - auch wenn die Bildleiste heut was anderes vermuten lässt.
Denn um auf Zeile neuntausendneunhundert und neunundneunzig zurück zu kommen: Da beendete ich meinen wöchentlichen Schreibausfluss mit einem Verweis auf die Weiblichkeit, von der alle immer denken, sie wüssten genau, was es damit auf sich hat, was, seien wir uns ehrlich, allen doch mal aus den Ohren rausstauben müsst vor lauter antiquiert und falscher Film. Recht machen kann's mir nur eine: Sigrid Weigel, deren in den 1980ern erschienener Artikel das Weiblichkeitsding streng durchleuchtet, was trotz des mittlerweile auch schon überholten Geburtsdatums dieses Ansatzes immer noch - ich bin so kühn, es zu sagen - topaktuell ist. Denn sie behauptet:
"Weiblichkeit ist eine Abstraktion." Und ich behaupte: Recht hat sie. Denn wer "weiblich" sagt, muss auch Historie sagen, und Verpflichtung, und der Mensch ist ein Gewohnheitstier auch. So verlangt Weigel: "Wir sollten da genauer sein", womit sie meint: weiblich ist nicht weiblich, sondern ideologisch, oder empirisch, oder utopisch weiblich, womit sie meint: Die Weiblichkeit als ideologische Größe im Sinne von "Was will der Mann von der Frau, dass sie ist?" Die Weiblichkeit als empirische Größe im Sinne von "Was sagt die Sozialgeschichte über der Frauen Erfahrung und Ausdrucksformen?" Und Weiblichkeit als utopische Größe im Sinne von "die Frau" kann sich endlich auch mal nicht mehr in Abhängigkeit, ganz ohne Bezug auf den Mann und selbst definieren. Nun mag das zwar besser als die anderen aber perfekt immer noch nicht klingen, hat‘s doch ne Utopie an sich, eher nicht einzutreffen, doch ist Weigels Ausdifferenzierung auch für Literatur gedacht und bewegt sich sowieso in einem die Fiktion beschreibenden System und nicht in einem die reale Gesellschaft verändernden.
Doch sei es, wie es sei, "Weiblichkeit" ist nicht vorrangig ein Zustand, sondern eine Zuschreibung, und schön illustrieren würd das jetzt ein Comic von Bini Adamczak, doch hängt dieses schon auf unserer Klotür und so eine Klotür lässt sich nur schwer in den Scanner legen, wenn der Scanner im Büro ist, wo es einen eher seltsamen Eindruck hinterlassen würde, käme ich mit einer ganzen hölzernen Tür angeritten. Daher sei das Comic hier unkompliziert als Dramolett wiedergekaut und es werde mir Glauben geschenkt, wenn ich sag, es ist wirklich superbst gezeichnet, wirklich superbst, und das Comic als Dramolett geht so:
Zwei Frauen sitzen gelangweilt herum.
"say, why do you wear women's clothes?", fragt da die eine ganz ausm Blauen heraus.
Lange Pause, Telleraugen. Hat die Gefragte auch keine Antwort, aber eine Gegenfrage dafür sehr wohl:
"and you?"
Lange Pause, Telleraugen. Hat die Fragestellerin nach einer Denkpause einen Geistesblitz:
"because I am a woman."
"and why do you eat so much?" geht die Fragerei nach der Erleuchtung von vorne los.
"cause i'm so big."
"and why do you earn so much money?"
"because i am rich."
Verblüffung. Lange Pause. Telleraugen.
Bezüglich der Telleraugen-Metapher ist von einer Tradierung eigentlich abzuraten, denn was der Kärntner Landsmann Haider mal im Mund hatte, sollte nicht vermehrt und in die Welt getragen werden. Doch finde ich "Telleraugen" noch besser als "Augen, dass du denkst Vollmonde" und zudem neutral. Weniger neutral aber als das Bezeichnende war das Bezeichnete. Denn als Jörg Haider letztens AsylwerberInnen nach Traiskirchen in Niederösterreich chauffieren ließ, tat er dies mit bestem Wissen und Gewissen und um sie den Kärntnern und Kärntnerinnen vom Hals zu schaffen. Weil Urlaub bei Freunden? Is nicht drin im Landesbudget. Und als die neue Innenministerin Maria Fekter dem Landeshauptmann das nicht durchgehen ließ, schimpfte der: Die "Frau Innenminister ... diese Asylanten-Mizzi", die, die hat ihm jetzt den ganzen Spaß vereitelt.
Eine Politikerin "Mizzi" zu schimpfen ist mitnichten geschlechtsneutral, sondern zielt aufs Frausein ab. Denn eine Mizzi klingt ja schon geistig eher minderbemittelt, zumindest politisch, oder wirtschaftlich, oder technisch unfähig, hingegen in der Pädagogik kann das Frausein nur von Nutzen sein, dafür steht der Eierstock ein, der jede Aktion in Sachen Kind von Natur aus veredelt. Und die "Fekter-Mizzi" hat also das (männliche) Prinzip Politik nicht verstanden, das macht Haider mit sexistischem Kosenamen klar. Und die Zeitung, die wie unser und nur unser Land heißt, schreibt in seiner Headline auch gleich Geschlechterrollen fest: "Fekter stoppt Haiders 'Rambo'-Abschiebung" ist da zu lesen und Rambo ist ja nun nichts anderes als Mizzi, nur seitenverkehrt und mit Patronengürtel.
Und das Webmail-Portal "gmx" weiß zu Weiblichkeit auch immer was beizutragen, sei es "Warum Frauen nicht einparken können" oder "10 Dinge die man einer Frau nicht sagen sollte", hier wird Hilfe geleistet, sprich Webtherapie. Wer keine Zeit hat für ausführlich recherchierte Artikel - meine Witze waren auch schon mal besser -, der und die kann sich durch Fotogalerien mit Bildunterschriften durchklicken, sprich Surfen für Gestresste. Und in Sachen Weiblichkeit gibt's jetzt erste Ergebnisse: Wer schöne Brüste hat, ist ein Weib, wer die schönsten Brüste hat, ein Vollweib. Beyoncé Knowles eröffnet das große Busenranking auf dem für sie doch eher ungewöhnlich schlechten zehnten Platz. Vor ihr Jennifer Aniston auf dem achten, die von der "gmx"-Redaktion mit "Beug dich ruhig noch ein bisschen weiter nach vorne, Jennifer..."-Rufen in der Bildunterschrift angefeuert wird.
"Wer Brüste bewerten will, kommt an denen von Carmen Electra", die es zumindest auf den - nicht Fisch, nicht Fleisch - fünften Platz geschafft hat, "einfach nicht vorbei". Auf dem vierten legt ihr "Straff, straffer, Johansson" aber an Busendichte was vor. Und auf dem ersten Platz hat es sich eine gemütlich gemacht, die zwar zwei Ohren, zwei Augen und zwei Brüste hat, jedoch auch mit nur letzterem Paar das Auslangen fände, denn "Na? Sind Ihnen Jessica Simpsons Augen auch als erstes aufgefallen? Weil das einfach nie passiert, gibt's den ersten Platz". Und der Bleistifttest besagt, wer Hängebusen hat, wer nicht. Und Adi Weiss, Modechef der Zeitung, die wie unser Land heißt, steht "auf Ketten und Rosenkränze, weil das können auch Männer tragen", jawohl. Ich meine, da kann nur noch eines helfen: die Tür aus den Angeln, hinein in ein Kuvert und zu Handen Herrn Weiss, auf dass er was lerne über das Leben. Und der Ro-- sagt ja: Für dein Engagement hättest du dir die Bert-Brecht-Medaille verdient. Und ich? Ich sage: Mizzen sind weiblich, Ramben sind männlich und die Natur kann da auch nichts dafür.
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Mizzen sind weiblich, Ramben wohl nicht