Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele
Ich habe nachgedacht. Manchmal hab ich mich ja schon nicht unter Kontrolle. Der Ste-- zum Beispiel bat, ich möge doch bitte sehr "schön" reden, Fäkalienvokabular sei nicht bei ihm. Das war vor zwei Jahren und ist so gesehen Schnee von gestern, doch denk ich mir heut schon manchmal, wie blind und blöd ich kurzfristig war, aus den Augen zu verlieren, dass ein vollkommen angebrachtes "Scheiße!" weniger die Situation eigentlich auch nicht rettet. Denn unter uns: Auf eine so dreiste Bitte hätt ich ganz klar mit Götzens "Er lecke mich im Arsche" aufwarten, es nicht sexuell buchstäblich, sondern tatsächlich sprichwörtlich meinen und den Hut ziehen sollen.
Aber um aufs Schönsprechen zurück zu kommen: Das kann ich ja mittlerweile wie ein Einser. Denn nach einem erfolgreich hinter mich gebrachten Stimm- und Sprechtraining weiß ich nämlich, dass es nicht auf verschliffen Wienerisch "Schäiße" heißt, sondern auf gut Deutsch "Schaeße". Seitdem bin ich entzückt, wenn ich nur den Mund aufmache. Jedenfalls bei Präsentationen und Lesungen und anderen offiziösen Pipapos. Weil ich empfinde es als starken Vorteil zweisprachig zu leben: Mit aenem mittelalterlich anmutenden Vorarlbergisch und aenem gediegenen Bühnendeutsch werde ich noch waet kommen in maenem Leben.
Doch dieser Meinung sind längst nicht alle. Hatte ich doch letztens in jenem Büro, in dem ich von Montag- bis Mittwochabend seit meinem ersten Studienjahr treuen Frondienst an Schreibmaschine und Telefon ableiste, einen solchen Querulanten in der Leitung. Klingelt’s. Red ich mein schönes Bühnendeutsch. Sagt er, bei dem reinen Deutsch traue sich ja kein Mann mich anzusprechen. Sag ich, das brauche es auch nicht, weil ich doch eh verlobt sei. Sagt er, das tue gar nichts zur Sache, wenn da einer komme, reich und schön, dann täte ich schon wechseln, ich solle mein Deutsch ablegen und wieder Dialekt reden, woher ich denn komme. Sag ich (denn zu Geschäftskontakten smalltalkhalber nett zu sein, ist im Sekretärinnen-Stundensatz inbegriffen), Schruns, Vorarlberg. Sagt er, die Schrunserinnen seien die besten Liebhaberinnen. Schluck ich. Sagt er, er sei ja nicht so alt, wie er wirke. Schluck ich immer noch. Sagt er, er kenne ja meine Chefs und deshalb könne er mir das, glaube er, sagen, ich solle wieder Dialekt reden, dann würden mir die Männer die Türen einrennen, aber das Deutsch klinge zu hart, ich solle diesen Rat annehmen von ihm, Dialekt, Männer, Türen. Schluck.
Und was mach ich? Ich leg den Hörer auf, sitz da mit offenem Mund, und frag mich, wie es nun dazu kommen konnte? Dass mir einer auf offener Straße nachpfeift, ohne dass ich drum gebeten hätte. Dass ich mit einem halbgaren Spruch angemacht werde, ohne dass ich drum gebeten hätte. Dass mir einer unter den Rock schaut, ohne dass ich drum gebeten hätte. Die Antwort? Ich bin genauso in diese patriarchalische Machismo-Schaeße verwickelt wie alle Frauen.
Und wem’s aufgefallen ist: Ja, in der dieswöchigen Kolumne bin ich nicht gerade eine Witzeschleuder. Und nein, ich entschuldige mich nicht dafür. Weil ich noch mit meiner Telefonpleite zu kämpfen hab, zum Beispiel. Weil schon mal die Luft draußen sein kann, unter anderem. Weil ich auch einfach mal nicht wollen darf, außerdem. Und der Ro-- sagt ja: "Wie wär’s mit drüber schlafen?" Und ich sage: Aen Glück, mit diesem Trick glaub ich wieder an alles.
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Götz von Berlichingen
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