Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele
Ich habe nachgedacht. Vielleicht sollte ich mein Leben ab nun nach dem Mond richten, denn mein Tageshoroskop prophezeite mir, ein freundlicher Mensch würde mir eine Tür öffnen, und tatsächlich: ein freundlicher Mensch hatte mir eine Tür geöffnet, nämlich der Tho--, mit Hilfe eines Löffels, weil der Griff abgebrochen war, und wir sprechen hier über eine Waschmaschine und vergangenen Samstag, und ich bin mir gar nicht so sicher, ob Mond und Astrologie etwas gemeinsam haben, doch habe ich das unbestimmte Gefühl, ich sollte in memoriam dieser Türöffner-Prophetie wem oder was auch immer da die Fäden zieht ein Stück meiner Aufmerksamkeit angedeihen lassen: Zum Beispiel durch Haare schneiden nur noch bei Löwe und hungern ab sofort bei zunehmendem Mond.
Weil um auf die Waschmaschine zurück zu kommen: Wir wussten sofort, eine neue Tür ist fällig, und begannen verzweifelt zu beten - "Aus der Tiefen rufe ich, Herr, zu dir" -, die möge nicht der Bär kosten. Und während wir uns Gedanken um unsere Finanzen machten, griff ich zur Rohrzange, um nach der Löffelsache ganz heldinnenhaft wenigstens den Schlatz aus den verstopften Armaturen zu kratzen, und während ich alles auseinanderschraubte und den Dreck aus den Rohren kitzelte - Na wo is er denn, na wo is er denn? -, brach ein Stück der rostigen Armatur entzwei. Und jetzt, jetzt muss ich auch dafür beten, sei's drum. Spätestens in diesem Moment begann ich darüber nachzudenken, ob die Türöffnersache das ganze Sanitäranlagenunglück womöglich erst einleitete, wusch mir mit dem Kopf in den Wolken den Schlatz von den Fingern und diese herunter gekommene Altbauwohnung stank mir bis hier, was nicht weiter schlimm ist, denn eine neue hab ich bereits in petto.
Jetzt mögt ihr denken, typisch, klar, eine Frau greift zu Werkzeug und alles geht den Bach runter. In Wirklichkeit war obige Darstellung bloß verkürzt und nahm die wahren Übeltäter für den Bruchteil einer Sekunde in Schutz, doch jetzt, jetzt bricht's aus mir hervor, weil um mein Gesicht zu wahren, kann ich nicht anders als zu petzen: der Tho-- war's, der den Griff abbrach, der Ro-- der mit der Armatur, ich, ich hab mir eigentlich nichts vorzuwerfen. Alles in allem hätte ich den Nachmittag dennoch in der Sonne zubringen sollen anstatt aufzubrechen, um Wäsche zu waschen und Installationskrämpfe zu beseitigen, meine Sommersprossen hätten eine Auffrischung ganz gut vertragen und der Schlatz hätte wohl noch einen Monat durchgehalten, bis ihn andere befreit hätten.
Und apropos Sommersprossen: Mit denen bin ich ja einzustufen als eher heller Hauttyp, sprich Sonnenschutz der Kategorie 50 oder Hautkrebs irgendwann. Doch noch fühl ich mich unverwüstlich, der Hautkrebs imponiert mir nicht. Das ist wie bei RaucherInnen, ein hypothetisches Bein weniger scheint da auch keine Bedrohung. Bis es so weit ist. Und das bringt mich auf das Folgende: Braun und durchtrainiert ist das herrschende Körperkonzept. Aber wieso? Was ist los mit der Schönheit der Rubensfiguren und dem edlen Weiß?
Es ist nicht ihre Zeit. Denn viel abgewinnen kann ich der Körpertheorie im Neoliberalismus. Nicht weil ich sie so toll finde, sondern weil ich glaube, dass was dran ist: "Absolut natürliches Körper(er)leben gibt es nicht. Dieses ist stets kulturell vermittelt. Jede Kultur bringt daher eine ihrer Kultur eigene Körperkultur hervor. Wenn es zutrifft, daß sich auch Politik in die Körper der Menschen einschreibt, daß auch Körper ‚Geschichte(n)' reflektieren, so muß dies auch für neoliberale Formgebungen von Politik und des Politischen gelten", sagt die Politikwissenschaftlerin Eva Kreisky. "Das jeweils dominante Herrschafts- und Geschlechterarrangement setzt sich in die Ordnung des Körpers fort." Und die derzeit herrschende, auf den Neoliberalismus referierende Körpermetapher heißt: Das Körperideal ist der Idealkörper.
In einem aggressiven Kapitalismus, wo der Sozialstaat abgelehnt wird als verweichlicht, als effeminiert, wird eben dies aus den Körpern zu vertreiben gesucht: Das Weiche, und das Weiche, das assoziiert die Frau. Mit einem durchtrainierten Körper vermag der Mann heraus zu streichen, dass er ein Mann ist, der Körper dient als Beweis. Und der erfolgreiche Frauenkörper gleicht sich dem männlichen Körper an, trainiert oder hungert das Weich, zu dem das weibliche Bindegewebe nun mal tendiert, ganz einfach via Fitnesscenter und Diät weg. (Geschlechtliches Erkennungszeichen bleiben Stilettos.) Wenn Unternehmen schlank und straff wirtschaften, ist dick marktuntauglich. Das Humankapital Körper veranschaulicht das. Ein Bierbauch ist da nicht drin. Und große Busen sind zwar super und alles, aber ein Mann ist das halt nicht.
Denn nur als Mann wird frau erfolgreich. Bestes Beispiel hierfür ist wohl die "eiserne Lady" Margaret Thatcher, die in den englischen Achtzigern als "der einzige Mann im Kabinett" gehandelt wird. Klingt wie eine Aufwertung, ist es aber nicht. Und unter anderen war es der Mann Margaret, der dem Neoliberalismus auf die Sprünge half: "There is no such thing as society", behauptete er, und spätestens ab diesem Zeitpunkt war der Sozialstaat von gestern. Der straffe Körper als neoliberale Kultfigur findet seine größtmögliche Steigerung übrigens im Bodybuilding, wo dem Weiblichen per se kein Platz eingeräumt wird, weil es weggebuildet wird. In "Die Krieger des Marktes", einem Film vom deutschen Kulturwissenschaftler Spencer Kiesow, sitzt der junge Arnold Schwarzenegger wie ein Stein mit Schafblattern zwischen seinen Fitnessgeräten, pumpt seine Muskeln auf und rezitiert eine Hymne auf das Gefühl, das ihn beim Trainieren überkomme, erigierter Ganzkörperpenis nämlich: Es sei, so Schwarzenegger, wie wenn ein Orgasmus den anderen ablöse, den ganzen Tag über, und in der Nacht, da ginge es dann kräftig weiter.
"Und der ist jetzt kalifornischer Gouverneur", hörte ich später, als ich die Schafblattern-Geschichte erzählte, und ich dachte mir: Die multiplen Orgasmen sind nicht der Punkt. Auch ein kalifornischer Gouverneur darf Spaß haben und von mir aus täglich und in Intervallen, dass du denkst Wiener Linien, nur: Wenn das Weiche, Weibliche keinen Platz hat, dann gilt das auch für die Herrschaftsstrukturen, dann gilt das - im Neoliberalismus - vor allem für die Herr!schaftsstrukturen: Von 183 Abgeordneten im österreichischen Nationalrat sind nur 58 weiblich. Von 2.357 Gemeinden haben nur 78 eine Bürgermeisterin. Und von 626 GeschäftsführerInnen der österreichischen Top-200-Unternehmen sind nur 29 tatsächlich -innen.
Alle auf den Neoliberalismus! spielt sich hier aber auch wieder nicht, denn waren Patriarchat, Sexismus und alte Traditionen ebenso (und schon viel früher) am Werk. Fakt ist: Es gibt keinen Grund, weshalb nicht Halbe/Halbe gemacht werden sollte. Außer vielleicht den einen: Der Schwanz. Aber der kommt auch noch weg. Nämlich spätestens, wenn Halbe/Halbe erreicht ist, trete ich dafür ein, dass jetzt die Geschlechter(definitionen) aufgelöst werden. Weil dann macht "er" oder "sie" keinen Unterschied mehr (und bei Bewerbungsgesprächen werden nicht mehr nur Frauen gefragt, ob sie Familie planen.). Im Übrigen wird dann auch endlich das dritte Geschlecht mitgedacht, das ganz nach dem Motto "Ich sehe doch, ob das eine Frau ist oder ein Mann" gern unter den Tisch gekehrt wird, und das, obwohl jedes zehnte Kind, das auf die Welt kommt, in die herkömmliche biologische Interpretation von Mann und Frau nicht reinpasst. Und der Ro-- sagt ja: Hinter dem Binnen-I glauben doch tatsächlich manche Männer ein Phallussymbol zu entdecken. Und ich? Ich sage: Mann, ist das peinlich!
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Intersexualität
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Der Körper als Phallus