gesellschaft – 08.07.2008
Zickenterror

Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele


Ich habe nachgedacht. Es hat mir sehr gemundet. So ein Bruschetta all'Aglio mit feurigem Chili kann schon was. Das brennt so richtig oag den Mund rein, den Hals runter und wenn es so weit ist, beim Arsch wieder raus. Aber bis dahin dauert's ein paar Tage, sich jetzt schon zu fürchten wär bös übertrieben. Und überhaupt: Knoblauchverzicht ist was für Tussen, die denken, sie könnten jederzeit nen Mann kennen lernen, weswegen stinken (ob von vorn oder hinten) nicht drin ist. "Tussi", übrigens, kennt mein Wörterbuch gar nicht. Dabei ist's ein 1.451 Seiten starker "Wahrig" aus 2000, und ich möchte wetten, dass die eine oder andere Tussi zu diesem Zeitpunkt bereits über unsere Erde wandelte, also auch lexikalisiert sein müsste, hat doch so ein Wörterbuch den Anspruch, die aktuelle Sprachwelt zu erfassen. Dafür kennt mein "Wahrig" das eher überflüssige und meinerseits noch nie irgendwo aufgeschnappte Wort "Tutel", was so viel bedeutet wie Vormundschaft. Dabei weiß ich schon jetzt, dass ich, wenn ich mal entmündigt werde, mit großer Wahrscheinlichkeit nicht durch die Gegend brüllen werde, dass ich unter jemandes Tutel steh, weil wie blöd klingt das denn!

Denn um auf Tussen zurück zu kommen: Es ist immer erhellend, zu sehen, was das Wörterbuch dazu zu sagen hat. Nun hab ja ich bei diesem Lexem aber gleich eine Enttäuschung erlebt, weil's das laut meinem "Wahrig" im Sprachgebrauch nicht gibt. Doch hätt ich auch eine Enttäuschung erlebt, wenn das Wort verzeichnet wär, denn ist das Wörterbuch der letzte Ort, der frei von Sexismus ist. Und Wörter wie Tussi, Zicke oder Blondine sind nur so durchtränkt von sexistischer Grundhaltung. Sitz ich übrigens in einem Gender-Kurs und erleb folgendes: Es gibt ja in jeder Gruppe von Leuten immer eine/n Schönste/n. In dieser Gruppe war es eine Studentin mit blauen Augen, langen blonden Haaren, schlank war sie sowieso, alles in allem und von der derzeit geltenden Ästhetik her gesehen: eine schöne Frau.

Doch haben es auch schöne Menschen nicht immer leicht. Schon etliche Wochen zuvor beobachtete ich ein paar Unstimmigkeiten zwischen der Schönen und ein paar anderen, in der letzten Kurseinheit dann dieses da: Die blonde Studentin geht früher, der Platz bleibt leer, eine aus der Gruppe fragt die anderen aus der Gruppe: "Na, wo ist denn unser Blondie?" Ganz klar eine rhetorische Frage. Und zwar eine, die nur darauf abzielte, der Blonden nachträglich noch eins auf den Deckel zu geben. Und wieso? Weil sie schön ist. Kann sie eigentlich auch nichts dafür, würd ich mal meinen, und solange nicht bewiesen ist, dass sie nicht nur schön, sondern auch ein Arschloch ist, gilt die Unschuldsvermutung. Doch so ist es: Selbst in den Gender Studies sind nicht alle hellhörig, was Geschlecht, Produkt und Tradierung angeht.

Zickenkriege solcher Art gehen auch im großen Stil: Als ich vergangenen Dienstag Alicens "Wellness-Feminismus"-Schimpfe unhöflich nannte, schob ich doch glatt ein nicht weniger unhöfliches "Lifestyle-Feminismus" meinerseits nach. Doch dahinter steh. Denn seit in den Medien von den "Neuen Feministinnen" die Rede ist und ich das "neu" mit dem "alt" verglich, kam ich zu dem Ergebnis: Der neue Feminismus ist ganz einfach salonfähig, medienfreundlich, hübsch und weniger - öhöm - bissig. Damit können die Leute. Doch aber nicht alle. Denn als ich Mittwochs mit einer 40-Seiten-Arbeit im Gepäck auf die Uni fuhr, um meinem Professor mit einem Augenzwinkern das Goldstück über den Tisch zu schieben, las ich vom ganzen Ausmaß der Katastrophe: In "EMMA", Alicens feministischer Monatskunde, prangte ein zweiseitiger Artikel über "Feminismus light", welcher mit freundlicher Genehmigung des Szenemagazins "NEON" nachgedruckt worden war, und der deshalb nachgedruckt worden war, weil er "EMMA" aus dem Mund spricht, und wieso spricht er "EMMA" aus dem Mund?

Weil die "Neuen Feministinnen" dort zur Schnecke gemacht werden, weil sie ja nur Spaß im Kopf haben und - huch! - auch noch Minirock tragen. Das mit dem Minirock ist so eine Sache, auf die könnt ich im Sommer mal zurück kommen, aber was da abgeht zwischen den Fronten alt und jung, das geht - so bäurisch würd's meine Mutter sagen - auf keine Kuhhaut. Die Große (Alice Schwarzer) macht sich vor einem mehrere hundert Leute großen (Preisverleihungs-) Publikum über die Kleinen lustig und die Kleinen (die "Alpha-Mädchen") reagieren vor einem mehrere tausend Leute großen (Presse-) Publikum mit scheinbar distanzierter Objektivität. Dazwischen: ein Graben. An beiden Enden: der Feminismus.

Ich seh die Sache ja so: Im Grunde wollen sie beide dasselbe. Die einen mit mehr Ernst an der Sache und klaren Forderungen, die anderen eher spaßig und mit lässigem Lebensgefühl. Aber das sind doch noch lange keine unüberbrückbaren Differenzen. Übrigens: Feminismus wird im Wörterbuch so lexikalisiert: "Fe/mi/nis/mus 1. weibliches Merkmal od. Verhalten beim Mann (bes. bei Homosexuellen) 2. Bewegung der Feministinnen". Und jetzt würd ich mal behaupten, dass es 1. eine Schweinerei ist, dass der Feminismus als Frauenbewegung erst nach einem Feminismus als männliches (Fehl-) Verhalten gereiht wird, und 2. dass diese (mir übrigens ganz neue) Art des "Feminismus" als angeblich männliches (Fehl-) Verhalten mit Fokus auf die Homos mir schon eher sauer aufstößt. Das Wörterbuch transportiert (weil Befragungsinstanz) und generiert (weil "Beweis"instanz) den ganz alltäglichen (Hetero-) Sexismus - "Duden", "Wahrig" und all den anderen würd ich ganz gern mal den Mund mit Seife waschen.

Und den Alpha-Mädchen, die sich beschweren auch schon "als Frauen nicht ernst genommen" worden zu sein, würde ich sagen: "Mädchen" haben's halt eher schwer in einer Männerwelt. Und so lustig das Wortspiel mit dem Alpha-Männchen auch ist, das Lexikon meint: "Mäd/chen Kind weibl. Geschlechts; Jugendliche; Angestellte für Hausarbeit; Freundin, Geliebte; junges, hübsches --, er kam mit seinem --". Und während es beim Mädchen also ums Alter, ums Aussehen und darum geht, dass ein Er sich wo mit seinem -- sehen lässt, meint das Lexikon: "Jun/ge Knabe, Gehilfe, Lehrling; Spielkarte; artiger, unartiger, ungezogener --; großer, kräftiger --; (mein) lieber --!". Von "sie kam mit ihrem --" keine Spur, und gäb's ne Spur, dann wohl nur die zur umsorgenden Mutter. Daher: 1. Revierstreitigkeiten und Zickenkrieg muss nicht sein. 2. Zickenkrieg, Tussi, Blondie (Karrierefrau, Fräuleinwunder, Stutenbissigkeit) et cetera sind Bezeichnungen, die in ihrer asymmetrischen Verwendung Sexismus pur transportieren. 3. Die So-- sagt "Natürlich bin ich eine Frau und kein Mädchen." Und der Ro-- sagt ja, er mag Listen. Und ich? Ich sage: Die Sprache macht Geschlechterpolitik.

Links dazu ...
Alpha-Mädchen
EMMA


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