gesellschaft – 24.06.2008
Kick it like Beckham?

Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele


Ich habe nachgedacht. Die Frau, das unbekannte Wesen. Um dem Geheimnis nachzuspüren, werden jede Menge Naturstudien in Form von Fotostrecken veröffentlicht. Immer und immer wieder. Derzeit höchst aktuell: Fotostrecken über Fußballerfrauen. Ja, ganz richtig. Die Frauen der Fußballer. Das nennen die Magazine dann "Puppen & Spieler" und "Ein Fest für die Augen: die Spielerfrauen der EM". Auf der Donauinsel aber, da wird Verzicht geübt in Sachen Fotografie, da ist der Spaß ganz anderer, tatsächlich sportlicher Art. Beim "Sexy Soccer 2008" wurden letztwöchig ein paar hübsche Luder akquiriert, in Deutsch und Heimisch aufgeteilt, bekamen ihr Dress kurzerhand via Bodypainting aufgemalt, waren sonst nackich bis auf den Muss-sein-Tanga, Österreich gewann 10:5 und das Publikum rekrutierte sich aus ehrlich sportbegeisterten Männern. Oder Medizinstudenten, quasi Anatomiestudie am bewegten Objekt.

Weil um auf Fußballerfrauen zurück zu kommen: Die richtigen, die gibt's schon auch. Also so ganz aktiv und echt am Ball. Aber eigentlich können Frauen gar nicht Fußball spielen. Und schön ausschauen tut Frauenfußball auch nicht. Langweilig ist's außerdem. Und unter uns: Fußballerinnen sind sowieso Lesben. Und wie schon Boris Becker über Steffi Graf sagte: "Sie spielt Damen-Tennis, ich spiele Tennis." Genau so verhält sich das zwischen Fußball und Frauenfußball. Oder Boxen und Gymnastik. Oder der Königsdisziplin und der Damenabfahrt. Sport ist gendered - und Fußball ist der Nationalsport der Männer. Durch eine aktive Teilnahme überschreiten Frauen eine Geschlechtergrenze, die so nicht freigegeben ist.

"Frauenfußball macht den Fußball kaputt!", meinte ein deutscher Fußballer 1986 und sagte damit eben das: Wenn Frauen das können, was Männer können, hart sein am Platz und gegen die Spieler(innen), ist das Tarzan-Gehabe nicht mehr länger aussagekräftig. So scheint es nur konsequent, dass Männern, die schlecht oder nicht hart genug spielen, ein "Du spielst ja wie ein Mädchen" an den Kopf geschmissen wird. Denn "das Treten ist spezifisch männlich", meinte ein Biologe und Anthropologe in den 1970ern und fügte hochintellektuell hinzu: "Ob darum allerdings das Getretenwerden weiblich ist, lass ich einmal dahin gestellt. Wenigstens aber ist das Nicht-Treten weiblich."

Dabei spielen Frauen Fußball seit 1863. Zumindest in englischen Schulen. Und bereits 1894 wurde das erste britische Fußballteam für Frauen gegründet, die "British Ladies". Während und nach dem Ersten Weltkrieg - als die klassische Rollenverteilung auf vielen Ebenen ausgehebelt wurde - erlebte Frauenfußball einen regelrechten Boom. Aber ähnlich, wie ab dem 18. Jahrhundert gefragt wurde "Ob die Weiber Menschen seyen?", drehte sich Anfang der 1920er alles um: "Sollen Frauen Fußball spielen?". Die englische Antwort hieß, nein, die Fußballstadien werden jetzt frauensicher gemacht, denn Fußball ist für Frauen "nicht geeignet und sollte deshalb nicht gefördert werden". Und auch hierzulande informierten die Zeitungen über den Stand der Dinge: "Wenn sich einmal die Weiber auch schon für den Fußball interessieren, dann ist es um diesen Sport geschehen, dann wird er versumpfen". Der Nationalsozialismus verbot Frauenfußball sowieso auch. Die Verbote wurden erst in den 1970ern aufgehoben, dann jedoch machten sich die Männer erst wieder ganz irre Gedanken. Zum Beispiel wurde über einen Brustschutz diskutiert, um die Primärfunktion der Frauen als Mütter nicht zu gefährden.

2011 wird nun die 6. Fußball-WM der Frauen ausgetragen und die Welt tut weiterhin, als würd's Frauenfußball nicht geben. Warum? Fehlende Stars, fehlendes Geld, keine Anerkennung, keine Medienpräsenz. Während 57 Prozent aller Buben Fußball spielen, werden nur sieben Prozent aller Mädchen dazu animiert. Logisch, dass es da mit Nachwuchs eher mau ausschaut. (Und Trainer-innen sind sowieso rar gesät.) Dabei nahmen die österreichischen Fußballerinnen im Jahr 2005 den 45. Platz in der Weltrangliste ein, die Männer dümpelten mit dem ungleich schlechteren 75. Platz etwas weiter hinten herum. Doch in globalisierten Sportsystemen zählt nicht der reale Erfolg, sondern der erwartbare, das massenmediale Verwertungspotenzial. Aus diesem Grund gibt's immer wieder auch ein paar motivierte Ideen, Frauenfußball attraktiver zu machen.

Der "Kournikova-Effekt", zum Beispiel, der könnte den Frauenfußball in eine höhere Liga katapultieren. 2004 hatte der FIFA-Präsident die sagenhafte Idee, Hotpants für Fußballerinnen einzuführen. Die US-Nationalspielerin Julie Foudy reagierte prompt mit dem Gegenvorschlag, er solle doch im Gegenzug seine Pressekonferenzen im Badeanzug geben. Dabei meinte es der Präsident ja gar nicht bös, woher denn! Die Idee hatte er sich doch bloß beim Beachvolleyball abgekupfert. Dort bestehen die Sponsoren auf viel Haut, und die Verbände haben reagiert, indem sie ein bauchfreies Oberteil und ein an den Seiten maximal vier Zentimeter breites Bikinihöschen zur Vorschrift machten. Um den Marktwert von Frauen voll auszuschöpfen, klar? Und während Männer als schweißgebadete Helden triumphieren, werden Frauen knapp bekleidet.

Solange sich vor einer Hautschau geziert wird, so lange werden die Gelder also eher langsam fließen. Für das Ressort Frauenfußball berappt der Österreichische Fußballbund zum Beispiel ganze 1,75 Prozent seines Gesamtbudgets. Und während der Fußballer laut einer Studie aus dem Jahr 2000 stolze 60.000 Euro verdient, erhält die Fußballerin für einen Sieg überschaubare 2.500. Der Vergleich macht's also möglich zu sagen: Die aufgrund ihres (des richtigen) Geschlechts höher bewertete Leistung der Männer steht erfolgreich der mit Hilfe der Ignoranz der Medien, der Funktionäre und ihrer Seilschaften, als auch der gläsernen Decke klein gehaltenen Frauen gegenüber. Ein Positivbeispiel, wo Frauen im Fußball doch auch mal was wert sind zur Abwechslung, wären die USA, wo 39 Prozent Profi-Fußballerinnen ganze (gemischtgeschlechtliche) Stadien füllen. Warum das drüben möglich ist und hüben nicht? Fußball ist nicht der AmerikanerInnen Nationalsportart, und das wirkt sich positiv auf seinen geschlechtlichen Bias aus, so schaut's aus. Und der Ro-- sagt ja: "Leider." Und ich? Sage: Ende.

Links dazu ...
ÖFB
US Soccer
FIFA Women's World Cup 2011



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