gesellschaft – 03.06.2008
Mein alter Kumpel Fußball

Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele


Ich habe nachgedacht. Zurzeit bin ich ja schon eher ein Moppelchen. Also vom Fassungsvermögen her nicht unbedingt dick, denn so manch Gewand ist noch imstande so zu tun, als hätt ich nicht all das gegessen, was ich alles gegessen habe. Dick also nicht. Schlank oder gar dünn, das wär aber auch falsch, denn jetzt wo ich mein Rad wieder in Betrieb genommen habe, spür ich's ganz deutlich, wenn ich über einen Straßenhubbel fahr: Es schwabbelt ganz schön um Bauch, Beine, Po. Und apropos spüren: Sehen tu ich's auch. Aber nur dass ihr's wisst: Ich versuch mir eine gelassene Gleichgültigkeit anzutrainieren, jawoll! Denn kann ich nicht wöchentlich von Feminismus trällern und mich dann unter Mühe und Kraftanstrengung formen, um in den Guss zu passen, der mich bisher so beeindruckte und in den ich eh nie passte, weil mein Körperfett eher zum Ausfransen neigt als zum Strammstehen. Weil wieso, frag ich, mit sich hinterm Berg halten, wenn's nicht für den Strand reicht?

Weil um auf Moppelchen zurück zu kommen: Ja, lieber Andreas, in der österreichischen Politik gibt's derer auch genug, da bin ich ganz bei dir, aber machte doch der Anfang des Jahrtausends tätige Finanzminister KHG immer eine bessere Figur als all die anderen. Umgab diesen doch die Aura eines Gesunden, Starken. Er war einer, der (zumindest laut gestähltem Aussehen) alles schafft. Und diesen Herrn ordne ich als klassisches Beispiel eines neoliberalen Körpers ein. Dass der Gusi oder der Pröll Erwin ein solches Beispiel eben nicht abgeben, unterschreibe ich. Die Eva Glawischnig vielleicht, aber jetzt ufern wir wirklich aus. Weil eigentlich wollte ich nur sagen: Die neoliberale Körpermetapher ist eine Theorie, an der auch praktisch viel dran ist, die – eh klar – nicht jeder und jede zu erfüllen vermag, auf die hin aber doch (fast) alle gemessen werden und sich selbst messen, unbewusst (siehe die einschlägigen Magazine: wie kommt frau zum "Bond-Body" oder man zum "Six-Pack"). Im Übrigen ist die Politik, wenn wir ehrlich sind, auch wieder nicht überdurchschnittlich dick oder hässlich bestückt, sondern eher Mittelmaß, und Anzug und Kostüm werten ja auch ein bisserl auf.

Und um auf die Aura zurück zu kommen: So eine haftet ja gemeinhin auch dem Fußballer an. Der nämlich posiert in seiner Freizeit schon mal für viel Geld in einem Hochglanzmagazin mit oben ohne. Und Männer und Frauen begehren dann entweder ihn oder so zu sein wie er. Anzuraten ist es wohl, wenn ein Mann eher begehrt, so zu sein wie der, als eben den, denn was (trotz all der ritualisierten Körperlichkeit wie Umarmen, Herzen, Küssen auf dem grünen Rasen) gar nicht geht: Schwule im Stadion. Sei's auf dem Feld, sei's auf der Tribüne, für Schwule ist der Zutritt verboten, denn Schwule sind ja keine richtigen Männer, und ist doch der Fußball eine der letzten Männerbastionen in dieser Welt. (Bis vielleicht auf die Metallbranche. Oder die Jurisprudenz. Oder Eishockey. Und Hip Hop. Und ...)

Der Kampf gegen Homophobie im Stadion hat keine ausreichende Lobby, um angemessen entgegen zu wirken. Es gibt kaum Träger(innen) für einen anti-homophoben Diskurs in diesem stark heterosexuell strukturierten Bereich. Fanschals mit den Worten "Geile Weiber, Fußball und Bier" verraten, was echte Fußballfans an primären Vorlieben gefälligst zu pflegen haben, um dazuzugehören. Die gegnerische Mannschaft als "Schwule" zu beschimpfen, ist dabei so gängig, dass die Diskriminierung, die dahinter steckt, gar nicht mehr wahrgenommen wird. Die Ethnologin Victoria Schwenzer, die das Verhältnis von Rassismus, Sexismus und Homophobie im Fußballstadion untersucht hat, sagt hierzu: "Die an sich semantisch neutrale Bezeichnung wird als Abwertung der gegnerischen Fans benutzt, die schon in die Alltagssprache übergegangen ist." Bezeichnungen wie Schwule, Schwarze, Juden oder Asylanten funktionieren ja nur deshalb als Beschimpfung, "weil dies eine Chiffre für einen niederen gesellschaftlichen Status darstellt".

Die Hetze gegen (männliche) Homosexuelle ist im Stadion an der Tagesordnung. Die Erniedrigung des Gegners erfolgt über homophobe Diskriminierungen. Über Sprüche wie "Ihr spielt ja wie Mädchen!" wird die symbolisch kastrierende "Entmännlichung" herbeigeführt. Schwenzer, die für ihre Studie auch Feldforschung betrieb, bekommt von einem Fußballfan erklärt: "'Schwule' ist eine der meist gerufenen Beschimpfungen bei uns im Stadion, 'schwule Sau', 'Schwuchtel'. Und auch dieser Gesang: 'Arschloch, Wichser, Hurensohn, weil du ein Arschloch bist und schwul.'" Wer als schwul bezeichnet wird, ist es per Logik also nicht: Ein richtiger Fußballer nämlich, ein richtiger Fußballfan. Da scheint es verständlich, dass es sich bei diesem rauen Klima keiner leisten kann, sich als schwul zu outen. Und mit dem Coming Out ist das ja so eine Sache. Nämlich eine, zu der keiner und keine sich gezwungen fühlen muss, solange es bei Heteros verabsäumt wird, eine Pflichtübung in Sachen "Warum ich wen liebe und mit ihm und ihr wie genau Sex habe" einzuführen. Doch ist das Coming Out eben auch eine politische und befreiende Sache, nicht nur im Alltag, sondern eben auch im Männerraum Fußball. Coming Outs sind maßgeblicher Faktor bei der Sichtbarmachung von (und der Einforderung von Akzeptanz für) Homosexualität.

Doch Schwule im Fußball sind unsichtbar, nach wie vor. Wen wundert's? Kein Fußballclub würde einem seiner Spieler anraten, sich zu outen, stattdessen werden – zumindest laut Fußballmagazin "RUND" im Jahr 2006 – die Fußballer, um die sich Gerüchte auszubreiten drohen, zu Scheinehen überredet, bei denen oft auch Kinder in der Gage mit enthalten sind. Denen, die sich geoutet haben, ist es nicht immer gut bekommen. Und Rückendeckung seitens der eigenen Mannschaft gibt's auch keine. Weil müssten doch die Kollegen eines schwulen Spielers ab sofort mit dem Rücken zur Wand duschen, weil die Gefahr, gestochen zu werden, wenn man sich zur Seife bückt, groß ist – den "Witz" kennt jede/r. Der erste schwule Fußballer, oder besser: der erste bekennende schwule Fußballer, war der Engländer Justin Fashanu. Er hatte sich 1990 zu seiner Homosexualität offen bekannt und sich 1998 (nach einer Vergewaltigungsanschuldigung und der Befürchtung aufgrund seiner sexuellen Orientierung keinen fairen Prozess zu erhalten) erhängt. "Schwul und eine Person des öffentlichen Lebens zu sein ist hart", schrieb er in seinem Abschiedsbrief.

In der Österreichischen Bundesliga ist bisher noch alles in Ordnung, keine "schwule Katastrophe" in Sicht. Bei fünfhundert Profispielern müsste es statistisch gesehen aber fünf Prozent, also am Stück ganze 25 schwule Fußballer geben, wie "QWien Zentrum für schwul/lesbische Kultur und Geschichte" für eine Aktion errechnete. Doch will der (österreichische als auch der internationale) Fußball davon nichts wissen. "Homo : Foul" nennt sich der Plakatwettbewerb, den "QWien" im September 2007 anlässlich der schon ins Haus stehenden EM2008 startete. Bis 30. Mai 2008 konnten europaweit Plakatvorschläge eingereicht werden, voraussichtlich am 4. Juni sollen die Ergebnisse online veröffentlicht werden. Und diese Daten habe ich nochmal gegengecheckt, dafür würde ich meine Hand ins Feuer legen, ich schwöre. Dieser Wink mit dem Zaunpfahl gilt dem Herrn Wurf Mauler, der mich letzte Woche der Ungenauigkeit rügte und Recht tat damit. Und der Ro-- sagt ja: Genau gesehen werde ich keines dieser EM-Spiele mitverfolgen. Und ich? Ich sage: Bei mir stehen die nächsten Wochen ganz im Zeichen des runden Leders.

Link dazu ...
Homo:Foul



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