gesellschaft – 06.05.2008
Sie sind sicher eine gute Liebhaberin

Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele


Ich habe nachgedacht. Hier stehe ich und kann nicht anders ... als das letzte Thema nochmals aufzugreifen nämlich. Vorige Woche sprachen wir über die Tatsache, dass sexuelle Belästigung in gewissen Gesellschaftssystemen stattfindet, ohne als mehr zu gelten als als bloße - scheinbar geschlechtsneutrale - Frechheit. Jedenfalls ist dies das Resümee, das mir einschoss, als ich den Frechheits-Gedanken überwunden hatte und sich die exaktere Bezeichnung der sexuellen Belästigung endlich einstellte. Denn die Definition ist eine einfache, merkbare, hinter jedes Ohr leicht schreibbare: "Sexuelle Belästigung ist eine Form von Belästigung, die insbesondere auf das Geschlecht der betroffenen Person abzielt." Das sagt zumindest - das nicht immer glaubwürdige - Wikipedia. Ohne Überprüfung, aber mit großer Überzeugung kann ich nun sagen: Logisch! Sexuelle Belästigung baut auf auf einen Lustbegriff, auf Hierarchie. Und die wird (spätestens) performativ hergestellt in (spätestens) einem Moment, in dem einer oder eine einer oder einem zu nahe tritt, verbal, nonverbal, ganz egal.

Weil um auf Frechheiten zurück zu kommen: Eine Frechheit ist nicht nur, dass sexuelle Belästigung wie selbstverständlich passiert (heißt: gemacht wird), sondern auch, dass ich als eine, der das doch eher sauer aufstößt, hysterisch geschimpft werd, und prüd, wenn ich zu einem sexistischen Kompliment nicht "Danke!" sag und höflich knicks, sondern einen sexistischen Übergriff eben auch als solchen wahrnehme. Ja, dass ich erst mal geknickst hab, weiß ich - danke! - selbst, und genau da liegt ja auch der Hund begraben.

Sexuelle Belästigung ist kein Kavaliersdelikt (sic!), wird aber dennoch als solches behandelt und eben erst mal nicht geahndet, weil das ist bloß ein Schäkern, das ist halt ein Charme. Das Problem? Schieflage, Grenzfrage. Schieflage im Sinne von Einseitigkeit, und Grenzfrage als Übertritt vorhandener, je nach Systemverbundenheit changierender Intim- und Geschlechtergrenzen. Doch bei der Frau sind die Grenzen schnell mal übertreten: Etwa vierzig bis fünfzig Prozent der arbeitenden Frauen gehören zu den sexuell Belästigten, bei Männern sind's dagegen ("nur") zirka zehn Prozent.

Eine frei Haus gelieferte Interpretation dieser wohl eindeutigen Zahlen schenk ich mir. Wer's nicht versteht, den und die hat das System. Und der Ro-- sagt ja: "Systeme sind veränderbar." Und ich? Ich sage: Denkt mal darüber nach.



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