gesellschaft – 10.06.2008
A-sy-lanten! A-sy-lanten!

Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele


Ich habe nachgedacht. Die Ka-- holte sich also die Lentz-Bücher und offenbarte: "Schwule Boybandmitglieder sehen auch Gelb-Rot." Nun hab ich mit solchen Codes ja gar kein Problem, nein, nicht die Bohne. Ich wusste sofort, sie denkt an Fußball, nur was genau sie denkt, das wusste ich dann doch nicht. Konnte ich auch nicht, denn hatte ich wie immer geschlafen, als es passierte: Im Jahr 2006 nämlich sperrte sich der Richie, ein Sängermitglied einer deutsch-amerikanischen Boyband, in einem Club mit einem Freund ins Klo ein. In der Nachbarkabine zückte einer das Handy und knipste über die Klowand hinweg einen zum Freund hin und hinunter gebückten Richie. Das Foto ging um die Welt und die Welt fragte sich: Ist denn der Richie schwul? Die Fans kreischten auf: "I LOVE YOU RICHIE! DIESE GERÜCHTE STIMMEN AUF KEINEN FALL!" "Ich bin der meinung richie ist nicht schwul! Ich liebe richie! Richie for ever!" "Richie ist ein ganz normaler Junge er ist nicht schwul!!!!" "Sowas darf man dem Fernsehen einfach nicht glauben. Ich hör auf mein Herz!"

Und der Richie, vollkommen verwickelt in seinen Band-Vertrag und den ganzen Heterosexismus der Musikbranche, beteuert: "Ich bin nicht schwul", und liefert eine Ich-war-besoffen-und-der-hat-mir-doch- nur-den-Kopf-beim-Kotzen-gehalten-Erklärung ab. Und dessen erinnerte sich also die Ka-- und wollte das zur letztwöchigen Kolumne einfach nur gesagt haben, dass eben nicht nur Fußballspieler nicht schwul sein dürfen, sondern eben auch Boybandmitglieder, dass nämlich auch die Gelb-Rot zu sehen kriegen, was dann bedeutet: Vom Platz, mein Lieber, Regelverstoß!

Weil um auf Gerüchte zurück zu kommen: Über mich wurde ja vor zig Jahren das Gerücht verbreitet, mein Vater wäre Türke. Als mir das zu Ohren kam, war meine einzige Befürchtung, das könnten Leute glauben. Also setzte ich mich mit "Neiiin! Mein Vater ist Voraaarlberger!"-Rufen zur Wehr, und ich war ein Kind und vom Land außerdem. Nun gibt's der Rassismen auch in der Stadt genug, keine Frage, worauf ich aber eigentlich hinaus will: Anstatt sich mit Klo-Kotz- und Heiles Land-Geschichten zu verteidigen, hätten ich und der Richie mit einem saloppen "Uuund?" reagieren sollen anstatt mit Rechtfertigung. Weil rechtfertigen sollen sich mal schön die Diskriminierenden, nicht die Diskriminierten.

Rassismus und Homophobie dienen der Erniedrigung derer, die als die anderen interpretiert werden. Und was im öffentlichen Raum gilt, potenziert sich im noch strikter heterosexuellen und monokulturellen Raum des Fußballs um ein Vielfaches. Während am Rasen alle Haut- und Haarfarben dem Ball nachlaufen, ist die Zuschauertribüne streng aussortiert: "Frauen und Migrant/innen sind auf den Rängen unterrepräsentiert, Schwule zumindest weitgehend unsichtbar", sagt Victoria Schwenzer in "Samstags im Reservat", einer Untersuchung über Rassismus, Homophobie und Sexismus im Fußballstadion. "Das prominenteste Beispiel für rassistisches Zuschauerverhalten im Fußballkontext sind die so genannten Affenrufe, mit denen schwarze Spieler europaweit diskriminiert werden", das ist die schlechte Nachricht.

Die gute Nachricht ist, dass auch ein Rückgang an rassistischen Diskriminierungen zu spüren ist. Denn je höher die Präsenz schwarzer Spieler im "eigenen" Verein, je mehr sind die Affenrufe, die innerhalb der Beschimpfungslogik den Zweck haben, den Gegner zu beleidigen, auch eine Beleidigung für die schwarzen Spieler der eigenen Mannschaft. Dies, so Schwenzer, ist aber nicht als positive Reflexion im Sinne eines Hinterfragens der rassistischen Mechanismen zu verstehen. Denn solange die eigene Mannschaft keine schwarzen Spieler auf den Rasen schickt, scheint der rassistische Rückgriff auf Urwald und Affe sehr wohl legitimiert.

Beleidigung als Form der Inszenierung ist laut Schwenzers Untersuchung stark gekoppelt an das Setting des Fußballstadion. "Man versucht immer, den Gegner zu beleidigen", erklärt ein Fan im Interview. "Wenn der Spieler schwarz ist, schreit man halt: ‚Scheiß Schwarzer', wenn er abstehende Ohren hat, ‚Scheiß Segelflieger', und wenn er drei Eier hätte, würde man ihn deswegen beleidigen." Die Beleidigung fußt auf (so definierte) Schwachstellen und eine schwarze Hautfarbe gilt demnach als solche. "Damit knüpft man an gesellschaftliche Ungleichheitsdiskurse an", meint Schwenzer, was aber vor der Folie der kulturellen Logik des Fußballspiels gelesen werden muss, wo besondere Regeln gelten oder besser: geltend gemacht werden.

Bewusste Verstöße, tabuisierte Beschimpfungen werden in einer Art Performance zur Provokation der gegnerischen Mannschaft eingesetzt. "Hier kann man sich gehen lassen, obszön, vulgär, rassistisch und sexistisch sein", fasst Schwenzer die Besonderheit der Stadionregeln wider die Tabus zusammen. Das Prinzip heißt Masse und Macht, was bedeutet: im Schutz der Masse oder durch die Emotionalität der Masse hingerissen, Dinge zu sagen, die sonst nicht gesagt werden würden oder könnten. Primäres Kriterium für die Auswahl von Beschimpfungen ist für Fußballfans neben dem transportierten Inhalt der Beschimpfung auch deren Rhythmus, Reim oder Skandierfähigkeit.

"A-sy-lanten" wird so zu einem Synonym für "Arschloch", ist aber von Seiten des Metrums "schöner" zu rufen. Rassistische und rechtsextreme Beschimpfungen von Fußballfans können also durchaus neutral im Sinne von bereits abgeschliffen verwendet werden, machen aber mit ihrer Ruf-Existenz im Stadion etwas transparent: Dass Weiße keine Affen sind und Asylanten nicht einfach nur Asylwerber. Und darüber sollte mal nachgedacht werden. Mindestens. Und der Ro-- sagt ja: "Die Autofähnchen, die mag ich." Und ich? Ich sage: Weil letztens fuhr ein türkisches an mir vorbei, und kroatische sehe ich auch immer wieder ...

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