Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele
Ich habe nachgedacht. Die blonde Promiskuitive aus der New Yorker Feschefrauen-Serie war am Samstag in Wien und auf dem Life Ball. Eigentlich eine gute Sache, aber wer weiß, weit dürft es nicht her gewesen sein mit ihrem (ehrlichen) Engagement, denn in der in Wien allen nachgeschmissenen Wochenend-Hochglanz-Ausgabe des Wochentags-Mattdruck-Gratisblättchens "Heute" sprach sie im Vorfeld bloß darüber, dass sie ein Kleid tragen wird, dass sie ein "fantastisches Kleid" tragen wird, dass sie noch zwischen zwei Kleidern wird wählen müssen, dass die zwei Kleider beide ganz holla die Waldfee Hammer sind, dass nämlich das eine Las-Vegas-Diva und das andere quasi Spartacus, dass ... ja, dass sie halt ein Kleid an haben wird, ein Kleid, sehr richtig, jawohl.
Details, die es halt zu klären gilt, wenn bald der Film zur Serie Premiere feiert und die Marketingmaschinerie anrennt, alles andere ist primär, wie manch einer vielleicht sagen würde. Und auch wenn es jetzt Frauen gibt, die einen Spruch wie "Die Männer mögen vielleicht das Feuer entdeckt haben, die Frauen aber, wie man damit spielt" zum femme fatalen Sprichwort erheben, ich nehme das alles eher locker und zitiere: "Sex and The City is a lie, you can"t make a living by writing a column", weil wenn ich etwas weiß, dann ja wohl genau dieses da.
Denn um auf den Life Ball zurück zu kommen: Tolerant, lebenslustig, karitativ, das schreib ich mir auch gern auf die Stirn, wenn"s denn der Karriere dient. Nun liegt mir aber nichts ferner, als Leute zu bezichtigen, das Thema Aids nicht für voll zu nehmen, nein, ich find es super, ganz ehrlich, dass sich so viele Promis vor den Karren spannen lassen und Geld schaufeln für den guten Zweck. Aber da der Life Ball nach 16 Jahren eh einen so guten Stand hat, dass es (hoffentlich) nur noch weiter bergauf geht, möchte ich doch mal kurz und kleinlaut Kritik üben:
Aids ist keine Homo-Krankheit. Dieser Eindruck könnte aber leicht entstehen, denn ist der Life Ball neben seinem Benefiz für Aids-Projekte eben auch eine große pinke Sause. Um es mit der amerikanischen Anthropologin Gayle Rubin zu sagen: "Schlimm genug, dass sich die schwule Community mit dem medizinischen Unglück auseinandersetzen muss, diejenige Bevölkerungsgruppe gewesen zu sein, innerhalb deren sich eine tödliche Krankheit zuerst zeigte ..." Die (durchschnittliche) öffentliche Wahrnehmung trennt nämlich eher ungern zwischen Aids und Homosexualität, kommt dieses Makel doch recht gelegen, um Vorurteile mit Material zu füttern.
Homosexuell ist nicht gleich schwul. Weil Überraschung: Es gibt auch weibliche Homosexuelle. Nur haben die ein Problem: Nicht ganz so "sichtbar" zu sein wie die Männer nämlich. Denn gibt es zwar den "Witz" mit "Batman und Robin sind eigentlich schwul", aber wer kennt schon ein weibliches Pendant? Die Randstellung von lesbischer Liebe und lesbischem Sex ist kulturgeschichtlich gesehen nicht nur von der Frauen "Häuslichkeit" (und also tatsächlichen Unsichtbarkeit) abhängig, sondern unter anderem auch von der (angeblich) fehlenden Penetrationsmöglichkeit. Nun dürfte aber sowohl die aufgezwungene Häuslichkeit im 21. Jahrhundert wohl endlich für immer passé sein als auch der Irrglaube, eine Frau könne eine andere Frau nicht annähernd so penetrieren wie eben ein Mann. Und Übrigens: Das Problem scheint mir doch irgendwie im "annähernd ... wie ein Mann" zu liegen und führt jetzt aber echt zu weit für diese Kolumne, weil:
Ich hab noch was zu vermelden: Der Life Ball-Vater Gery Keszler wurde letztes Jahr von der rechtskonservativen Zeitung "Zur Zeit" in einem Homosexualität allgemein diskriminierenden Artikel "Berufsschwuchtel" genannt. Keszler klagte den Begriff (weil ein ganzer Artikel nicht geklagt werden kann) und ... verlor. Weil nämlich - so die Richterin - ein in der Öffentlichkeit stehender Mensch sich Kritik gefallen lassen müsse. Nun war ich ja eigentlich immer der Meinung, dass "Schwuchtel" keine Kritik ist, vielmehr eine gezielte, homophobe Beschimpfung, aber die österreichische Justiz lehrte mich mit diesem Urteil Besseres, und so gesehen kann ich nur froh sein, das jetzt auch zu wissen. Dann nehme ich das Posting auf der von Keszler zum Schwuchtel-Erkenntnis eingerichteten Homepage also ganz im Sinne des Richterinnenspruchs als einen produktiven Diskurs, wenn es dort heißt: "Seid froh daß man euch Schwuchteln leben läßt, eigentlich gehört ihr ja ausgerottet, unnützes Gesindel".
Noch kurz auf ein Wort oder zwei: In Kalifornien hat das Oberste Gericht soeben das Verbot auf die Homo-Ehe als verfassungswidrig erklärt, was eine gute Nachricht wäre, wenn es nur dabei bleiben würde ... Ebenfalls in Amerika hat die republikanische Abgeordnete Sally Kern Homosexualität jüngst als regelrechte "Apocalypse now" inszeniert, indem sie prophezeite, das Land stehe nicht mehr lang, würde die Gesellschaft Homosexualität voll annehmen, denn sei doch diese eine größere Bedrohung für die USA als zum Beispiel Terrorismus. Angesichts dieser Geschichte geht es in Griechenland ja beinahe harmlos zu, wenn ein paar Inselbewohner und -bewohnerinnen von Lesbos gerichtlich gegen die "Lesbe" vorgehen: "Wir wenden uns gegen die willkürliche Nutzung des Namens unserer Heimat von Personen, die eigenartig sind."
Aber die gute Nachricht: Im September findet im Bundesland mit Österreichs (angeblich) meisten Sonnentagen pro Jahr erstmals das "Pink Wave" statt, ein internationales Lesben- und Schwulentreffen. Endlich ein Kärnten-Reiseziel abseits von GTI und Vin Diesel-Verschnitten. Und zuvor gibt"s im Juli die altbekannte Regenbogenparade über den Wiener Ring. Außerdem wird die Homo-Ehe für Österreich immer noch diskutiert (auch wenn sie diskriminierenderweise nicht an die Hetero-Ehe herankommt) und der Ro-- sagt ja: "Liest der Vater einen Zeitungsartikel mit dem Titel ‚Promiskuität und Gesellschaft". Fragt das Kind: Papa, was ist Gesellschaft?" Und ich? Ich sage: Samanthas Promiskuität ist nicht das Problem ...
Links dazu ...
Life Ball
Die Berufsschwuchtel
Regenbogenparade
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