Je länger die Haare, desto kürzer der Verstand
Von Nadine Kegele
Ich habe nachgedacht. Mein Vater sagt, ich hätt schon als Kind immer alles persönlich genommen und sei sowieso zimperlich. Und auch wenn er das mit dem "immer" nicht wissen kann, weil er immer nicht da war, hat er Recht: Ich nehme alles, aber echt alles persönlich und bin in dieser Hinsicht zimperlich, sehr wohl, ja ja. Also, würd ich zum Beispiel zu hören bekommen, "Es ist nicht, dass ich dich hässlich finde, du bist hässlich", würd ich trotz dieser als objektiv geheuchelten, aber eben doch nur subjektiven Impertinenz mit Herzklopfen und wie ein geprügelter Hund in ein Eck kriechen und erst mal darüber schlafen, weil schnelle Reaktion ist nicht in dieser mich so just überwältigenden Kümmernis, ist nicht, nein nein.
Und um auf meinen Vater zurück zu kommen: Auf Psychohygiene im öffentlichen Raum steh ich genau so wenig wie auf Machos, die ihre Eier am Liebsten im Gesicht tragen würden, damit alle, aber auch alle sie sehen können. Herzscheiße ist von mir nicht zu erwarten, womit ich sagen will: Kolumnen oder anderer Literaturproduktion verbiete ich ganz Weltpolizei jeglichen literarischen Verdauungsgestus, weil verlängerte Tagebücher sind nicht Sache der Öffentlichkeit. Ich sprech da natürlich nur in meinem werten Namen und das ist auch bloß meine bescheidene Meinung, aber immerhin hab ich an dieser Stelle wöchentlich Platz, um sie Österreich vor den Latz zu knallen, ha! Obwohl:
Gefressen kann auch später werden. Und bei Schluckhemmung mach ich nicht auf Faschistin, sondern bin weiterhin so handzahm wie ein zutraulicher Hirschkäfer, weil das bringt mein Blut nicht in Wallung, tut es nicht, nein. Mein Vorbild in Sachen ruhig bleiben ist ja übrigens Josef Haslinger, der mal bei einer Diskussion der Liederlichkeit beschimpft wurde von so einem Rüpel und dabei ruhig blieb wie eine Wand, oder ein Stein, oder eine Spinne, die sich tot stellt, aber jedenfalls nicht Zitterpappel. Und auf diese Josefsche Ruhe arbeite ich hin, weil, um in meinem Namen zu sprechen: Ein "Ich bin halt so" nützt nie auch nur das Geringste, da hilft bloß Arbeit an der Persönlichkeit, denn die ist formbar. Und apropos formbar: Zu so einem richtigen Erwachsenenleben gehört eben dazu, hin und wieder beschimpft zu werden. Der Haslinger Josef weiß das und ich schau mir das ab von ihm und steck Schimpf und Schande in Zukunft weg wie nix, nämlich kaltblütig. Daher:
Auf ein Wort!, liebe Leser und Leserinnen: Wenn ihr in den Postings (immer gern erwünscht!) zu meinen Kolumnen schimpft, dann richtig! Mit Spott und Hohn und Dreistigkeit. Aber: Mit Begründungen bitte auch. Weil was weiß denn ich, was ich bei nem saftigen, aber doch irgendwie uneindeutigen Rüffel alles zwischen den Zeilen zu lesen hätt, wenn mir's niemand sagt! Denn nur, damit wir uns richtig verstehen: Das hier ist eine feministische Kolumne, eine wöchentliche und höchst subjektive außerdem, und mit dem Feminismus halte ich es wie mit dem Anti-Rassismus: Ist viel zu wichtig, um die Sache nicht ernst zu nehmen. Zu Ergebnissen führt ein Diskurs und kein dahingeworfenes "Wenn ich etwas sage, dann ist das so".
Und um dieses Lehrstück gleich diese Woche auszuprobieren, hier ein paar Happen, an denen die Kunst der Kritik in kreativen Postings weiter downstairs abgearbeitet werden kann: Ich behaupte, dass (heterosexuelle) Frauen total männerfixiert sind, sich rausputzen wie Hölle und alle Register der tradierten "Weiblichkeit" ziehen, um endlich den Prinzen aufm Schimmel abzukriegen, und bis es so weit ist, den Traum vom weißen Kleid alleine träumen, und sich großartig von einer Nivea-Fernsehwerbung beeindrucken lassen, in der eine junge Schöne mit Feuchtigkeitscreme ihre straffen Schenkel einschmiert, gefolgt von einem Bilderkranz eines romantischen Stelldicheins, einer Hochzeit, einer glücklichen Mutterschaft, der suggerieren soll: Du kannst es schaffen! Wenn du nur schmierst und schmierst und schmierst und ..., vermagst du dir den Richtigen herbeizuzaubern wie mit Voodoo die Rache für den Ex, und alle verfolgen sie mit Augen groß wie Vollmonde diese Werbung, und springen in den Drogeriemarkt ihres Vertrauens, um Unsummen für Kosmetika auszugeben, die - ja, klar! - ihr Leben verbessern wird, und fühlen sich ewig weiblich dann und ohne Mann aber wie nichts, es lebe der Androzentrismus!
Ich behaupte weiters, dass die deutschsprachige Welt zu engstirnig ist für endlich offiziell verordnete und nicht nur anempfohlene geschlechtergerechte Sprache, weil dieser ganze Aufwand ist übertrieben und unnötig, weil doch die Frau eh mitgemeint ist, weil was glaubst du denn, dieses geschlechterdingsda Schriftbild kann doch keiner anschauen, das kann ja nichts, und wie sich's anhört, nein, so redet doch niemand, diese Kampf-Feministinnen sollen sich jetzt nur nicht ins Hemd machen, das generische Maskulin ist eh für jeden da und wer das nicht versteht, dem ist nicht zu helfen.
So, für's erste muss das reichen. Kann ja nicht mein ganzes Pulver verschießen. Der nächste Dienstag kommt wie der Brand nach dem Rausch, nämlich ganz sicher, und da will auch noch was erzählt werden. Und der Ro-- sagt ja: "Schätzchen, reg dich nicht auf." Und ich? Ich sage: "Bin eh ganz ruhig ..."
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