Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele
Ich habe nachgedacht. Bei Erscheinen dieser Kolumne werde ich bereits auf dem Patti Smith-Konzert gewesen und selig sein, mindestens bis September, dann kommt der neue "Herr Lehmann" in die Buchläden und die Seligkeit geht von vorne los, das Leben ist schön! Doch so gut geht's mir nicht immer. Im Grunde bin ich meist ziemlich unselig. Weil ich keinen Schritt tun kann, ohne genervt zu sein nämlich. Aber wenn's doch wahr ist! Zum Beispiel derzeit in Wien: Überall schauen mir diese bunt leuchtenden Frauen von Citylights entgegen und eigentlich ist's immer dieselbe: Eine in Wien und Venedig (ach, Venedig!) lebende Künstlerin namens Irene Andessner, die derzeit mit Wiener Frauen auf die Straßen geht. Bertha von Suttner, ja fein, okay, das hab ich verstanden. Aber Emilie Flöge? Die war doch bloß Klimts Geliebte. Und Katharina Schratt? Jene des Kaisers Franz Joseph, Gott hab ihn selig!
Weil um auf die Wiener Frauen zurück zu kommen: Das war mein und Ro--s erster Gedanke, als wir dieser ansichtig wurden inmitten der Straßen der sommerlich schwülen Donaumetropole. Eine Künstlerin schlüpft in einer inszenierten Fotoporträtserie in verschiedene historische Frauenfiguren und nennt diese öffentliche Ausstellung dann "Wiener Frauen". "Was haben die schon groß geleistet?" frag ich den Ro-- und er, dem die Sache genau so wenig schmeckte wie mir, antwortete (nicht ganz ins Blaue geraten): "Sie waren wohl Frauen berühmter Männer." Aber das kann doch nicht der Grund sein, ganz Wien damit zu plakatieren, dachte ich, hab mich zu dieser Kunst im öffentlichen Raum schlau gemacht und siehe da: geläutert bin ich, schon wieder still, und das Leben ist schön. Denn was ich nicht wusste: Diese Frauen sind tatsächlich auch nicht bloß Frauen von Männern, allesamt hatten sie selbst auch was aufm Kasten. Weil sieh her:
Zum Beispiel Emilie Flöge: war eben nicht nur rotschopfiges Klimt-Anhängsel und Bildmotiv, sondern übte tatsächlich auch selbst einen Beruf aus: Modeschöpferin war sie und betrieb mit ihren Schwestern den Modesalon (und Frauenbetrieb) "Schwestern Flöge". Und Katharina Schratt: War eben nicht nur des Kaisers Liebchen, auch war sie Schauspielerin, spielte in Wien, Berlin, Sankt Petersburg, New York. Oder Alice Schalek (Pseudonym: Paul Michaely): war Fotografin, Reisejournalistin und erste weibliche Kriegsberichterstatterin. Bertha Pappenheim (Pseudonym: Paul Berthold): Übersetzt die frühe feministische Schrift "A Vindication of the Rights of Woman", Reaktion Mary Wollstonecrafts (übrigens Mutter der "Frankenstein"-Autorin Mary Shelley) auf die Aussparung von Frauen aus (männlichen) Bildungsfragen, veröffentlicht außerdem bereits 1930 eine Studie über Mädchenhandel und Prostitution und nennt "Ausbildung zur beruflichen Eigenständigkeit statt Vorbereitung auf spätere Verheiratung" ihr Programm. Alles Frauen, die entweder gänzlich unbekannt oder nur als Männermusen bekannt sind.
So auch der Welt Schönste, Hedy Lamarr: Schauspielerin und - Überraschung! - Erfinderin. Sie spielte die erste Nackt-Filmszene überhaupt, was jetzt kein Grund zum Freuen ist, aus heutiger feministischer Sicht, aber für damalige Verhältnisse doch eine gewisse Schamlosigkeit beanspruchte, und Schamlosigkeit? Bitte gerne! Als Gesicht für Parfums, Make-up, Soda oder Zigaretten oder als Vorbild für "Catwoman" macht sie (außer äußerlich) wieder nicht so viel her, aber eben als (Mit-) Erfinderin des Frequenzsprungverfahrens, welches in den 1940ern zur abhörsicheren Kommunikation verwendet und bis heute für Bluetooth oder WLAN eingesetzt wird, wieder wohl. Ihre Asche wurde 2005 übrigens über den Wienerwald gestreut und ich komme nicht umhin, dabei an den wunderbaren Film "The Big Lebowski" zu denken und zu schmunzeln, doch das nur als Bemerkung am Rande und eigentlich gänzlich verzichtbar.
Und auch Gina Kaus (Pseudonym: Andreas Eckbrecht), erfolgreiche Schriftstellerin und quasi Flüchtlingshelferin für von den Nazis Vertriebene wie Bert Brecht und Helene Weigel (die - zumindest in Michael Lentz' Roman "Pazifik Exil" - an Brecht schreibt, dass sie mehr sei, als sie lebe). Ähnlich Irene Harand, welche die "Weltbewegung gegen Rassenhass und Menschennot" gründet, in ihrer wöchentlich erscheinenden Zeitung "Gerechtigkeit" über die Hetze hinter der Propaganda des NS-Staates berichtet, die sich mit "Sein Kampf. Antwort an Hitler" zu Wort meldet und damit ein Kopfgeld auf ihre Person und eine Bücherverbrennung in Salzburg provoziert.
Solche Frauenbeispiele und Beispielfrauen machen deutlich: Es gibt keinen Grund, wieso immer nur die Männer bekannt sein sollten und berühmt. Und erst Recht gibt es keinen Grund, Frauen im Stand der Muse (und Mutter) auf ewig klein zu halten, sie nur das Coaching der Männer übernehmen zu lassen, anstatt auch mal ihr eigenes. Zu dieser Ausstellung, die mit zirka vierhundert Citylight-Plakatstellen über ganz Wien verteilt ist, auf dass die Stadt sich ihrer Frauen erinnere, gesellt sich auch ein Rahmenprogramm mit Vorträgen und Stadtrundgängen zu den ehemaligen Adressen der aus der Schublade gekramten und reanimierten Wienerinnen. Auf dem schwarzen Brett der Homepage können Interessierte und Begeisterte oder Kritische übrigens ihre Meinung zum Projekt posten. Und apropos Meinung posten: Belustigend ist, wenn auf diesem schwarzen Brett doch glatt einer postet, der zu wenig Aufmerksamkeit abbekam und dies jetzt nachholt. Denn die noblen Kohlmarkt-Geschäfte haben für die Frauenporträts ein paar Accessoires geliehen und der Sprecher dieser Kohlmarkt-Geschäfte will dies nun auch öffentlich gewürdigt wissen. Also spricht er in seinem Posting von "Flagshipstores", "modischen Luxusgütern" und davon, dass es ja wohl selbstverständlich gewesen sei, ganz selbstverständlich, den Frauenporträts ein bisschen Luxus aus den eigenen Geschäften zu borgen, galt es doch "den innovativen ‚Geist' der neu portraitierten Frauen in die heutige Zeit zu transformieren. Also ganz nach dem Motto: Wie würden sich diese Frauen heute wohl zeitgemäß kleiden?" Und also kleidete der Kohlmarkt diese Frauen modisch neu ein. Na ja, da hat wohl einer etwas falsch verstanden...
Fakt ist: Die Männer machen den Kanon. Das gilt für Literaturlisten genau so wie für Listen berühmter Persönlichkeiten. Und jetzt ist mit Irene Andessner, die in Wien lebt und in Venedig (ach, Venedig!), auch mal eine Frau dran. - Und was mich sonst noch so nervt, wenn ich nicht selig bin, fragt ihr? Zum Beispiel ein Griechenland-Werbeplakat am Michaelerplatz, wo ein Mann und eine Frau vor irgendwas Tollem stehen und die Frau niedlich zuhört, während der Mann mit heroisch ausgestrecktem Arm der Frau zeigt, was er zu zeigen hat. Ein Sujet mit genau diesem Aufbau sah ich letztens schon wo anders und ja, ich bin genervt, dass nicht auch mal die Frau dem Mann was zeigen darf. Und weiters bin ich genervt von Donna Leon, die ja, eher un-gute Literatur schreibt, die ich aber lesen muss, ja muss!, seit ich in Venedig war und mich verliebt habe, und letztens lese ich über ihren Commissario Brunetti, der gerade über Transvestiten philosophiert: "Aber diese Männer hatten sich [...] von Frauen ab- und den Körpern anderer Männer zugewandt." Ich meine hallo! Transvestiten sind nicht gleich schwul, können, müssen aber nicht. Und davon auszugehen, dass die Ausgangssituation für sexuelle Anziehung originär eine heterosexuelle ist, ist beschränkt, und hochmütig außerdem.
Und genervt bin ich auch, wenn ich mir in meiner Begeisterung ein "Leben in Venedig"-Buch kaufe und der Autor über Frauen und Kinder am sommerlichen Lido schreibt, und zwar so: "Während sich der eine oder andere verbliebene Opa zur Idylle dazugesellt, muß der Vater naturgemäß im Geschäft oder im Büro das Geld verdienen." Bitte was ist daran "naturgemäß"?! Ich plädiere für eine sensiblere Sprachverwendung! Und für Gehirnwäsche, wenn sich das Problem nicht anders lösen lässt! Und der Ro-- sagt ja: "Dass Frauen Sammlerinnen gewesen seien und Männer die Jäger ist sowieso der größte Scheiß, bloß glauben immer noch alle daran." Und ich? Ich sage: Liebe Frau Andessner, wenn Sie in Venedig eine Gesellschafterin brauchen, rufen! Sie! mich! an!
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Wiener Frauen
Irene Andessner
The Big Lebowski
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