Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele
Ich habe nachgedacht. Es ging ja schon Wochen vor der EM damit los: "Fußball - so scharf wie noch nie" titelte zum Beispiel der Mobilfunkbetreiber Hutchison 3G auf 24-Bogen-Plakaten, sprich: riesig, und darauf zu sehen waren: Ein Tor, ein Rasen, ein paar Busenwunder. Und zwar etwas für jeden Geschmack: Blond, rot, braun, glatte Mähne, gelockte Mähne, jedenfalls aber Hotpants und Bikinioberteil. Weil entweder kommen die Frauen genau so auf den Rasen oder gar nicht. Das Plakat gewann irgendeinen lächerlichen Plakatwettbewerb weil Hingucker, wen wundert’s, und es wurde auch eine Homepage dazu eingerichtet, wo nach einem Klick auf den Infobutton "MobileTV" der Heißmacher "Schärfere Bälle haben Sie noch nie gesehen" erschien. Eindeutig zweideutig, die Werbung und ihre Branche hat’s wie immer voll heraußen.
Denn um auf so und nicht anders zurück zu kommen: Frauen sind im Fußball ja eher nicht zugelassen. Der Sexismus macht’s möglich. Als Spielerinnen, Vorstandsfrauen und Journalistinnen bilden sie die Ausnahme (vergleiche die Formel 1). Doch ist das Interesse an Fußball lange nicht exklusiv männlich. Es gibt sie, die Frauen, die sich auch für Fußball interessieren. Doch immer noch sind weibliche Fans deutlich unterrepräsentiert. Eine Studie über die Wiener Fußballfans von Rapid und Austria ergab, dass der Frauenanteil bei den unter 16-Jährigen bei vierzig Prozent liegt, eigentlich ein guter Schnitt. Doch je älter, desto größer das Mann/Frau-Gefälle: Nur 27 Prozent weibliche Fans sind es zum Beispiel bei den 17- bis 20-Jährigen. In England gibt es insgesamt zwischen 15 und 20 Prozent Stadionbesucherinnen und in Italien sind es noch weniger.
Das liegt an der Männlichkeit des Spiels? Anzunehmen. Denn Fußball ist eng verbunden mit dem Bild des starken Mannes. Und Schwule und Frauen gelten ja eher nicht als stark, und als Mann schon gar nicht. Der Historiker George L. Mosse klassifizierte den Sport - neben Schule und Militär - als wichtigstes Erziehungsinstrument des Bürgers zum Staatsbürger und Mann. Und auch der Soziologe Robert W. Connell definierte den Sport als einen der Hauptorte für die Definition von Männlichkeit. Bei einer Tagung zum Thema "Mann schafft. Frau spielt - Geschlechterkonstruktionen im Fußball" im April unterstrich der Männlichkeitsforscher Michael Meuser den Schulfußball als (einen) Beginn der Inszenierung von Männlichkeit. Denn Fußball dient hier explizit als Grenzziehung gegenüber den Mädchen.
"Zu sagen, dass Fußball männlich sei, ist das Gleiche, wie zu sagen, Frisbee ist ein Spiel für Hunde", schreibt sich dagegen eine Fußballspielerin einer israelischen Frauschaft ganz selbstverständlich in das "männliche" Feld Fußball ein. Doch betont eine Teamkollegin, dass sie sich, sobald sie das Spielfeld betrete, schon eher maskulin verhalte. Die Wahrheit liegt wohl, wie so oft, im Dazwischen. Zu sagen, Fußball sei männlich, bringt Mädchen und Frauen um die Partizipation an einer Sportart, die aufgrund soziokultureller Steuerung, und eben nicht originär bedingt, als männlich definiert wird. Die traditionell zugeschriebenen Geschlechterattribute von "aggressiv = männlich" und "harmonisierend = weiblich" kommen jedoch im Fußball stark zu tragen, denn Fußball ist kein Blümchensex. Um diesen (für die fußballbegeisterten Mädchen und Frauen) lähmenden Überbau los zu werden, ist es nötig, sich einen Fußballraum zu schaffen. Im besten Fall einen geschlechterheterogenen.
Doch ist eben da der sprichwörtliche Hund begraben. "Dass man irgendwann in ein ausverkauftes Stadion kommt und sich fragt, ob da jetzt wohl gerade Frauen oder Männer spielen - so weit wird es nicht kommen", sagt die ehemalige Bundesligaspielerin Tanja Walther. Erste Arschkarte: Die Prophezeiung lautet, dass es noch Lichtjahre dauern wird, bis sich die breite Öffentlichkeit für Frauen interessiert (sic!). Und eine Nationalmannschaft aus Männern und Frauen bestehend kann und will sich Walther auch gar nicht vorstellen, denn "es macht keinen Spaß gegen Männer zu spielen. Männer haben einfach mehr Muskelmasse und dieser physische Unterschied macht sich bemerkbar". Zweite Arschkarte: Auf dem Profispielfeld wird es - verständlich irgendwie - zu keiner Union kommen. Wie aber sieht es auf den Rängen aus? Dort müssen Frauen Rede und Antwort stehen. Vor allem was die Abseitsregel betrifft. Die wird - selbst wenn’s Männer geben sollte, welche die Regel (auch) nicht intus haben - für Frauen zum ersten Prüfstein für die Aufnahme in die Fußballwelt. Und der zweite?
Unterordnungs- und Anpassungsleistung. Eine Frau, die sich zur Wehr setzt gegen sexistische Fangesänge, Plakate oder Aufforderungen wie jene, dass sich (Spielerinnen und) Cheerleaderinnen "Ausziehen! Ausziehen!" sollen, hat unter den (meisten) männlichen Fans wohl keinen guten Stand und kann das Feld gleich räumen. In ihrem Buch "Watching the Boys Play. Frauen als Fußballfans" erklärt die Germanistin und Skandinavistin Nicole Selmer den Sexismus im Stadion als einen nahezu unsichtbaren. Die meisten Frauen reagieren auf sexistische Diskriminierung entweder ironisch gelassen oder sie nehmen die Diskriminierung gar nicht als solche wahr. Das erklärt Selmer vor allem damit, dass Frauen - im Unterschied zu Männern - ihre Rolle als "echter" Fan erst erarbeiten müssen und bei Ahndung von sexistischem Verhalten schnell Gefahr laufen, wieder aus der Fußballgemeinschaft verstoßen zu werden. "Mit dem Herunterspielen oder Akzeptieren frauenfeindlicher Verhaltensweisen treten weibliche Fans einen weiteren Beweis dafür an, dass sie auch als Frauen Teil der Männerwelt Fußball sind und deren Regeln akzeptieren."
Sexismus gehört also zum Fußballspaß dazu. Doch gibt es auch - ganz in der Tradition der Riot Grrrls - rebellistisches Potenzial. Bildung von Frauenfanclubs und deren - den Sexismus vorweggenommenen und sich somit angeeigneten - persiflierenden Selbstbezeichnungen wie jene der "TivoliTussen", "Uschifront", "Titten voraus" oder der "Hooligänse". Durch Gruppenbildungen dieser Art wird ein Sprechort eröffnet, "wo wir Mädels auch ohne hämisches Gelächter über ‚dat war doch niemals Abseits, die blöde Nuss von Schiri’ diskutieren" dürfen, so die TivoliTussen auf ihrer rosa Fanpage. Das Stereotyp der (fußballfremden) Tussi, das sonst als Exklusionsmechanismus funktioniert, wird auf diese Weise zu einer aktiven Teilhabe umfunktioniert.
"Kann dem Fußball der Sexismus ausgetrieben werden?" fragt die Wiener Stadtzeitung "Falter". Vielleicht kann die Frage mit dem Angebot Eva Kreiskys und Georg Spitalers aus ihrem Aufsatz "Geschlecht als fußballanalytische Kategorie" beantwortet werden: "Was spricht gegen einen gemeinsamen Kampf männlicher und weiblicher LiebhaberInnen des Spiels für demokratischen und offenen Fußball, der den Fans Raum für ihre Ausdrucksmittel, ihre Leidenschaft, Solidarität und kritische Kompetenz gibt, der sich aber von jener männlichen libido dominandi, dem Verlangen zu herrschen, verabschiedet, die mit fußballerischen Begleiterscheinungen wie Gewalt, Rassismus, Chauvinismus, Homophobie verbunden ist." Und der Ro-- sagt: "Fußball ist doch ein Spiel." Und ich? Ich sage: Das muss nämlich alles auch unter diesem Aspekt betrachtet werden.
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