gesellschaft – 13.05.2008
Inferno gegen Ideal

Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele


Ich habe nachgedacht. Wenn eine Zeitung headlined mit "Die Jeans ist unser treuester Freund", dann ist das einerseits korrekt, weil eine Jeans laut meiner höchstpersönlichen Mode-Knigge immer und überall zu Umwelt und Umgebung passt, ist andererseits aber auch inkorrekt, weil die Jeans nicht der Freund sein kann. Grammatische (und bei näherer Betrachtung männlichkeitsfixierte) Sprachungereimtheiten dieser Art und anderer müssen früher oder später ausdiskutiert werden. Bis dahin reiche jedoch der jetzige Wink mit dem Zaunpfahl, denn ich hab nun anderes zu tun. Auf einen Zug aufspringen zum Beispiel, auf den - no na - österreichische Boulevard-, aber auch ernster zu nehmende Medien längst aufgesprungen sind.

Auf den "Fall F." nämlich, den die österreichische Presse als pathologisierten Fall der Perversion von der eigenen österreichischen Normalität abgrenzt. Auf den "Fall F." nämlich, den die Weltpresse nun als pathologisierten Fall einer österreichischen Gemeinschaftsperversion dem ganzen Keller-Land (vergleiche Kampusch) anlastet. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Soll heißen: Das Österreich unterstellte Perversions-Gen einerseits ist genau so heiße Luft wie die von Österreich aufgesetzte Unschuldsmiene andererseits. Die Berichterstattung über den derzeit in allen Medien eher mehr als weniger objektiv verhandelten Entführungsfall - wo eine Tochter von ihrem Vater vierundzwanzig Jahre lang im Keller gefangen gehalten, vergewaltigt und sechs Mal geschwängert wurde, wo der Boulevard ohne falsche Scheu voll ausgeschriebene Namen druckt, wo der richtige Name einem Kosenamen sehr ähnlich kommt und beinahe auch als solcher gehandelt wird - ist eine scheinbar logische:

"Acht Türen bis zur Unterwelt!", "Horror-Verließ", "Bestie", "Monster", "Er war pervers" et cetera. Nicht nur, dass in diesen journalistischen Betitelungen die typische Absatz fördernde Emotionalität hergestellt wird, was ja Objektivität per se untergräbt, auch wird durch die ständige Betonung einer scheinbaren Monstrosität eines erreicht: Die Abgrenzung des "perversen" Verdächtigen (definiere pervers!) von der in ihrer Natur (definiere natürlich!) ja eigentlich nicht perversen Familie. Mit dieser Glorifizierung und Idealisierung wird ein Bild erzeugt, das als gültig vorausgesetzt wird und in einem weiteren Schulterschluss dazu führt, dass Missbrauch und Gewalt als von außen kommende Gefahren (fehl)interpretiert und sohin nie und nicht innen gesucht werden. Ein Grund, weshalb sexueller Missbrauch vor allem im innerfamiliären Bereich stattfindet, aber dennoch so getan wird, als wäre der Prototyp des Kinderschänders eben nicht "einer von uns", sondern einer von außen.

Zuletzt bleibt mir noch auf etwas gänzlich anderes hinzuweisen, nämlich erstens: Beim Nassrasieren halte man und frau den Nassrasierer lieber eine Armesbreite weit weg von Brustwarze und anderen Körperknöpfen, sonst kann da nur allzu leicht mal was dran glauben. Und zweitens: Wenn im "Mystery-Fall" des "Thrillers" rund um den Mord an einer 18-jährigen Schülerin vor zig Jahren heute noch diverse "Dichter"-Hinweisbriefchen auftauchen und laut der Gratiszeitung "Heute" für die richtige ("geheimnisvolle") Lesart "Germanistik-Experten" herangezogen werden, überkommt mich das erleichternde Gefühl, dass Germanisten und Germanistinnen neben ihrer Tätigkeit als Literaturwissenschaftler und Literaturwissenschaftlerinnen doch auch für die Gesellschaft Sinnvolles vollbringen. Und der Ro-- sagt ja: "Wenn ich groß bin werde ich Feuerwehrmann!" Und ich? Keine Frage: Expertin der Germanistik.



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